München - Vom amtierenden Deutschen Meister wurde zu Anfang der aktuellen Spielzeit viel erwartet, schließlich hatte Borussia Dortmund sich den Titel durch eine konstant starke Mannschaftsleistung in der Vorsaison wahrlich verdient. Mit dem Auftaktsieg gegen den HSV schien sich zunächst abzuzeichnen, dass an Dortmund auch in Zukunft kein Weg vorbei führt.

Die Zwischenbilanz verpasst der Euphorie der "schwarz-gelben" Anhängerschaft einen leichten Dämpfer. Die eher durchschnittliche Ausbeute der vergangenen Wochenenden lässt mit sechs Punkten nur den 6. Tabellenplatz zu. In der vergangenen Saison standen nach dem 4. Spieltag schon neun Punkte auf dem Konto des BVB.

bundesliga.de hat die Statistik bemüht und Schwachstellen im Vergleich zur Saison 2010/11 festgestellt.

Auswärts läuft's nicht

Vor allem auf fremdem Rasen kommt der Meister nicht gut weg: Saisonübergreifend ist Dortmund seit sechs Auswärtsspielen sieglos. Auch die Torflaute in diesen Partien ist bemerkenswert. Nur einen Treffer erzielte die Elf von Trainer Jürgen Klopp in diesen sechs Auswärtspartien, nämlich am 29. Spieltag 2010/11 in Hamburg.

Die mangelnde Chancenverwertung ist in dieser Saison noch immer ein wunder Punkt: Trotz 59 Torschüssen gelangen nur fünf Tore. Das ergibt einen Schnitt von einem Treffer aus zwölf Torschüssen, letzte Saison benötigten die Dortmunder nur knapp zehn. Besonders schmerzhaft: Lediglich vier von neun Großchancen, also 44 Prozent, wurden verwandelt.

Robert Lewandowski, der momentan den Ausfall des verletzten Lucas Barrios abfangen muss, muss sich dabei an die eigene Nase fassen, er ist einfach noch nicht in Topform. Der Mittelstürmer bringt es derzeit nur auf elf Torschüsse. Da ist noch Luft nach oben.

Mehr Ballbesitz, weniger Tore

Und noch etwas ist verbesserungswürdig beim BVB: Das Team hat zwar öfter den Ball, kann daraus aber noch kein Profit schlagen. Dortmund hat in dieser Saison 56 Prozent Ballbesitz, eine Verbesserung um fünf Prozent im Vergleich zur vorhergehenden Spielzeit. Dass sich die Gegner gegen den amtierenden Meister noch defensiver staffeln und Dortmund noch mehr das Spielfeld überlassen, ist keine wirkliche Überraschung. Der Umgang mit den zusätzlichen Prozenten fällt allerdings noch schwer, erfolgreiche Konter, wie man sie aus der Vorsaison kennt, sind zur Seltenheit geworden. Zwei stehen derzeit auf dem Konto des Meisters. 2010/11 waren es insgesamt 18 Kontertore bzw. 26 Tore nach gegnerischen Ballverlust.

Ein Lichtblick: Auch wenn die Dortmunder Stürmer bislang hinter den Erwartungen zurückbleiben, auf die Defensive ist Verlass. Zwei Mal erst musste BVB-Keeper Roman Weidenfeller hinter sich greifen. Nur der FC Bayern kassierte weniger Gegentore.

Dass die Borussia bislang nur 49 Prozent der Zweikämpfe gewinnen konnte, ist dagegen wenig ruhmreich. Beteiligt an dieser Statistik ist auch Ilkay Gündogan, der Neuzugang vom 1. FC Nürnberg. Der defensive Mittelfeldspieler siegte bis jetzt nur bei 41 Prozent seiner Zweikämpfe.

Gündogan darf sich beweisen

Klopp setzt jedoch große Stücke auf den 20-Jährigen, der die Lücke füllen soll, die Nuri Sahin mit seinem Abgang zu Real Madrid hinterließ. An den ersten vier Spieltagen stand er immer in der Startelf.

"Nuri war eine herausragende Figur", wiegelt Gündogan ab, "Aber ich bin nicht gekommen, um ihn zu kopieren." Dafür zeigte er gehörig Kampfgeist, seine neun Fouls sind der mannschaftsinterne Spitzenwert.

Was ihn für Nürnberg so wertvoll machte, war sein Engagement in der Offensivarbeit. In der vergangenen Saison war Gündogan an acht Treffern der Franken direkt beteiligt, insgesamt fünf selbst erzielte Tore und drei Assists. Allerdings nahm er beim "Club" auch eine offensivere Rolle im Mittelfeld ein, als er es in Dortmund darf. Aktuell kann er nur einen Scorer-Punkt verbuchen: Am 3. Spieltag gegen seinen Ex-"Club" bereitete er das Tor von Kevin Großkreutz zum 2:0-Endstand vor.

In gewisser Hinsicht steht also die Leistung Gündogans stellvertretend für die kleine Schwächephase, die der BVB im Moment durchlebt. Dafür spricht nach wie vor viel für das Potenzial des Erfolgskaders der Meistermannschaft, der größtenteils zusammengeblieben ist. Und allen betrüblichen Statistiken zum Trotz liegen zwischen Dortmund und dem Tabellenführer nach dem 4. Spieltag nur zwei Punkte. Es ist ja noch nicht aller Tage Abend.

Sabine Glinker