Zusammenfassung

  • Hertha BSC gewinnt erstmals seit neuneinhalb Jahren gegen die Bayern.
  • Im Team stimmt die Mischung aus abgezockten und frechen Spielern.
  • Alle Spieler in der Mannschaften stehen füreinander ein.

Berlin - Duda, Dilrosun, Lazaro: Bei Hertha BSC hat die Zukunft längst begonnen. Doch auch die Erfahrenen wie Ibisevic, Kalou und Skjelbred erleben derzeit ihren dritten Frühling.

"Das war ein Scheißgefühl - ständig kommen da solche Eisenbahnen auf einen zu." Hätte Valentino Lazaro bei dieser Aussage nicht gelächelt, hätte man womöglich denken könne, dass sein Team soeben ganz böse unter die Räder gekommen ist. Doch der österreichische Außenbahnspieler in Diensten von Hertha BSC war nur danach gefragt worden, wie es war, als rechter Verteidiger gegen den FC Bayern München zu spielen.

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Dazu muss man wissen, dass der 22-Jährige eigentlich eher auf der offensiven Außenbahn zuhause ist. Und nun sollte er die über seine Seite kommenden Angriffe von Franck Ribery und David Alaba abwehren: "Ich glaube, die beiden sind seit sechs, sieben Jahren eingespielt und bewegen sich auf Weltklasseniveau." Das sei auf dieser für ihn recht neuen Position sehr schwer gewesen, "ich habe mich über jeden Ballgewinn auf der Seite tierisch gefreut", berichtete der junge Österreicher lachend: "Das war eine neue Erfahrung für mich."

Das mit der neuen Erfahrung galt ohnehin für viele seiner Mitspieler: Hertha als Verein hatte letztmals vor neuneinhalb Jahren gegen die Bayern gewonnen. Von den heutigen Hertha-Spielern war damals noch keiner dabei gewesen, Trainer Pal Dardai hingegen stand im Februar 2009 bei den Hauptstädtern noch als Aktiver auf dem Platz. Einer, der das ungewöhnliche Gefühl schon einmal erlebt hatte, war Kapitän Vedad Ibisevic. "Es kommt nicht alle Tage vor, dass man Bayern schlägt", wusste der Stürmer, der per Elfmeter in der 23. Minute den Sieg eingeleitet hatte. "Der Schlüssel dafür war, dass wir daran glaubt haben, und dass wir alles dafür getan habe", sagte Ibisevic. "Wenn ich die Jungs sehe, die eingewechselt worden sind, die waren am Ende auch völlig alle – das ist ein gutes Zeichen: alle geben alles für das Team."

Kraft überzeugt gegen den Ex-Club

Das galt auch für jemanden wie Per Ciljan Skjelbred, der es als Routinier zeitweilig nicht mal in den Kader geschafft hatte, gegen den FCB aber von Beginn ran durfte und fast zwölf Kilometer abriss. "Das war schon nicht so einfach", räumte der Norweger ein, "aber dann dieser Sieg – das war geil!" Ähnliches galt für Ersatzkeeper Thomas Kraft, der die verletzte Nummer eins Rune Jarstein ebenbürtig vertrat, eine Topleistung zeigte und erstmals gegen seinen Ex-Klub gewann.

Thomas Kraft hält den Kasten gegen die Bayern sauber
Thomas Kraft hält den Kasten gegen die Bayern sauber © imago / Camera 4

Auch auf den offensiven Außenpositionen, wo der 33-Jährige Weltstar Salomon Kalou und der 20-Jährige Shootingstar Javairo Dilrosun ran durften, war die tolle Hertha-Mischung aus alt und jung, aus routiniert und unbekümmert, aus abgezockt und frech zu bewundern. Dazwischen Spieler wie Lazaro mit seinen 22 Jahren und der 23-Jährige Ondrej Duda, die unter den Jungen quasi schon zu den alten Hasen zählen. Auch Duda nimmt immer mehr Fahrt auf. Der Slowake war an der Entstehung des Elfmeters beteiligt und erzielte das 2:0 selbst – es war bereits sein fünfter Saisontreffer. In den vergangenen zwei Jahren hatte Duda insgesamt nur ein einziges Tor gemacht.

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"Der Trainer hat jetzt mehr Vertrauen in mich", erklärte Duda seine enorme Leistungssteigerung. "Und für mich ist es wichtig, dass ich spiele." Der Slowake verwies zudem darauf, dass noch mehrere wichtige Spieler längere Zeit verletzt waren oder noch sind. Vladimir Darida, Peter Pekarik, Mathew Leckie, Jordan Torunarigha, Marko Grujic – deren Fehlen konnte das Team größtenteils gut kompensieren, immer wieder sprangen andere Spieler in die Bresche. Das zeigt auch, dass Dardai und Manager Michael Preetz einen austarierten und auch in der Breite sehr gut besetzten Kader zusammengestellt haben. "Wir haben jetzt 13 Punkte, das ist großartig", freute sich Duda über den mehr als gelungenen Saisonstart.

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Überhaupt ist vielleicht das größte Plus dieser Mannschaft, dass alle ihrer Mitglieder trotz aller Unterschiede zusammenhalten, füreinander einspringen, spielerisch harmonieren, sich gegenseitig loben – eine echte Mannschaft eben. Und die deshalb zurecht seit Beginn der Saison oben mitspielt. "Wir haben das Ziel einstelliger Tabellenplatz", erinnerte Lazaro. "Ich persönlich habe immer gesagt, dass wir auf jeden Fall das Potential für die internationalen Plätze haben, aber es gibt keinen Grund, jetzt unsere Ziele zu ändern", tritt der Youngster ein wenig auf die Euphoriebremse.

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"Wir müssen jetzt schnell regenerieren, und dann das Selbstvertrauen mitnehmen für das letzte Spiel vor der Länderspielpause", blickte Lazaro auf die kommende Partie in Mainz voraus. Und auf eine für ihn pikante Reise zur österreichischen Nationalmannschaft. Dort trifft Lazaro wieder auf David Alaba, seinen Gegenspieler aus dem Bayern-Spiel – diesmal jedoch als Mitspieler. "Ich hoffe, David wird mich nicht umbringen für heute", sagte der Jungnationalspieler schmunzelnd.

Aus Berlin berichtet Andre Anchuelo