Das erstmals in dieser Saison ausverkaufte Berliner Olympiastadion glich einem Tollhaus. Noch Minuten nach dem Schlusspfiff feierten die heimischen Fans mit dem neuen Tabellenführer, mit Hertha BSC.

"Davon habe ich geträumt. Jetzt ist ganz Berlin zumindest für eine Woche die Nummer 1", jubelte Matchwinner Andrey Voronin. Mit seinem "Doppelpack" schoss er den FC Bayern beim 2:1 fast im Alleingang ab.

Guter Lauf kommt überraschend

Dass die "Alte Dame" nach dem 20. Spieltag nun die Bundesliga anführt, damit hätten wohl selbst die kühnsten Optimisten vor der Saison nicht gerechnet. Und selbst Trainer Lucien Favre hat diese Situation eigentlich erst für die Saison 2009/2010 vorgesehen. Dann sollten die Berliner in der Spitzengruppe mit-, und um die Meisterschaft kämpfen.

"Das ist deutlich mehr, als wir erwartet haben. Ich wusste zwar schon lange, dass wir oben mitspielen können. Das es jetzt aber so gut läuft, ist natürlich schon überraschend", analysierte Herthas Manager Dieter Hoeneß recht nüchtern.

Dardai bremst die Euphorie

Beim Siegtreffer durch Andrey Voronin sah das noch anders aus. Ausgelassen hüpfte Dieter Hoeneß mit seinen Vorstandskollegen auf der Tribüne herum. Und auch die Spieler herzten und knuddelten sich nach dem Schlusspfiff auf dem Rasen. Den Blick für die Realität verloren sie dabei aber nicht.

"Das ist jetzt ein schöner Erfolg. Aber das Saisonende ist noch ganz weit weg. Wir müssen jetzt schauen, dass wir unter den ersten Drei bleiben. Wenn wir zwei Spieltage vor Schluss noch oben dabei sind, dann können wir von mehr träumen", sagte Pal Dardai, Herthas wiedergenesene "Arbeitsbiene" im Mittelfeld, gegenüber bundesliga.de.

Uli Hoeneß hat Hertha auf der Rechnung

Der besiegte Gegner aus München zollte den Hauptstädtern Respekt. FCB-Manager Uli Hoeneß traut den Berlinern den großen Wurf zu: "Hertha spielt einen klugen Fußball. Sie versuchen es nicht mit einem Hurra-Stil, sondern beschränken sich auf ihre Möglichkeiten. Und dadurch gewinnen sie die Spiele, auch wenn sie nicht unbedingt die bessere Mannschaft sind. Das ist entscheidend."

Sein Bruder führt den Erfolg auf die Arbeit von Lucien Favre zurück. "Wir haben einen exzellenten Trainer, der eine Struktur in die Mannschaft gebracht hat. Die Mannschaft ist eine kompakte Einheit. Und deshalb sind wir so erfolgreich", erklärte Dieter Hoeneß.

Favre lobt sein Team

Der Trainer wiedersprach im "schönsten Moment, seit ich in Berlin bin" dem Manager: "Die Spieler sind das Geheimnis unseres Erfolges." Ganz egal, wer Recht hat - Faktum ist, dass die Hertha von ihrem ersten Meistertitel seit 1931 träumen darf.

Sollten die Berliner in den nächsten Wochen an die bisher gezeigten Leistungen anknüpfen, müsste Favre wohl einen Irrtum in seinen Planungen zugeben. Wenn dafür aber die Deutsche Meisterschaft als Lohn winkt, hätte der Schweizer sicherlich kein Problem damit.

Und dann würde nicht nur das Olympiastadion einem Tollhaus gleichen, sondern ganz Berlin.

Aus Berlin berichtet Michael Reis