Dortmund - Wenn es so etwas wie den personifizierten Neuanfang in Schwarz-Gelb gibt, dann ist es Henrikh Mkhitaryan. Sein Auftritt samt Doppelpack gegen Gladbach beim 4:0-Erfolg des BVB war einmal mehr der Beleg, dass Fußballkunst und Effizienz bei dem sensiblen Armenier endlich eine gemeinsame Heimat gefunden haben. Thomas Tuchel war daran nicht ganz unbeteiligt.

Fast hatte man in Dortmund vergessen, wie fröhlich dieser Henrikh Mkhitaryan sein kann. Lachend und gut gelaunt erlebt man den 26-Jährigen in diesen Tagen. Als einen, der auf dem Platz vor Spielfreude blüht, sich nach der Partie entspannt den Interviews stellt und mit seinen Mitspielern flachst.

Der Armenier wirkt gelöst, endlich. Wie einer, dessen Selbstvertrauen jetzt mit seinen Fähigkeiten mithält und nicht mehr vom selbst auferlegten Druck aufgefressen wird. Einer, der nicht mehr jeden Fehler hinterfragt und sich damit aufhält. "Ich habe mich verändert und akzeptiere besser, dass Fußball ein fehlerbehaftetes Spiel ist“, sagt der 26-Jährige selbst. „Ich habe gelernt, Probleme zu analysieren, mich von ihnen lösen zu können und sie aus meinem Kopf zu verbannen. Ich fühle mich jetzt befreit.“

Unbestrittenes Potenzial

Unsicher, die Schultern hängend, der Kopf gesenkt, der Blick traurig. Oft hat man in Dortmund diesen Henrikh Mkhitaryan gesehen, der seit seinem Wechsel im Sommer 2013 irgendwie nicht richtig ankommen wollte. Der Ruf eines der gefährlichsten Mittelfeldspieler Europas eilte ihm damals schon voraus. Aber sein unbestritten riesiges Potenzial brachte er nur selten auf den Platz.

Zu zögerlich, zu zaudernd, zu mutlos präsentierte sich Mkhitaryan oftmals. Pässe fanden immer seltener ihren Adressaten. Im Abschluss versagten ihm die Nerven, auch wenn er manchmal sein Können aufblitzen ließ. Unvergessen ist den BVB-Anhängern jene Szene aus der Champions League, als der Armenier sich im Viertelfinal-Rückspiel gegen Real Madrid im Frühjahr 2014 spektakulär durch die spanische Abwehr dribbelte, um dann frei vor dem Tor zu vergeben. Statt die 0:3-Niederlage aus dem Rückspiel auszugleichen, schied die Borussia aus.

Der sensible Mkhitaryan trug einmal mehr auch nach außen deutlich sichtbar schwer an seinen Fehlern. Er hing diesen Szenen nach, haderte und grübelte  – und vergaß dabei immer mehr sein Talent. In der Hinrunde der vergangenen Saison gelang ihm in der Bundesliga weder ein Treffer noch ein Assist, in der Champions League blieb er komplett ohne Erfolgserlebnis. Erst zum Ende der Spielzeit hat man mit zwei Toren und vier Vorlagen in sechs Spielen auch das andere Gesicht des Nationalspielers gesehen, der in seiner Heimat stolze fünf Mal zum Fußballer des Jahres gewählt wurde.

"Irgendwie ein bisschen melancholisch“

Neu-Coach Thomas Tuchel nahm sich des Hochbegabten mit der Ladehemmung an. „Ich hatte ein Faible für seine Art zu spielen“, bekannte der neue Trainer. "Ich mochte seine Ausstrahlung – kreativ, sensibel, irgendwie ein bisschen melancholisch.“ Also suchte Tuchel das Gespräch mit dem Mann, der in Armenien nebenher noch Wirtschaftswissenschaften studiert und fünf Sprachen spricht. „Die Chemie zwischen uns stimmt, wir haben einen Draht zueinander“, stellte der Coach fest. Und er überzeugte Mkhitaryan, in Dortmund eine neue Chance zu suchen.

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Dass dieser den Neuanfang in Schwarz-Gelb derart explosiv und effizient gestalten würde, hatte aber wohl selbst Tuchel allenfalls vorsichtig zu hoffen gewagt. An neun der bisher zwölf Pflichtspieltore war Henrik Mkhitaryan beteiligt. Im Qualifikationsspiel zur Europa League gegen Wolfsberg gelang ihm in nur 13 Minuten ein lupenreiner Hattrick. "Er wirkt sehr gelöst und krönt sein eigentlich gutes Spiel und sein großes Potenzial jetzt auch mit Effektivität“, hatte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc schon vor dem Bundesligastart im Interview mit bundesliga.de frohlockt.

Schon mehr Pflichtspieltore als letzte Saison

Jetzt legte er zum Ligaauftakt gegen Gladbach einen Doppelpack nach, immerhin schon sein dritter in der Bundesliga. Zusammen mit seinem Pokaltor in Chemnitz kommt Miki, wie sie ihn in Dortmund nennen, bisher auf sechs Treffer. Das sind jetzt schon mehr Pflichtspieltore als in der gesamten letzten Saison. "Um zwei Schritte nach vorne gehen zu können, muss man auch mal einen nach hinten gemacht haben“, sagt Henrikh Mkhitaryan selbst dazu.

Thomas Tuchel darf es sich als ersten Erfolg seiner noch jungen Amtszeit bei der Borussia ans Revers heften, der Befreiung seines Edeltechnikers den Weg gebahnt zu haben. Und er sieht sich in seiner Einschätzung bestätigt, wie er nach der Gala gegen Gladbach noch einmal erläuterte: "Micki ist ein zuvorkommender, bescheidener Charakter, in dem ein herausragendes Talent steckt. Er braucht die Wertschätzung, um zu sein, wie er ist.“ 

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte