München - Bei der ersten Pressekonferenz Pep Guardiolas im Bauch der Münchner Allianz Arena Ende Juni hatten sich eine Menge Fragen angestaut bei den über 200 akkreditierten Journalisten. Wie will der Spanier die stärkste Mannschaft Europas noch verbessern? Wird er das von Jupp Heynckes hinterlassene System fortführen? Oder wird er beim FC Bayern das aus Barcelona bekannte Kurzpassspiel etablieren?

"Wenn eine Mannschaft vier Titel gewonnen hat", sagte Guardiola bei seiner Vorstellung, "müssen wir nicht viele Wechsel machen. Die Mannschaft ist sehr gut." Knapp drei Wochen später endete am Sonntag mit dem Benefizspiel gegen den F.C. Hansa Rostock der erste Teil der Vorbereitung - und der neue Trainer des FC Bayern hat mehr Veränderungen auf den Weg gebracht, als vorher angenommen. Für den passenden Knalleffekt zum Ende von Phase eins sorgte am Sonntag auch noch die Verpflichtung von Mittelfeld-Allrounder Thiago Alcantara.

Umstellung auf 4-1-4-1-System

Durch die Verpflichtung seines Wunschspielers vervielfachen sich Guardiolas Möglichkeiten. Der 22 Jahre alte Spanier ist auf allen Positionen im Mittelfeld einsetzbar. Doch bereits ohne Thiago ließen die ersten Wochen Rückschlüsse zu, in welche Richtung es unter Guardiola gehen soll.

In fast allen Testspielen agierte der Champions-League-Sieger in einem 4-1-4-1-System, die Triple-Variante mit zwei defensiven Mittelfeldspielern scheint vorerst nicht mehr in Mode. Der alleinige Sechser ist dabei vor allem für die Spielauslösung und die taktische Ordnung zuständig und agiert als Quarterback hinter den vier Kreativspielern. Das erfordert ein Höchstmaß an taktischer Disziplin, da kein zweiter Spieler zur Absicherung bereit steht.

Ebenfalls neu: Die Außenverteidiger der Münchner sollen sich aggressiver den je in die Offensive einschalten. Hier sind die Stammkräfte Philipp Lahm und David Alaba noch stärker gefordert.

Kirchhoff: "Es wird besser"

Die Spieler stehen den Änderungen offen gegenüber, auch wenn Franck Ribery anfangs manches "komisch" vorkam. Die Profis können sich mit dem System Guardiolas identifizieren - allerdings braucht es noch Übung, um die Vorgaben des Spaniers perfekt umzusetzen.

"Wie der Trainer korrekt betont: Wir brauchen Eingewöhnungszeit. Ständige Wiederholung, Videoanalysen", erklärt Jan Kirchhoff gegenüber bundesliga.de. "Es wird besser, die Fortschritte sehen wir in den Trainingseinheiten und zum Teil schon in den Testspielen."

Wer spielt wo?

Der Streit um die Plätze in der Offensive verkommt nach der Verpflichtung Thiagos allerdings endgültig zur Schlacht. Dagegen erscheint der Konkurrenzkampf im Triple-Jahr wie ein Kindergeburtstag.

Ein denkbares Szenario: Guardiola lässt wie einst bei Barca mit falscher "Neun" spielen und setzt Mario Götze in vorderster Front ein. Thomas Müller bliebe dann auf der rechten Außenbahn und dadurch weiterhin im direkten Duell mit Arjen Robben. Franck Ribery wäre wohl auf seiner linken Seite gesetzt. Toni Kroos müsste, ähnlich wie Xherdan Shaqiri, auf einen Platz in der Zentrale hoffen. Bastian Schweinsteiger dürfte ebenfalls in der Viererreihe zum Einsatz kommen, falls Guardiola einen anderen Spieler als Sechser einplant. Setzt Guardiola auf ein System mit klassischem Stürmer, käme auch noch Götze zusätzlich in die Mittelfeldverlosung.

Und wo fände dann Thiago seinen Platz? Der kann nach Meinung von Guardiola "auf der Sechs, der Acht, der Zehn, der Elf und der Sieben spielen." Es gibt also wenig Platz für viele große Namen.

Großer Kader wird benötigt

Steigt mit der Qualität bald auch die Unzufriedenheit? "Es braucht sich doch nur mal ein Spieler die Mühe machen und den Saison-Kalender inklusive WM anschauen", sagte Sport-Vorstand Matthias Sammer der Bild am Sonntag. "Jedem muss dann klar sein: Ohne großen Kader ist es unmöglich, diese ganze Saison zu handeln."

Pep Guardiola wird es freuen, seine Veränderungen schreiten voran. Die Voraussetzungen für maximalen Erfolg sind geschaffen.

Sebastian Schramm