Köln - Mit dem aktuell siebten Platz beweist der FC Augsburg, dass das gute Abschneiden in der vergangenen Saison kein Zufall war.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Führungsspieler Halil Altintop über die Gründe dafür, dass Augsburg trotz namhafter Abgänge erneut in der oberen Tabellenhälfte zu finden ist, über seine Zeit bei Trabzonspor und über die Unterschiede zwischen der Bundesliga und der SüperLig.

bundesliga.de: Herr Altintop, nach einem Drittel der Saison steht der FC Augsburg ähnlich gut, wie er die vergangene Saison beendet hat, auf Platz acht; trauen Sie Ihrer Elf eine ähnlich erfolgreiche Saison zu?

Halil Altintop: Wir sind natürlich sehr glücklich, dass es in den letzten Wochen bei uns so gut lief, wissen aber auch, dass es auch ganz schnell in die andere Richtung gehen kann. Platz sieben ist deshalb eine schöne Momentaufnahme. Bei uns weiß aber jeder, dass wir zunächst Punkte sammeln, um auch in der kommenden Saison in der Bundesliga zu spielen.

"Wir haben gezeigt, dass wir mithalten können"

bundesliga.de: Taugt das – gerade auch im Hinblick auf die gut kompensierten Abgänge von André Hahn und Kevin Vogt – als Beweis, dass sich der FCA in der Bundesliga etabliert hat?

© dfl

Altintop: Wir sind auf einem guten Weg. Wir haben in dieser und auch in der letzten Saison gezeigt, dass wir mit allen Mannschaften mithalten können. Und dass, obwohl viele Kritiker uns nach den Abgängen von Andre Hahn, Kevin Vogt und auch Matthias Ostrzolek wieder als einer der größten Abstiegskandidaten gehandelt haben.

bundesliga.de: Sind Sie selbst ein wenig überrascht, wie gut die Mannschaft diese Abgänge verkraftet hat?

Altintop: Nein, ich bin nicht überrascht. Wir haben diese Abgänge durch viel Qualität ersetzt und dadurch verstärkt. Gerade im Angriff sind wir noch variabler. Ansonsten ist der Kern der Mannschaft ja größtenteils zusammengeblieben.

bundesliga.de: Haben Sie als sehr erfahrener Spieler versucht, Hahn und Vogt von einem Verbleib in Augsburg zu überzeugen?

Altintop: Klar gab es da das ein oder andere Gespräch, aber letztlich ist jeder für sich verantwortlich und muss für sich entscheiden, was er will. Ich denke, dass beide schon auch wussten, was sie am FCA haben. Letztlich haben sie sich aber für diesen Schritt entschieden.

bundesliga.de: Hahn kam aus der dritten Liga und hat es in nur einem Jahr in die Nationalmannschaft und zu einem Spitzenklub gebracht; taugt das bei aller Enttäuschung über den Verlust doch auch als Motivationshilfe für andere junge FCA-Spieler?

Altintop: Mich freut es natürlich sehr, dass André derzeit so gute Leistungen bringt. Er kann für unsere jungen Spieler durchaus ein Vorbild sein, vor allem was seine Einstellung zu Beruf angeht.

"Geld ist nicht alles"

bundesliga.de: Noch im Frühjahr haben Sie in einem Interview gesagt, dass der FCA trotz der sehr guten Serie wohl immer gegen den Abstieg spielen wird; haben Sie sich getäuscht...

Altintop: Nein, da müssen wir schon realistisch bleiben. Für uns ist es wichtig, genügend Punkte zu sammeln, so dass wir auch in der nächsten Saison in der Bundesliga spielen. Das ist und bleibt unser realistisches Ziel.

bundesliga.de:  ...oder ist ein Klub mit der wirtschaftlichen Struktur des FCA trotz zwischenzeitlicher Erfolge letztlich doch dazu verdammt, dauerhaft gegen den Abstieg zu spielen?

Altintop: Klar sind uns andere Mannschaften noch voraus, was den Etat und den wirtschaftlichen Möglichkeiten angeht. Geld ist jedoch nicht alles. Wir wissen, dass wir durch unseren Zusammenhalt in der Mannschaft solche Dinge mehr als kompensieren können.

bundesliga.de: Der FCA funktioniert vor allem als Kollektiv; wie schwierig ist es, dieses Kollektiv auch dann zu bewahren, wenn sich Erfolg einstellt, und der eine oder andere Spieler vielleicht doch etwas herausragt?

Altintop: Da habe ich keine Bedenken. Bei uns können alle Spieler die Leistungen einschätzen. Jeder weiß, dass er ohne seine Mitspieler nicht zu guten Leistungen fähig ist.

bundesliga.de: Vor Ihrem Engagement beim FCA haben Sie für Trabzonspor in der Türkei gespielt, wo der mediale Wirbel um ein Vielfaches höher war; war es für Sie eine Befreiung nicht mehr so sehr im Fokus zu stehen?

Altintop: Meine Zeit bei Trabzonspor hat mir sportlich und privat sehr weitergeholfen. Meine Eltern stammen aus der Türkei, und ich habe dadurch die Mentalität und Kultur dort viel besser kennengelernt. Jetzt bin ich froh in Augsburg zu sein, weil ich wieder in der Bundesliga spielen kann.

bundesliga.de: Muss man sich als Profi immer selbst wieder klar machen, dass die Befriedigung des medialen Interesses letztlich Teil des Jobs ist?

Altintop: Ja, das gehört genauso dazu wie das Training und die Spiele vor vielen Zuschauern. Das mediale Interesse ist natürlich in den letzten Jahren immer größer geworden, überall und auf sämtlichen Kanälen wird über Fußball berichtet.

"Bundesliga-Spieler sind fokussierter"

bundesliga.de: So fußballverrückt die Türkei ist, so sehr scheint das Niveau in den vergangenen Jahren nach dem Hoch zu Beginn des Jahrtausends – WM-Dritter 2002 – gefallen zu sein; die Nationalmannschaft enttäuscht in der Euro-Qualifikation ebenso wie zuletzt Galatasaray Istanbul gegen den BVB versagt hat...

© dfl

Altintop: Ich möchte mich aus der Ferne nicht über die Entwicklung in der Nationalmannschaft oder bei anderen Vereinen äußern, sondern hoffe, dass der türkische Fußball bald wieder an die erfolgreichen Jahre anknüpfen kann.

bundesliga.de: Haben Sie mit Ihrem Zwillingsbruder Hamit, der für Gala spielt, über die Gründe für das schlechte Abschneiden gesprochen?

Altintop: Wir tauschen uns natürlich viel aus, auch nach dem Spiel gegen Dortmund. Aber bei uns geht es nicht nur um Fußball. Gerade wenn man so weit voneinander entfernt wohnt, gibt es auch noch andere Themen, über die man sich unterhält.

bundesliga.de: Haben Sie mit Hamit auch darüber gesprochen, wie gut sich die Bundesliga in den vergangenen drei, vier Jahren noch einmal entwickelt hat?

Altintop: Hamit verfolgt die Bundesliga natürlich auch regelmäßig, nicht nur seine Ex-Clubs, sondern auch den FCA. Auch er weiß, dass die Bundesliga zu den besten Ligen auf der Welt gehört.

bundesliga.de: Was kann die SüperLig von der Bundesliga lernen?

Altintop: Da möchte ich gar keine Ratschläge geben. Meine Erfahrung hat mir aber gezeigt, dass vor allem die Einstellung zum Beruf in der Bundesliga, gerade bei jungen Spielern, besser ist. Sie sind fokussierter als in der Türkei.

Das Gespräch führte Andreas Kötter