Hoffenheim - Die TSG 1899 Hoffenheim war eine der größten positiven Überraschungen der vergangenen Saison. Und auch in dieser Spielzeit scheinen die Kraichgauer an diese starken Leistungen anknüpfen zu können. Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht Neuzugang Havard Nordtveit über Hoffenheims Saisonstart, über seine ersten Erfahrungen mit Trainer Julian Nagelsmann und über seine Zeit in England.

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bundesliga.de: Herr Nordtveit, nach etwa einem Viertel der Saison steht Hoffenheim auf dem vierten Platz, also dort, wo man die vergangene Saison abgeschlossen hat. Sind Sie dementsprechend zufrieden mit dem bisherigen Saisonverlauf?

Havard Nordtveit: Ich glaube, dass es immer schwierig ist für eine Mannschaft nach einer so guten Saison, wie sie die TSG zuletzt gespielt hat, daran anzuknüpfen. Umso wichtiger war es, dass wir ganz gut in die Saison gekommen sind. Wenn wir uns die bisherigen Spiele anschauen, sind 15 Punkte ganz okay. Aber es könnten durchaus noch ein paar mehr sein.

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bundesliga.de: Zum Beispiel am vergangenen Wochenende gegen Augsburg, als in allerletzter Minute aus dem schon sicher geglaubten Sieg "nur" ein Unentschieden wurde. Ist das einfach Pech, oder fehlt noch die Cleverness?

Nordtveit: Auf dem Niveau, auf dem in der Bundesliga alle Mannschaften agieren, sind es nur Kleinigkeiten, die über den Ausgang eines Spiels entscheiden. Wenn du in einer entscheidenden Phase plötzlich auch nur ein oder zwei Prozent weniger machst als der Gegner, dann bekommst du das Gegentor. Das ist so! Und das hat nichts mit fußballerischer Qualität zu tun, sondern es geht einzig und allein darum, in jeder Sekunde hellwach zu sein. Wir trainieren jeden Tag sehr hart, um solche Momente wie gegen Augsburg zu verhindern.

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bundesliga.de: Mit Ihnen, mit Nico Schulz, Eugen Polanski und Lukas Rupp gibt es bei 1899 mittlerweile eine Fraktion ehemaliger Spieler von Borussia Mönchengladbach. Hat Ihnen das beim Eingewöhnen geholfen?

Nordtveit: Ich glaube, dass ich grundsätzlich ein Typ bin, mit dem jeder schnell ins Gespräch kommen kann. Trotzdem stimmt es, dass es nicht schadet, wenn man das eine oder andere Gesicht schon ganz gut kennt. Ob Nico oder Lukas oder einer der anderen Jungs – sie alle haben mir vom ersten Moment an das Gefühl gegeben, dass ich willkommen bin, und dass sich jeder freut, dass ich nun für die TSG spiele.

"Julian Nagelsmann hat als Trainer alles, um die ganz großen Erfolge im Fußball zu erreichen. Ich habe bei ihm das selbe Gefühl wie bei Lucien Favre."

bundesliga.de: Bisher haben Sie meist unter älteren Trainern wie Lucien Favre oder Arsène Wenger trainiert. Ihr jetziger Trainer Julian Nagelsmann steht dagegen stellvertretend für eine neue Generation jüngerer Trainer. Unterscheiden sich Nagelsmann und Co. tatsächlich von Favre, Wenger und Co., oder bleibt Fußball doch immer Fußball?

Nortdveit: Lassen Sie mich so antworten: Arsène Wenger ist eine Legende. Und ich glaube, dass er und Lucien Favre eine sehr ähnliche Auffassung vom Fußball haben. Mit Lucien Favre habe ich fünf Jahre zusammenarbeiten dürfen. Er ist ein hervorragender Trainer, der alles über den Fußball und über jeden seiner Spieler weiß. Der Fußball bleibt aber immer in Bewegung, und ob als Verein, als Spieler oder als Trainer – du musst dich immer weiterentwickeln. Und bei Julian Nagelsmann habe ich dasselbe Gefühl wie bei Lucien Favre. Julian scheint alles zu wissen, und man hat in keiner Sekunde den Eindruck, dass er erst 30 Jahre alt ist. Ich bin sicher, dass Julian eine fantastische Perspektive hat. Er hat als Trainer alles, um die ganz großen Erfolge im Fußball zu erreichen.

Von seinem jungen Coach Julian Nagelsmann ist Havard Nordtveit voll überzeugt
Von seinem jungen Coach Julian Nagelsmann ist Havard Nordtveit voll überzeugt © gettyimages / Matthias Hangst

bundesliga.de: Gab oder gibt es im Training etwas, dass Sie so noch gar nicht kannten?

Nordtveit: Viel! Alles! (lacht) Die Saisonvorbereitung mit Hoffenheim war für mich zum Beispiel ungewöhnlich anstrengend. Weniger für meinen Körper, als mental, für meinen Geist. Ich habe noch nie zuvor so viele Übungen im mentalen Bereich erlebt. Übungen, in denen wir auf die vielen Situationen, die in einem Spiel auf uns zukommen können, hervorragend vorbereitet worden sind.

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"In der Premier League wird vor allem Wert auf Physis gelegt, während in der Bundesliga zudem alle Teams taktisch sehr gut geschult sind."

bundesliga.de: Sie sind selbst längst ein alter Hase. Mit 19 standen Sie beim FC Arsenal unter Vertrag, später waren Sie fünfeinhalb Jahre in Mönchengladbach, dann wieder ein Jahr in der Premier League bei West Ham United...

Nordtveit: Einmal in der Premier League zu spielen, das war immer mein Traum. Als junger Mann, damals mit erst 19 Jahren, ist mir das bei Arsenal leider nicht gelungen. Ich wusste zwar, dass es nicht einfach werden würde bei einem so großen Verein, aber ich wollte diese Chance nicht verstreichen lassen. Nach fünfeinhalb Jahren bei Borussia Mönchengladbach kam im Sommer 2016 dann die erneute Chance in die Premier League zu wechseln, zu West Ham. Für mich bedeutete das die "Once in a Lifetime Opportunity", die Chance des Lebens, die vielleicht nicht mehr wiederkommt. Also habe ich zugegriffen. Wenn ich vielleicht einmal 65 werde und dann in Norwegen in meinem Schaukelstuhl sitze, kann ich meinen Kindern und meinen Enkeln erzählen, dass ihr Vater und ihr Opa auch einmal in der Premier League gespielt hat.

Havard Nordtveidt zeigt seit Jahren seine große Klasse in der Bundesliga
Havard Nordtveidt zeigt seit Jahren seine große Klasse in der Bundesliga © imago / Team2

bundesliga.de: Wie unterscheiden sich Bundesliga und Premier League in fußballerischer Hinsicht?
Nordtveit:
In der Premier League geht es wilder hin und her als in der Bundesliga, das Tempo ist immer extrem hoch. In der Premier League wird vor allem Wert auf Physis gelegt, während in der Bundesliga zudem alle Teams taktisch sehr gut geschult sind. Das zahlt sich aus. Denn wenn man sich die vergangenen Jahre anschaut, sieht man wie stark die Bundesliga geworden ist und welche große Rolle sie heute in Europa spielt.

bundesliga.de: Zum Schluss noch ein Ausblick auf das Spiel in Wolfsburg. Die "Wölfe" laufen den eigenen Ansprüchen weiter hinterher...

Nortdveit: Das sagt nichts aus. Jedes Spiel in der Bundesliga ist eine ganz harte Prüfung, egal wie der Gegner gerade heißt. Ich habe mit Borussia Mönchengladbach die Erfahrung machen müssen, dass es niemals leicht ist in Wolfsburg zu spielen. Deshalb erwarte ich ein sehr hartes Duell – und hoffe dennoch, dass wir nach 90 Minuten einen Treffer mehr erzielt haben als der VfL und die drei Punkte mitnehmen können nach Hoffenheim.

Das Gespräch führte Andreas Kötter