München - Ronnie Hellström wird bei der kommenden Europameisterschaft in Polen und der Ukraine nicht wie zuletzt bei großen Turnieren für das schwedische Fernsehen als Experte die Spiele der schwedischen Nationalmannschaft kommentieren.

"Ich verfolge das Turnier diesmal zuhause auf dem Sofa", sagt der mittlerweile 63 Jahre alte, ehemalige Weltklassetorwart und lacht. Hellström ist eine Legende des schwedischen Fußballs - und des 1. FC Kaiserslautern. Der gebürtige Malmöer war Schwedens Fußballer des Jahres 1971 und 1978, bestritt 77 Länderspiele für sein Heimatland und war WM-Teilnehmer 1970, 1974 und 1978.

Nach der Weltmeisterschaft 1974 in Deutschland wechselte Hellström zum1. FC Kaiserslautern. Zehn Jahre spielte er in der Pfalz und absolvierte 266 Bundesligaspiele für den FCK. Die Kontakte in die Pfalz sind nie abgebrochen, für den in Landau ansässigen Baumarkt Hornbach ist Hellström in Schweden tätig - und er importiert Wein aus der Südpfalz nach Schweden. Im bundesliga.de-Interview äußert sich der beliebte Skandinave über die aktuelle schwedische Mannschaft, die Chancen der Deutschen bei der EURO und warum er nie selbst an einer EM-Endrunde teilgenommen hat.

bundesliga.de: Herr Hellström, wie schätzen Sie die Chancen der schwedischen Mannschaft bei der kommenden Europameisterschaft ein?

Ronnie Hellström: Wir sind natürlich in eine schwere Gruppe gekommen mit den Gegnern Frankreich, England und der Ukraine. Um da zu bestehen, musst du natürlich die Ukraine schlagen und dann auch gegen England und Frankreich was holen.

bundesliga.de: Ist das denn möglich?

Hellström: Ja, das ist möglich, wenn alle fit sind. Johan Elmander hat sich verletzt beim Saisonabschluss von Galatasaray Istanbul, aber ich denke, er wird spielen können.

bundesliga.de: Elmander ist zusammen mit Ibrahimovic in der Offensive der Schweden unersetzlich, oder?

Hellström: Elmander ist ein sehr wichtiger Spieler. Wir haben als dritten Stürmer Markus Rosenberg von Werder Bremen dabei. Aber wenn alle fit sind, werden Ibrahimovic und Elmander im Sturm wohl gesetzt sein.

bundesliga.de: Wie ist die Auslosung in Ihrer Heimat denn aufgenommen worden? Haben die Fans gestöhnt, ob der schweren Gruppe?

Hellström: Nein, gar nicht. Wir haben die letzten Spiele gegen England immer gewonnen. Und die Franzosen haben erst vor zwei Jahren bei der WM nicht gut abgeschnitten, wobei das natürlich Mannschaften sind, vor denen wir immer Respekt haben. Und gegen den Gastgeber zu spielen, ist immer eine spannende Aufgabe. Die Schweden sind immer optimistisch, wir glauben, zusammen mit Frankreich weiter zu kommen.

bundesliga.de: Ist es vielleicht ein Nachteil, gleich im ersten Spiel auf den Gastgeber Ukraine zu treffen?

Hellström: Es könnte aber auch ein Vorteil sein. Die Ukraine hat den Druck und muss gewinnen. Die Erwartungen sind immer groß für den Gastgeber beim ersten Spiel zuhause. Ich glaube, wir Schweden sind es gewohnt, mit diesem Druck umzugehen. Und am Anfang eine Niederlage gegen England oder Frankreich zu kassieren, ist auch nicht so gut, oder?

bundesliga.de: Man kennt in Europa die Stürmer Ibrahimovic und Elmander, oder den Abwehrchef Ollof Mellberg. Ist das Mittelfeld so ein bisschen die Schwäche des Teams?

Hellström: Ich weiß nicht, das könnte sein. Wir haben normalerweise ein starkes Mittelfeld, nehmen sie nur Kim Källström, der bei Olympique Lyon spielt. Es ist viel davon abhängig, wie wir in das Turnier starten.

bundesliga.de: Trotzdem: Ist die Mannschaft nicht vielleicht zu sehr von Ibrahimovic abhängig?

Hellström: Ibrahimovic kann nicht alles selbst machen, das ist klar, aber er ist sehr wertvoll für uns. Wenn er gut spielt, ist auch die Mannschaft gut. Man muss versuchen, dass er beim Turnier in Top-Form ist - ist er das nicht, wirkt sich das natürlich auf die ganze Mannschaft aus.

bundesliga.de: Was ist der Trainer Erik Hamren für ein Typ?

Hellström: Ich habe mit ihm zusammen gearbeitet. Vor vielen Jahren war er Trainer und ich Torwarttrainer bei Väsby IK. Ich kenne ihn als eine sehr ruhige Person. Er ist ein ruhender Pol für die Mannschaft und taktisch auch sehr gut ausgebildet.

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Chancen der deutschen Mannschaft?

Hellström: Deutschland muss man als Favorit sehen, das ist ganz klar. Die Deutschen sind trotz ihrer Jugend eine erfahrene und komplette Mannschaft. Die Entwicklung der jungen Spieler ist beeindruckend.

bundesliga.de: Und wen sehen Sie sonst noch in der Favoritenrolle?

Hellström: Spanien ist natürlich eine Mannschaft für den Titelgewinn. Aber man muss - glaube ich - auch auf die Franzosen achten, man weiß nie wo die so stehen, nach dieser schwachen WM vor zwei Jahren. Wenn sie gut starten, ist mit ihnen zu rechnen.

bundesliga.de: Sind die Schweden die Überraschungsmannschaft dieser Endrunde?

Hellström: Das weiß ich nicht. Ich glaube, dass die Kroaten eine gute Rolle spielen werden, die haben immer geschickte Spieler. Und Polen hat natürlich auch eine gute Mannschaft, mit vielen guten Spielern, die in Deutschland spielen. Dazu kommt der Heimvorteil, Polen darf man nicht unterschätzen.

bundesliga.de: Bei großen Turnieren schaffen manche Spieler es, besonders in den Fokus zu rücken. Wer könnte denn bei dieser EM so ein Spieler werden?

Hellström: Ich glaube, dass Mario Gomez von Bayern München so eine Rolle spielen kann. Ein solcher Goalgetter ist immer in der Lage, ein großes Turnier zu spielen.

bundesliga.de: Freuen Sie sich auf das Turnier?

Hellström: Ja klar, das ist immer der Höhepunkt einer Saison, eine WM oder eine EM, ich war ja bei drei Weltmeisterschaften dabei, aber leider nie bei einer EM (lacht).

bundesliga.de: Warum eigentlich nicht?

Hellström: Ich weiß nicht. Wir hatten damals in den Vorrunden immer das Pech, gegen damals gute Mannschaften zu spielen. Jugoslawien hatte damals eine großartige Mannschaft oder einmal sind wir an Frankreich gescheitert. Aber die letzten Jahre waren wir immer dabei.

bundesliga.de: Wie traurig sind Sie denn, dass der FCK abgestiegen ist?

Hellström: Ich bin natürlich sehr traurig, ich verfolge jeden Spieltag. Die Mannschaft hat keine Tore gemacht. Es reicht nicht, nur hinten einigermaßen zu stehen, man muss auch Tore machen. Vor allem schlecht war, dass man zuhause keine Festung mehr war. Wenn du zuhause nicht gewinnst, dann ist es aus. Ich hoffe, dass Stefan Kuntz nun eine gute Mannschaft zusammenstellt, die gleich wieder aufsteigen kann.

bundesliga.de: Sie sind noch öfter in der Pfalz.

Hellström: Ja, klar, ich arbeite für die Firma Hornbach und bin auch ab und an bei Heimspielen noch auf dem Betzenberg. Ich und meine Frau haben auch mit Wein zu tun, wir importieren Pfälzer Wein von Mejs aus Bad Bergzabern nach Schweden.

Das Gespräch führte Tobias Schächter