Berlin - Ist der Dardai-Effekt schon wieder verpufft? Das fragen sich viele nach der 0:2-Heimniederlage von Hertha BSC gegen Abstiegskonkurrent SC Freiburg.

Nach dem Sieg beim 1. FSV Mainz 05 im ersten Spiel unter ihrem neuen Coach Pal Dardai war die Hoffnung groß, dass die drei Punkte nur der Auftakt zu einem nachhaltigen Aufschwung der Hauptstädter sein würden. Eine Woche später scheint das schon wieder alles Makulatur zu sein. Hertha BSC steht, wie schon nach dem letzten Spiel unter Jos Luhukay, auf einem direkten Abstiegsplatz. Die Laune bei Trainer, Spielern, Funktionären und Fans ist schlecht, die zarte Aufbruchsstimmung nach dem Mainz-Spiel hat sich längst wieder verflüchtigt.

Offensive ohne Power

"Wir haben uns natürlich viel mehr vorgenommen", sagte Hertha-Stürmer Julian Schieber nach dem ernüchternden Freiburg-Spiel und fügte an: "Wir haben zu viele Fehler gemacht und einfach nicht gut gespielt." In der Tat, da passte vieles nichts zusammen. Vor dem 0:1 war es mit Jens Hegeler, John Brooks und Marvin Plattenhardt fast die gesamte Abwehrkette, die durch einen Patzer nach dem anderen den Freiburger erst den Treffer ermöglichte. Und nach vorne ging sehr wenig zusammen, obwohl mit Valentin Stocker, Julian Schieber, Salomon Kalou und Ronny fast die gesamte verfügbare Hertha-Offensivpower  in der Startelf stand.

Doch der frisch gebackene Afrika-Cup-Gewinner Kalou, auf den rechten Flügel eingesetzt, ging nach dem langen Kontinentalturnier noch erkennbar die Fitness ab. Nico Schulz, sein Pendant auf links, wirkte nervös und fahrig und musste schon zur Pause vom Platz. Im Zentrum wirkte der Schweizer Nationalspieler Stocker, der sich unter Woche ob des Trainerwechsels noch wie befreit präsentierte, ideenlos.

Hinter ihm demonstrierte der überraschend als Teil der Doppel-Sechs aufgebotene Ronny einmal mehr, warum er nicht  als Defensiv-Spezialist gilt. "Ich wollte mit Ronny Stabilität bringen, er ist der beste Fußballer, den wir haben", erklärte Dardai seine Idee dabei, doch habe der Brasilianer während des Spiels leider Probleme mit der Fitness offenbart.

Fitness ist ein großes Thema

Fitness ist derzeit überhaupt eines der großen Themen in Berlin. Dardai beharrt auf seiner Einschätzung, dass das Team nicht fit genug ist: "Wir kommen da unten nur raus, wenn wir fit sind", Freiburg habe für ihn "viel spritziger und körperlich besser ausgesehen", so der Ungar. Deswegen hat der 38-Jährige, als Spieler mit 286 Bundesliga-Einsätzen bis heute Rekord-Herthaner, seinen Akteuren ein intensives Programm auferlegt.

Möglicherweise zu intensiv? "Wenn wir zu hart trainiert haben unter der Woche, nehme ich das auf meine Kappe", räumte Dardai ein. "Aber ich werde das weiter durchziehen, es geht nur über Fitness." Ein bisschen seltsam mutet das Thema aber schon an, immerhin lag auf diesem Aspekt ein Großteil von Jos Luhukays Trainingsarbeit in der Winterpause.

"Willen, Kampf, Reinhauen, Wehtun"

Genauso zu hinterfragen ist sicherlich die Aufstellung der Mannschaft. Vor allem Ronny und Kalou, aber auch Plattenhardt und Schulz auf links, ließen Zweifel aufkommen, ob Dardai die richtigen Spieler auf den richtigen Positionen gebracht hatte. Entscheidend dürfte dabei aber, wie schon unter Luhukay, weiterhin sein, dass ohne die Langzeitverletzten Tolga Cigerci und Alexander Baumjohann das Zentrum nicht funktioniert. Per Skjelbred, gegen Freiburg noch einer der Besten, ist nach längerer Verletzungs- und Krankheitspause noch nicht bei hundert Prozent. Zumal der Norweger ohnehin eher über seine Dynamik kommt - der große Stratege ist er nicht.

Das könnte am ehesten Fabian Lustenberger sein. Der Schweizer fehlte gegen Freiburg gelb-rot-gesperrt und ist nach langer Verletzungspause ebenfalls noch nicht in Bestform. Dennoch hängt an der Rückkehr des Kapitäns ein Großteil der ohnehin nicht riesigen Hoffnungen für das kommende Gastspiel beim Tabellenzweiten VfL Wolfsburg. Zumal auch immer offensichtlicher wird, dass die Mannschaft ein Führungsproblem hat. Die Spieler, die vorangehen müssten, fehlen entweder oder sind zu sehr mit sich selbst beschäftigt, so dass den jungen Akteuren nicht nur die Konstanz, sondern auch die Orientierung fehlt.

"Die Tabelle ist weiterhin sehr eng", sieht Julian Schieber beim Blick aufs Ranking einen Grund für Hoffnung. Der Angreifer räumt zwar ein: "Jetzt steht uns ein schweres Auswärtsspiel bevor, wir sind da klar der Außenseiter." Zumindest könnte dabei von Vorteil sein, dass die Wölfe am Donnerstag noch in der Europa League von Sporting Lissabon gefordert werden. Und immerhin weiß bei der Hertha nun endgültig jeder, was die Stunde geschlagen hat: "Es geht nur über den Willen, Kampf, Reinhauen, Wehtun", sagt Schieber: "Es muss nicht schön sein, aber effektiv."

Aus Berlin berichtet André Anchuelo