Auch wenn der ehemalige Bundesliga-Torjäger Fredi Bobic zurzeit in den Vereinigten Staaten weilt, weiß er dennoch ganz genau, wie es um die Chancen seiner beiden Ex-Clubs Hertha BSC Berlin und VfB Stuttgart steht, für die es in diesen Tagen um die Qualifikation für den UEFA-Cup geht.

Im Interview mit bundesliga.de äußert sich der Ex-Nationalspieler zu den Chancen der deutschen Clubs im Europapokal und Erkenntnisse der Trainer in der Vorbereitung.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Chancen für Hertha, gegen Nistru Otaci weiterzukommen?

Fredi Bobic: Es muss ein klares Weiterkommen sein. Es sind undankbare Aufgaben in den ersten Runden. Man ist ja durch die Fair-Play Wertung da rein gekommen, also sollte man das Geschenk auch annehmen. Dass ein Bundesligist die erste Runde nicht überstehen sollte, wäre die größte Sensation seit langem. Aber ich gehe ganz stark davon aus, dass Hertha BSC das schafft.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Chancen für Hertha BSC insgesamt, im internationalen Geschäft zu bestehen?

Bobic: Das erste Ziel sollte es sein, in die 1. Runde des UEFA-Cups einzuziehen. Die Bundesligisten haben in der Vergangenheit meistens durch die UEFA- und UI-Cup-Qualifikation, den Einzug in die Gruppenphase geschafft, und ich gehe davon aus, dass Hertha auch das Potenzial hat, es in die Gruppenphase zu schaffen.

bundesliga.de: Wo liegen Ihrer Meinung nach die Stärken von Hertha BSC und wo sehen Sie noch Verbesserungsmöglichkeiten?

Bobic: Momentan läuft ja noch in der Vorbereitung. Man wird eventuell noch ein, zwei Spieler holen wollen. Vielleicht besonders auf den Außenpositionen, da man noch nicht weiß, wie lange Lucio ausfallen wird, oder ob er überhaupt zurück kommt. Dann weiß man nicht, ob Simunic bleibt. Da könnte auch noch was passieren. Aber insgesamt haben sie eine interessante Saison vor sich. Nach einem Jahr des Neuaufbaus muss es nun weiter gehen. Das Ziel muss der UEFA-Cup sein, auch wenn es schwierig wird. Ich glaube, das Potenzial ist noch nicht ganz dafür da, aber sie können eine gute Rolle im Mittelfeld der Bundesliga spielen und vielleicht sogar überraschen. Lucien Favre ist jemand, der auf ein kompaktes Team setzt und besonders auf die Defensive Wert legt. Und da waren letzte Saison schon gute Ansätze zu erkennen.

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die Arbeit von Favre in seiner ersten Saison in Berlin?

Bobic: Es hat auch erstmal seine Zeit gebraucht, bis er sich in die Bundesliga eingearbeitet und sein Team kennengelernt hatte. Das hat auch ein bisschen gehemmt. Er hat unheimlich viel gewechselt. Viele Spieler sind gegangen, viele neu hinzugekommen. Und da muss das Puzzle erstmal zusammengefügt werden. Zum Saisonende sah das schon besser aus. Auch wenn Hertha über die ganze Saison Höhen und Tiefen hatte, denke ich, dass er das für sein erstes Jahr sehr gut gemacht hat. Aber jetzt werden Druck und Anspruch natürlich wachsen. Ich bin sehr gespannt, wie er das zweite Jahr mit seiner Mannschaft meistert.

bundesliga.de: Am Samstag spielt der VfB im UI-Cup gegen Saturn Ramenskoje aus Russland. Eine Pflichtaufgabe?

Bobic: Eine russische Mannschaft ist nicht so einfach zu spielen. Durch Zenit St. Petersburg und die russische Nationalmannschaft sind jetzt alle gewarnt, dass auch in Russland guter Fußball gespielt wird. Der Vorteil, den die Russen haben, ist, dass ihre Saison bereits läuft und sie , anders als der VfB in der Vorbereitung, voll im Saft stehen. Ramenskoje ist mit Sicherheit ernst zu nehmen, aber aufgrund der Qualität des VfB muss die nächste Runde drin sein.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Chancen des VfB insgesamt, international erfolgreich zu sein?

Bobic: Die Mannschaft hat international schon Erfahrung gesammelt und Top-Spieler haben sie auch in ihren Reihen. Wenn Sie die Qualifikation für den UEFA-Cup schaffen, wovon ich mal ausgehe, und ihr Potenzial abrufen, können sie die Gruppenphase überstehen und dann auch weit kommen.

bundesliga.de: Der VfB Stuttgart hat mit Jan Simak und Jens Lehmann zwei hochkarätige Neuzugänge geholt. Wo sehen Sie die Stärken des VfB Stuttgart?

Bobic: Eigentlich ist der Defensivbereich sehr stark, wenn man dort nicht wieder so viele Ausfälle hat wie im letzten Jahr und die individuellen Fehler abstellt. Aber auch der Offensivbereich ist stark, besonders der Sturm. Interessant wird sein, ob Jan Simak die Rolle im Mittelfeld besser interpretieren und die Erwartungen an ihn erfüllen kann. Denn dort war in der letzten Saison der Knackpunkt beim VfB. Da ging zu wenig. Zu viele Spieler waren in ihren Leistungen zu wechselhaft. Und im Tor sind sie mit Jens Lehmann jetzt auch gut besetzt. Das war letzte Saison auch eine Schwachstelle.

bundesliga.de: Hertha und Stuttgart starten sehr früh mit dem ersten Pflichtspiel in die neue Saison. Ein Nachteil im Hinblick auf die Saisonvorbereitung?

Bobic: Das denke ich eher nicht. Die Vereine haben teilweise auch Vorbereitungsspiele auf einem höheren Niveau. Diese Problematik stellte sich eher früher. Da mussten die Clubs noch in Gruppenspielen im UI-Cup ausspielen, wer in die nächste Runde einziehen durfte, das war viel schlimmer. Heute hat man zumeist schlagbare Gegner, von daher sehe ich das nicht als großes Hindernis an. Es ist eher ein besserer Test mit Kampfcharakter und interessant für die Trainer zu sehen, wie weit die Mannschaft in dieser Phase der Vorbereitung ist.

bundesliga.de: Wie wichtig ist ein erfolgreiches Abschneiden des VfB und der Hertha international für die Bundesliga?

Bobic: Ein gutes Abschneiden ist immer wichtig. Egal, ob das jetzt der VfB oder Hertha ist. Es müssen gerade im UEFA-Cup viele Punkte gesammelt werden. Die Bundesliga hat im vergangenen Jahr auch aufgrund der Bayern, aber vor allem insgesamt, im UEFA-Cup viele Punkte gesammelt, die deutschen Vereine wie auch Bremen oder Hamburg sind weit gekommen. Ich denke, dass sich beide Teams, die jetzt noch in der Qualifikation zum UEFA-Cup sind, auch qualifizieren und mindestens in die Gruppenphase kommen werden, vielleicht sogar noch darüber hinaus. Das würde uns für die nächsten Jahre mehr Sicherheit geben, und vielleicht springt in absehbarer Zeit auch wieder ein vierter Champions League-Platz dabei heraus.

bundesliga.de: Apropos Champions League - wie sehen Sie die Chancen der Bayern, diesen Wettbewerb in dieser Saison zu gewinnen?

Bobic: Das wird interessant zu sehen sein. Vom FC Bayern wird immer der Titel verlangt. Ich bin mir sicher, dass sie wieder eine absolut gute Rolle in der Champions League spielen können, vor allem im Hinblick auf ihren neuen Trainer, Jürgen Klinsmann. Viele werden darauf schauen, ob ihm schon der große Wurf gelingen wird. Ich denke, dass es dafür noch etwas zu früh ist. Vielleicht schafft er es im zweiten Jahr. Man muss Klinsmann in seinem ersten Jahr etwas Zeit geben. Dass die Bayern die Bundesliga beherrschen werden, davon gehe ich fast schon aus, aber gerade auf internationalem Niveau ist die Qualität eine andere. Es wird auf jeden Fall spannend zu sehen sein, wie sich die Mannschaft nach einem Jahr im UEFA-Cup weiterentwickelt. Gerade im letzten Jahr gab es einen Umbruch im Kader, nun steht wieder die Champions League an.

bundesliga.de: Reicht die Qualität des Kaders aus?

Bobic: Wichtig wird sein, wie die Spieler, die bei der EURO im Einsatz waren, zurückkommen. Trifft ein Luca Toni wieder so häufig wie im letzten Jahr? Wird Franck Ribery rechtzeitig fit und kommt er wieder in die tolle Verfassung aus der letzten Spielzeit? Können Lukas Podolski und Bastian Schweinsteiger ihre EM-Form halten? Viele Fragezeichen und gerade deshalb ein unheimlich interessantes Jahr für die Bayern, die bekanntermaßen sehr hohe Ansprüche haben. Grundsätzlich denke ich, dass die Bayern diesen Ansprüchen gerecht werden und es zumindest auch in die K.o.-Phase der Champions League schaffen werden.

Das Gespräch führten Gregor Nentwig und Florian Bruchhäuser