Köln - Das Reglement weist sie bedeutungsschwer als "Additional Assistant Referees" aus. Als "Pappnasen" bezeichnete sie Schalkes Sportdirektor Horst Heldt vergangene Saison im Europapokal, und für den einstigen Bundesliga-Profi und -Trainer Peter Pacult sind es "nur zwei Pinguine mehr auf dem Platz". An den Torrichtern im Fußball scheiden sich die Geister, und das schon vor ihrer EM-Premiere in Polen und der Ukraine.

Auch nach zwei Probejahren in der Champions League und drei Spielzeiten in der Europa League sind die Diskussionen über Sinn oder Unsinn des fünften und sechsten Hüters über Regeln und Ordnung auf dem Platz nicht abgerissen. Die beiden Assistenten, die das Spiel mit zwei zusätzlichen Augenpaaren auf der Höhe der Torlinie verfolgen und gerechter machen sollten, haben anscheinend nicht einmal die Schiedsrichter-Zunft selbst überzeugt.

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"Man verschiebt die Fehlerquelle des Schiedsrichters oder Assistenten auf eine weitere Person", sagte der deutsche Schiedsrichter-Chef Herbert Fandel kritisch. Wolfgang Stark aus dem bayrischen Ergolding, einer der zwölf EM-Referees, räumt mit der Meinung auf, die Torrichter hätten ausschließlich den Job, anzuzeigen, ob der Ball die Torlinie überschritten hat oder nicht.

"Es ist so, dass ihre Aufgabe weit über die Anzeige hinausgeht. Sie unterstützen mich vor allem bei Vorfällen in den Strafräumen, inbesondere bei Vorfällen, die ich als Schiedsrichter nicht sehen kann", erklärte Stark - denn die Instruktionen der Europäischen Fußball-Union (UEFA) für die EM-Schiedsrichter sind umfangreicher denn je.

Täuschungsversuche und Rudelbildung



"Halten und Klammern im Strafraum, Abseits, Handspiel, Täuschungsversuche, Ablauf bei Freistößen sowie das Prozedere bei Verletzungen und Rudelbildungen waren die Themen, die wir bei unseren Workshops vor der EM behandelt haben", berichtete Stark.

Und überall soll und kann der Torrichter helfen, mit dem der Unparteiische über ein Headset verbunden ist. Nur die Assistenten an der Seitenlinie sind zusätzlich mit Fahnen ausgestattet. Was auch immer gewunken oder angesagt wird: Die Entscheidung liegt beim Hauptschiedsrichter.

Menschen anstatt Maschinen



Nach der Testphase in den Europacup-Wettbewerben zog die UEFA ein positives Fazit. Angeblich seien die Fehler der Schiedsrichter reduziert worden, zudem habe man ein anderes Verhalten der Spieler festgestellt. UEFA-Präsident Michel Platini sagte einst in einem Interview in der Welt am Sonntag: "Es ist immer besser, Menschen einzusetzen, die Situationen bewerten können - zum Beispiel bei einem Handspiel -, als komplizierte Technik zu installieren."

Ob die EM in Polen und der Ukraine das letzte große Turnier ist, das vollends auf Hightech wie Torkamera, Videotechnik oder den Chip im Ball verzichten wird, vermochte auch er nicht zu sagen. Denn 46 Jahre nach dem berühmten Wembley-Tor schwelt noch immer die Diskussion um Systeme, die zuverlässig anzeigen, ob der Ball die Torlinie mit vollem Durchmesser überschritten hat. Technische Hilfe würde Fandel in diesem speziellen Fall begrüßen, "aber sie muss 1000-prozentig funktionieren".

Hawkeye getestet



Die Tests laufen auf Hochtouren. Erst am vergangenen Samstag wurde mit dem Segen des Weltverbandes FIFA im Londoner Wembley-Stadion bei der Begegnung England gegen Belgien (1:0) erstmals das sogenannte Hawkeye getestet, welches auch im Tennis zum Einsatz kommt. Eine strittige Szene auf der Torlinie, bei der das Verfahren hätte helfen können, ergab sich jedoch nicht.

Das International Board der FIFA will anlässlich seines Meetings am 2. Juli und damit einen Tag nach dem Endspiel am 1. Juli in Kyiw entscheiden, ob künftig überhaupt im Bereich der Torlinie technische Hilfsmittel zum Einsatz kommen können. Möglicherweise setzen die Regelhüter weiterhin auf die geübten Blicke der Torrichter.