München - Der FC Bayern München will ganz hoch hinaus, das verdeutlicht kein Vorhaben nachhaltiger als die Verpflichtung von Coach Josep "Pep" Guardiola für die kommende Saison. "Guardiola ist ein junger Mann, mit dem wir eine erfolgreiche Ära einleiten wollen", sagte der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge am Donnerstag. Mit dem FC Barcelona gewann der Katalane 14 Titel in vier Jahren. Damit ist er der erfolgreichste Trainer in Barcas Clubgeschichte.

Wird der "Titelhamster" nun auch zum Erfolgsgaranten für den FC Bayern? bundesliga.de wägt Chancen und Gefahren ab, die sich durch die Guardiola-Verpflichtung ergeben.

Jugendstil und eigene Philosophie

Als Schüler der Barca-Jugendakademie La Masia und "Ziehsohn" von Ex-Coach Johan Cruyff bekam Guardiola hautnah mit, wie nachhaltig Nachwuchsarbeit praktiziert werden kann. Davon profitierte er in seiner Zeit als Barcelonas Trainer später selbst, denn 33 der 57 von Guardiola eingesetzten Akteure wurden in La Masia ausgebildet. Das gepflegte Kurzpassspiel (Tiki-Taka) lernen die Jugendspieler dort vom ersten Tag an. Dieses durchgängige Konzept stellt nun für Bayern eine Chance dar, Talente entsprechend noch gezielter zu fördern als bisher. David Alaba (Bild) schaffte es als letztes Talent aus der eigenen Jugend in die Bayern-Startelf. Bislang setzten die Münchner eher auf ein "Zwei-Säulen-System", so Rummenigge: Dabei gesellen sich zu den teuren Stars eigene Talente aus dem eigenen Nachwuchs.

Guardiola sammelte mit Barca Titel und verzückte die Massen mit einer klaren Spielidee, die schon mit gezieltem Training begann. "Wir haben fast immer mit dem Ball trainiert. Es gab immer viele Kreise und viele Ein-Kontakt-Übungen", erklärte Ex-Barca-Spieler Aliaksandr Hleb gegenüber bundesliga.de. "Nur während der Vorbereitung gab es Krafttraining, ansonsten trainierten wir immer mit Ball." Durch den Namen Guardiola erhoffen sich die Bayern-Verantwortlichen einen Bonus auf dem Transfermarkt. "Es gibt Spieler im In- und Ausland, die gerne mit so einem Trainer zusammenarbeiten möchten", sagte Rummenigge.

Egos als Stolpersteine?

Zlatan Ibrahimovic (Bild), Ronaldinho, Samuel Eto'o - diese Stars fielen bei Guardiola aus sportlichen und/oder charakterlichen Gründen durchs Raster. Denn: Nichts ärgert den zweifachen Champions-League-Sieger mehr, als ein Spieler, der sein persönliches Ego über die Mannschaft stellt. Auch in München wird der Spanier freie Hand bekommen. "Der Trainer hat bei uns totale Lufthoheit bei Training, Taktik und Mannschaftsaufstellung", erklärte Rummenigge.

Für alle anderen Entscheidungen muss sich Guardiola die Zustimmung von den Vereinsgrößen Rummenigge, Sportdirektor Matthias Sammer und Präsident Uli Hoeneß einholen. Rummenigge und Hoeneß waren schon im Amt, als die früheren Trainer Jürgen Klinsmann und Louis van Gaal den Verein revolutionieren wollten. Trotz anfänglicher Euphorie endeten diese Vorhaben in vorzeitigen Entlassungen. Eines stellte Rummenigge deshalb von vornherein klar: "Es wird nicht so sein wie bei Louis van Gaal, der seinen ganzen Stab mitbrachte." Guardiola wird voraussichtlich zwei Vertraute in seinem Trainerstab haben. Rummenigge äußerte große Zuversicht, "dass es funktionieren wird" mit dem neuen Trainer. Der Vorstandsvorsitzende geht von einer "guten Zusammenarbeit aus", vor allem Sammer, der laut Rummenigge eine "extrem hohe Meinung von Guardiola hat". Doch die hatten die Verantwortlichen einst auch von Klinsmann und van Gaal.

Menschlichkeit, Motivation und Außenwirkung

Trotz Bayerns erfolgreicher Vorbereitung auf die zweite Saisonhälfte trat Sammer zuletzt als Mahner auf, machte deutlich, weshalb er den Spitznamen "Motzki" trägt. Mit Guardiola (Bild) kommt nun der exakte Gegenentwurf nach München. Ein Gentleman mit "unglaublicher Ausstrahlung und Aura", so Rummenigge. Mit diesen Eigenschaften trug er zum hohen Ansehen Barcelonas bei. Guardiolas Charakterzüge kann nun der FC Bayern für eine noch positivere Außendarstellung nutzen. Dass die Verpflichtung überhaupt möglich wurde, liegt zum großen Teil an Guardiolas Demut und Bescheidenheit. "Geld war für ihn nicht das entscheidende Kriterium. Hätten die Finanzen die wichtigste Rolle gespielt, wäre er nicht ab dem 1. Juli in München", erklärte Rummenigge.

In Spanien behielt Guardiola trotz ständiger Giftpfeile von Real Madrids Coach Jose Mourinho zumeist die Contenance. In Sachen Motivation und Spielvorbereitung ist der Katalane längst ein Großer - manchmal sogar ohne Worte. Vor dem Champions-League-Finale 2009 motivierte der Coach seine Mannen mit dem Song "Viva la vida" ("Lebe das Leben") von seiner Lieblingsband Coldplay - gute 90 Minuten später war Barcelona Champions-League-Sieger.

Sprachbarriere und Erfolgsdruck

Seit den zwei Amtszeiten Giovanni Trapattonis (Bild) ist das Thema Kommunikation ein heiß diskutiertes bei jeder Trainersuche des FC Bayern. Der Italiener sorgte zwar mit seiner legendären Pressekonferenz ("Was erlauben Strunz?") für großes Amüsement bei der Öffentlichkeit, dennoch muss man in der Nachbetrachtung festhalten, dass der Maestro nicht zuletzt auch an mangelnden Deutschkenntnissen scheiterte. Dies soll sich beim Spanier tunlichst nicht wiederholen. "Er lernt bereits intensiv Deutsch", stellte Rummenigge klar.

Selbst wenn die Sprachkenntnisse bis zum 1. Juli äußerst passabel sein sollten - mit Bayern betritt der Spanier Neuland. Durch seine Vergangenheit als Barcelonas Spieler war er schon der Held im Camp Nou, als er Trainer von Barca wurde, sodass ihm in der Anfangszeit der ein oder andere Fehler eher verziehen wurde. Nach München kommt Guardiola nun als hochdekorierter Top-Trainer, von dem nur eines verlangt wird - Titel. Zudem bleibt abzuwarten, ob sich der Katalane mit der deutschen Mentalität anfreunden kann.

Christoph Gailer