München - Sie sind Widersacher am Freitag, zumindest für 90 Minuten. Obwohl sie mehr verbindet als trennt. Auf der einen Seite wird Mesut Özil auflaufen, als Symbolfigur einer deutschen Multikulti-Nationalelf. Auf der anderen Halil und Hamit Altintop, seine ehemaligen Mitspieler beim FC Schalke, mit dem türkischen Halbmond auf dem Trikot.

Es ist die hitzig geführte Integrationsdebatte der vergangenen Monate, die dem EM-Qualifikationsduell neben der sportlichen auch gesellschaftliche Brisanz verleiht - und die jungen Deutsch-Türken noch stärker in den Fokus rückt (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker).

"Ich bin Türke"

Alle drei wurden als Kinder türkischer Einwanderer in Deutschland geboren. Auf Gelsenkirchens Bolzplätzen lernten sie kicken, bei örtlichen Clubs wurde ihr Talent entdeckt und gefördert. Und über unterschiedliche Wege schafften schließlich alle den Sprung ins Profigeschäft. Als sich die Frage nach dem Nationalteam stellte, wählte Özil die Karriere in den Nachwuchsmannschaften des DFB, während sich die Altintop-Zwillinge für die Heimat ihrer Eltern entschieden.

"Ich bin Deutschland sehr, sehr dankbar, ich habe sehr viel gelernt und sehr viele Chancen bekommen", sagt Hamit Altintop der "Süddeutschen Zeitung", "aber meine Mama kommt aus der Türkei, mein Vater kommt aus der Türkei, ich bin Türke." Er habe es nie in Betracht gezogen, für Deutschland zu spielen, beteuert der Mittelfeldspieler des FC Bayern, für den der ehemalige Teamkollege Özil mehr als ein Freund sei. "Er ist wie ein Bruder", so Altintop.

Heimspiel für die Türkei?

Umso kurioser, dass sie sich nun als Hoffnungsträger ihrer Teams in Berlin als Kontrahenten begegnen. "Für mich ist es natürlich ein Spiel der Emotionen, da ich mit Deutschland eng verbunden bin", sagt Frankfurts Halil Altintop gegenüber bundesliga.de. Mit vielen Spielern wie Manuel Neuer oder Özil habe er jahrelang zusammengespielt, so der 28-jährige, "aber spätestens wenn die Nationalhymnen gespielt werden, weiß ein jeder Spieler, wo es lang geht."

Dafür werden schon allein die Zuschauer im Berliner Olympiastadion sorgen. Tausende türkische Fans werden erwartet. "Haben wir wirklich ein Heimspiel gegen die Türkei?", titelte die "Bild" zuletzt provokant. "Es werden wahrscheinlich ausgeglichene Verhältnisse sein", glaubt Altintop.

Hinter dem ehemaligen Schalker wird möglicherweise ein BVB-Star im Mittelfeld die Fäden ziehen. Borussia-Stratege Nuri Sahin ist der dritte Bundesligastar im Bunde, der auf das Land trifft, in dem er groß geworden ist. Der 22-Jährige ist der jüngste Spieler gewesen, der je in der deutschen Bundesliga zum Einsatz kam. "Ich bin zwar Türke, aber auch ein bisschen Deutscher. Ich bin stolz, hier geboren und aufgewachsen zu sein", sagt der gebürtige Lüdenscheider, der bereits mit 17 Jahren zum jüngsten türkischen Nationalspieler und Torschützen der Verbandshistorie avancierte.

"Es wird für beide Seiten ein Festtag"

Spieler wie Sahin und Özil sind die prominenten Symbolfiguren einer ganzen Generation junger Fußballer mit Migrationshintergrund, in deren Brust zwei Herzen schlagen.

24 Spieler aus Deutschland laufen inzwischen in den Nationalmannschaften der Türkei auf, auf der anderen Seite setzt der DFB in seinen Auswahlteams auf 18 türkischstämmige Fußballer. Sobald eines der Talente ein A-Länderspiel absolviert hat, darf es nicht mehr die Seiten wechseln. "Das wichtigste ist, dass man sich mit seiner Entscheidung wohl fühlt", weiß Sahin, der alle Nachwuchsmannschaften der Türkei seit der U 15 durchlaufen hat.

Das Spiel gegen das eine seiner Heimatländer hat für den jungen Dortmunder Derby-Charakter: "Es wird für beide Seiten ein Festtag", glaubt er. Und sein Teamkollege Hamit Altintop spannt sogar einen noch größeren Bogen. Integration sei für ihn, so der FCB-Star, "wenn das Spiel am Freitag von den Fans beider Mannschaften zum Fest gemacht wird."