Berlin - Nach der 1:3-Heimniederlage gegen den 1. FSV Mainz 05 wird in der Hauptstadt bereits über das böse F-Wort diskutiert: Hat Hertha BSC einen Fehlstart hingelegt?

Im Spiel der bis dahin sieglosen Bundesligisten aus Berlin und Mainz jubelten Samstagnachmittag am Ende der 90 Minuten die Gäste über ihren ersten Pflichtspielerfolg seit Juli. Hertha BSC hingegen wartet seit dem wenig souveränen 4:2-Sieg bei Viktoria Köln in der ersten Runde des DFB-Pokals Mitte August auf einen Sieg.

Bilanz erst nach zehn Spielen

Die vergangenen zwei Ligapartien in Leverkusen und gegen Mainz gingen sogar verloren. Nun steht das Team von Hertha-Trainer Jos Luhukay mit nur einem Punkt mitten im Tabellenkeller. Nicht völlig abwegig erscheint deshalb die Frage, ob man bei der Hertha jetzt bereits von einem Fehlstart sprechen muss. Luhukay will davon freilich nichts hören: "Ihr könnt von einem Fehlstart schreiben, wir ziehen nach zehn Spielen Bilanz", sagte er nach dem Mainz-Spiel der Presse. Zwar sprach der Niederländer von einer verdienten Niederlage, meinte aber auch: "Ich kann der Mannschaft aufgrund der zweiten Hälfte keinen Vorwurf machen." Immerhin habe seine Elf 55 Prozent der Zweikämpfe für sich entschieden - nur eben leider die entscheidenden verloren.

Luhukays Kapitän Fabian Lustenberger sah es ähnlich: "Ihr könnt von einem Fehlstart reden", sagte er zu den Reportern, "wir tun das nicht." Der Defensiv-Allrounder, der nach seiner langen Verletzungspause erstmals wieder ein Heimspiel bestritt, wirkte dabei aber gehörig angefressen. Ob die Misere an mannschaftlichen Problemen oder eher an individuellen Fehlern liegt? "Beides", meinte Lustenberger, das könne man nicht voneinander trennen, Fakt sei aber: "Wir bekommen viel zu viele Tore, das müssen wir dringend abstellen."

Zu viele Gegentore

"Wenn wir das auf vielleicht eines reduzieren können, könnten wir auch mal wieder ein Spiel gewinnen", so der Schweizer Kapitän. Tatsächlich sind die Blau-Weißen aktuell die Schießbude der Liga - neun Gegentreffer in drei Spielen, das sind im Schnitt drei pro Partie. Das ist umso erstaunlicher, als die Hertha unter Luhukay lange für ihre gute Organisation in der Defensive bekannt war. Fast hat man ein wenig den Eindruck, dass die Experimente des Niederländers mit der Dreierkette seinem Team nicht gut bekommen sind.

Denn personell sind die Berliner eigentlich besser aufgestellt als in der Vorsaison. Neben dem zurückgekehrten Lustenberger gilt dies besonders für den niederländischen Weltstar Johnny Heitinga. Der allerdings musste gegen Mainz überraschend auf die Bank. Seit dem Auftaktmatch gegen den SV Werder Bremen hat Hertha noch nicht ein Mal mit der gleichen Hintermannschaft zwei aufeinander folgende Spiele absolviert. In Leverkusen hatte es Luhukay mit der Dreierkette versucht - erfolglos.

Kaum Kreativität nach vorne

Doch fast noch erschreckender: Im Spiel nach vorne funktioniert ebenfalls kaum etwas. Während der ersten Hälfte gegen Mainz 05 konnte man phasenweise den Eindruck gewinnen, dass kein Herthaner den Ball haben wollte. Am meisten für Belebung sorgte noch Last-Minute-Rückkehrer Per Skjelbred. Der Norweger musste dann allerdings kurz nach dem Seitenwechsel für Ronny weichen. Flügelmann Roy Beerens war oft viel zu eigensinnig und Jens Hegeler wirkte zeitweilig wie ein Fremdkörper.

Immer mehr zeigt sich, wie schwer der erneute Ausfall von Alexander Baumjohann wiegt. Nachdem sich der 27-Jährige gleich zu Saisonbeginn schon wieder einen Kreuzbandriss zugezogen hatte, stehen Luhukay für die Spielmacherposition noch Ronny und U19-Europameister Hany Mukhtar zur Verfügung. Während der Brasilianer nur als Joker das Vertrauen bekam, stand Mukhtar nicht einmal im Kader. Tolga Cigerci, der ebenfalls für mehr Kreativität sorgen könnte, wird noch länger an einer Zehenverletzung laborieren.

So ruht die größte Hoffnung der Hertha-Offensive einstweilen auf Top-Neuzugang Salomon Kalou. Den Angreifer brachte Luhukay gegen den 1. FSV Mainz 05 erst gut 20 Minuten vor Schluss - verständlich, hatte der Ivorer doch zuvor erst ein Mal mit der Mannschaft trainiert. Dumm, dass die Partie eine Minute später praktisch gelaufen war, weil der Ex-Herthaner Sami Allagui erfolgreich einen Konter zur 2:0-Führung abschloss. So musste Kalou konstatieren: "Das erste Spiel zu verlieren, fühlt sich nicht gut an." Dennoch ließ der 29-Jährige zwei, drei Mal seine Klasse aufblitzen. "Die Saison hat erst begonnen", mahnt der Champions-League-Sieger von 2012 (mit dem FC Chelsea) zur Geduld. Der Topstürmer weiß aber auch: "Wir haben noch viel Arbeit vor uns."

Aus Berlin berichtet André Anchuelo