Berlin – Langsam dürfen sie sich bei Hertha BSC wieder winden wie in der letzten Hinrunde. Damals standen die Berliner nach einer grandiosen ersten Saisonhälfte auf Platz 3. Doch von der Champions League sprach man damals nur hinter vorgehaltener Hand.

2015/16 erwies sich diese Zurückhaltung als berechtigt. Nach einer völlig verkorksten Rückrunde – im Ranking der zweite Saisonhälfte belegte Hertha den drittletzten Platz – stand unter dem Strich Rang 7. Das offizielle Saisonziel, nichts mit dem Abstiegskampf zu tun zu haben, wurde damit deutlich übertroffen. Dennoch war es vor allem für die Fans ein eher enttäuschendes Ergebnis, zumal die »Alte Dame« Anfang August auch noch die Qualifikation zur Europa League vergeigte.

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Reicht es für 68 Punkte?

Nun sind zehn Partien der Spielzeit 2016/17 und damit knapp ein Drittel gespielt. Auf der Habenseite stehen 20 Punkte – das wären auf die Gesamstsaison hochgerechnet 68 Zähler. Die haben in den letzten Jahren immer mindestens für Platz 3 gereicht. Der würde inzwischen die direkte Qualifikation für die Champions League bedeuten. Hertha auf Champions-League-Kurs?

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Von den Spielern wird man dazu nichts hören. Die betonen, dass es für derartige Ansprüche noch viel zu früh sei. Zumal man sich noch lebhaft an die vergangene Saison erinnert, als nach der Winterpause so gar nichts mehr zusammen laufen wollte. Selbst Salomon Kalou, vergangene Saison einer der wenigen, die es wagten, den Begriff »Champions League« in Zusammenhang mit Hertha in den Mund zu nehmen, ist noch zurückhaltend. Kalou, mit drei Treffern der Matchwinner beim 3:0-Sieg gegen Borussia Mönchengladbach, sagte: "Wir müssen an uns glauben, dann ist etwas möglich."

Duda und Darida fehlen

Dabei gab es, anders als in der vergangenen Saison, diesmal auch kaum Verstärkungen für Trainer Pal Dardai. Der vom FC Liverpool gelehienen Brasilianer Allan sowie Alexander Esswein wurden als Ergänzungsspieler geholt und sind bislang genau das. Königstransfer sollte der von Legia Warschau gekommene slowakische EM-Teilnehmer Ondrej Duda sein. Doch der 21-Jährige kam verletzungsbedingt noch gar nicht zum Zug. Er sollte sich eigentlich in Herthas U23-Mannschaft Wettkampfpraxis holen. Doch sein Knie, in dem im Sommer ein Knochenödem diagnostiziert worden war, zeigte im Training eine Reaktion. Dudas Rückkehr wird also noch dauern.

Auch Vladimir Darida wird nach einem Außenbandriss im Sprunggelenk wohl noch einige Zeit brauchen. Immerhin kehrt Valentin Stocker nach abgebrummter Rotsperre zur nächsten Partie zurück. Dardai könnte dann dem zuletzt überspielt wirkenden Genki Haraguchi eine Pause geben.

Weiser und Stark im Fokus

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Andererseits hatte Hertha auch Glück: Die meisten Stammspieler kamen bislang ohne größere Blessuren durch die Saison. Von Rune Jarstein im Tor, über Abwehrchef John Brooks, Ex-Kapitän Fabian Lustenberger und Dauerläufer Per Ciljan Skjelbred, bis hin zu Haraguchi und Vedad Ibisevic brachten fast alle Schlüsselspieler regelmäßig gute bis sehr gute individuelle Leistungen auf den Platz. Lediglich Sebastian Langkamp und Marvin Plattenhardt wurden aus dieser Riege zuletzt vermisst, haben durch die Pause nun aber Zeit, ihre Verletzungen auszukurieren.

Hinzu kamen die beiden Youngster Niklas Stark und Mitchell Weiser. Geholt im Sommer 2015, haben sie sich nun endgültig den Status als Stammspieler erkämpft. Besonders für Weiser brach Sportdirektor Michael Preetz nun eine Lanze. Er sei zwar kein Freund davon, Bundestrainer Jogi Löw seine Spieler zu empfehlen. Dann tat Preetz aber doch genau das: Weiser sei "ein vielseitiger Spieler, der auf beiden Seiten eingesetzt werden kann." Mit seinem Spielwitz und seiner Einsatzbereitschaft sei er "ohne Frage ein Spieler, der der Nationalmannschaft gut tun würde." Und hinter Weiser und Stark drängen mit Maximilian Mittelstädt und Sinan Kurt schon die nächsten Talente nach.

Preetz: "Sind reifer geworden"

Die Mischung aus erfahrenen Kräften und jungen Spielern stimmt bei Hertha also. Preetz hat sicher recht, wenn er eine Weiterentwicklung der Mannschaft konstatiert: "Wir sind abgeklärter und reifer geworden." Und auch das kritische Berliner Publikum scheint das immer mehr zu bemerken: Im Schnitt kamen mehr als 5.000 Zuschauer pro Spiel mehr ins Olympiastadion als vergangene Saison. Und die großen Heimduelle gegen Bayern München und Borussia Dortmund stehen sogar noch aus. Der Kurs stimmt also. Wie lang der Treibstoff reicht, bleibt abzuwarten. 

Aus Berlin berichtet André Anchuelo