Berlin/München - Das Berliner Olympiastadion wird restlos ausverkauft sein, wenn sich am Freitagabend am 3. Spieltag der EM-Qualifikation in der Gruppe A Gastgeber Deutschland und die Gäste aus der Türkei gegenüberstehen werden (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker).

Neben der sportlichen Brisanz sehen viele Fans, Beobachter und Experten in der Partie auch ein gesellschaftspolitisches Ereignis, das die jungen Deutsch-Türken wie Mesut Özil auf der einen, die Brüder Altintop und Nuri Sahin auf der anderen Seite noch stärker in den Fokus rückt.

Die Fakten zum dritten Qualifikationsspiel der deutschen Mannschaft:

Zahlen:

Das Duell zwischen Deutschland und der Türkei in Berlin ist das 840. Länderspiel in der Geschichte der deutschen Nationalmannschaft. Die deutsche Länderspiel-Bilanz gegen die Türkei ist positiv. In 18 Begegnungen gab es für das deutsche Team zwölf Siege, drei Unentschieden und drei Niederlagen. Das Torverhältnis aus Sicht der DFB-Auswahl lautet 43:12. Der bislang letzte Vergleich zwischen der Türkei und Deutschland liegt etwas mehr als zwei Jahre zurück: Im dramatischen Halbfinale der EURO 2008 gewann die deutsche Nationalmannschaft am 25. Juni mit 3:2 - Philipp Lahm erlöste das Team von Bundestrainer Joachim Löw mit seinem Siegtreffer kurz vor dem Ende der Partie in Basel.

Joachim Löw betreut das deutsche Team gegen die Türkei zum 60. Mal seit seinem Debüt als verantwortlicher Bundestrainer am 16. August 2006 (3:0 gegen Schweden in Gelsenkirchen). Seine Bilanz: 41 Siege, neun Unentschieden und neun Niederlagen bei einem Torverhältnis von 144:44. In diesen 59 Länderspielen setzte Joachim Löw 65 Nationalspieler ein und verhalf 40 Neulingen zu ihrer Premiere im Trikot der DFB-Auswahl.

Die Bilanz der deutschen Nationalmannschaft in der Qualifikation zu Europameisterschaften ist beachtlich: In insgesamt 76 Begegnungen seit 1967 gab es für das deutsche Team 52 Siege bei nur sieben Niederlagen und 17 Unentschieden. Vor der 0:3-Niederlage gegen die Tschechische Republik am 17. Oktober 2007 in München blieb die deutsche Nationalmannschaft in der EM-Qualifikation sogar neun Jahre ungeschlagen.


Form und Situation:

Beide Teams zählen in der Gruppe A als heißeste Anwärter auf Platz 1, der die sichere Qualifikation für EM in Polen und der Ukraine bedeutet. Die Türkei gewann ihre beiden Partien zum Qualifikationsauftakt in Kasachstan (3:0) und zuhause gegen Belgien (3:2). Auch Deutschland hielt sich in den ersten zwei Gruppenspielen in Belgien (1:0) und in Köln gegen Aserbaidschan (6:1) schadlos. Mit jeweils sechs Punkten liegen die Kontrahenten vor dem direkten Duell gleichauf an der Tabellenspitze, die Löws Mannschaft weist allerdings das bessere Torverhältnis auf.

Deutschland hat nach Platz 3 bei der WM in Südafrika bewiesen, dass die dort gezeigten Strukturen und Mechanismen weiterhin vorhanden sind. Auch wenn die meisten Nationalspieler nur eine sehr kurze Pause vor dem Bundesliga-Start hatten, zeigten sie in den Partien gegen Belgien und Aserbaidschan ansprechende Form. In der Bundesliga hinterließen die WM-Fahrer zuletzt allerdings keinen besonders erfolgreichen Eindruck, vor allem die Nationalspieler von Bayern München, Werder Bremen und des VfB Stuttgart scheinen von ihrer Bestform momentan ein gutes Stück weit entfernt.

"Angesichts der WM und der anschließenden kurzen Vorbereitung haben die Spieler das bislang ganz ordentlich gemacht. Allerdings fehlt noch die Konstanz, die nach einer normalen Vorbereitung längst vorhanden wäre. Ich spüre bei den Spielern schon, dass sie auf einem guten Weg, sind ihren Rhythmus zu finden. Aber das ist natürlich nicht ganz so einfach", räumte Löw bei sport1.de ein. Für die Türken ist die Partie gegen Deutschland das Spiel des Jahres. Coach Guus Hiddink, der die Türken nach der verpassten WM wieder in die Erfolgsspur führen soll, sieht in der Begegnung "das Duell der Gruppenfavoriten, auf das ganz Europa schaut".


Personal:

Löw muss in Bastian Schweinsteiger (Kapselbandanriss) auf einen seiner Stützpfeiler verzichten und somit Ersatz für die zweite Sechserposition neben Sami Khedira finden. Erster Kandidat hierfür ist wohl Toni Kroos, der schon bei der WM nach Einwechslungen diese Rolle übernehmen durfte. Aber auch Christian Träsch oder Heiko Westermann könnten den Defensivpart im Mittelfeld übernehmen.

Außerdem fällt mit Marcell Jansen wegen einer Viruserkrankung der einzige etatmäßige Linksverteidiger im Kader aus. Auf dieser Position hat Jerome Boateng vermutlich die größten Chancen, ein weiterer Kandidat wäre Westermann. In der Innenverteidgung hat sich der Bundestrainer bereits auf das Pärchen Per Mertesacker und Holger Badstuber festgelegt. Insgesamt hat Löw nur noch 16 Feldspieler zur Verfügung, da der nominierte Kevin Großkreutz wegen eines grippalen Infekts nicht nach Berlin reiste und der Bundestrainer auf Nachnominierungen verzichtete.

Guus Hiddink trifft besonders der Ausfall seines Spielmachers Arda Turan (Adduktorenprobleme). Für Nuri Sahin von Borussia Dortmund könnte dies allerdings die Chance bedeuten, wieder in die Startelf zu rutschen, nachdem er zuletzt gegen Kasachstan und Belgien gar nicht mehr im Kader stand.


Das sagen die Protagonisten:

Joachim Löw: Die Türkei gehört zur europäischen Spitze. Die sind vor allem in der Offensive extrem gefährlich und stark. Da müssen wir schon eine sehr gute Leistung abliefern, um sie zu schlagen. Das ist ein sehr wichtiges, aber noch kein entscheidendes Spiel. Was uns bei der WM stark gemacht, müssen wir auch gegen die Türken zeigen.

Manuel Neuer: Beide Mannschaften sind perfekt in die EM-Qualifikation gestartet, beide Mannschaften wollen sich qualifizieren und möglichst Gruppensieger werden. Deswegen ist das direkte Aufeinandertreffen ein Schlüsselspiel. Die Türken sind ein ernstzunehmender Gegner - wir müssen 100 Prozent unserer Leistung bringen, wenn wir sie schlagen wollen.

Guus Hiddink: Ich weiß nicht, ob es das wichtigste Spiel ist. Kasachstan und Aserbaidschan sind wichtig. Da darfst du keine Punkte verschenken. Natürlich ist Berlin eine besondere Partie, das Duell der Gruppenfavoriten, auf das ganz Europa schaut.

Halil Altintop: Es ist natürlich ein besonderes Spiel für mich. Aber nicht nur ich freue mich sehr - das ganze Team kann es kaum erwarten, gegen Deutschland zu spielen. Für mich ist es natürlich auch ein Spiel der Emotionen, da ich mit Deutschland eng verbunden bin.

Hamit Altintop: Wir dürfen uns ruhig das Ziel setzen, die Gruppe zu gewinnen.


Die voraussichtlichen Mannschaftsaufstellungen:

Deutschland: Neuer - Lahm, Mertesacker, Badstuber, Boateng - Khedira, Kroos - Müller, Özil, Podolski - Klose

Türkei: Volkan - Gönül, Cetin, Erdogan, Balta - Aurelio, Sahin - Altintop, Emre, Tuncay - Sentürk

Schiedsrichter: Howard Webb (England)