Köln - In Mainz ließen sie die La Ola durch das Bruchwegstadion schwappen. Eine farbenprächtige Choreografie in Hamburg verkündete: "Coole Kids geh‘n zum HSV!" Und auf dem Rasen der VOLKSWAGEN ARENA präsentierten Wolfsburger und Berliner Kinder auf Bannern, T-Shirts und Fähnchen das gemeinsame Motto der Kampagne: "Kids-Clubs - grenzenlos aktiv".

Zum ersten Mal haben die Kinder-Clubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga rund um den 26. und 27. Spieltag der Saison 2009/10 bundesweit mit einem Aktionstag auf sich aufmerksam gemacht. Hunderttausende in den Stadien und Millionen vor den Bildschirmen haben möglicherweise erstmals von einem Projekt Notiz genommen, das bis dahin eher ohne große Öffentlichkeit ausgekommen ist.

Aber so ganz im Verborgenen können die Kids-Clubs bis zum gemeinsamen Aktionstag gar nicht gearbeitet haben - bei mehr als 60.000 Mitgliedern in 21 Kinder-Clubs und Hunderten von Betreuern und Helfern. Eine Masse, die etwa die Gelsenkirchener VELTINS-Arena komplett füllen würde. Mittlerweile hat sich die Zahl der Clubs sogar auf 24 erhöht.

"Fanarbeit von der Pike auf"

Je nach Popularität des Vereins unterscheiden sich die Kids-Clubs vor allem in der Zahl ihrer Mitglieder, die in der Regel bis 14 Jahre alt sind. Während beim Hamburger SV etwa 9000 Kinder organisiert sind, kommt der SC Paderborn auf 220 junge Mitglieder. Gemeinsam sind allen Kids-Clubs zwei Motive: die pädagogisch und sozial ausgerichtete Arbeit, bei der der Spaßfaktor nicht zu kurz kommt, und die frühe Bindung der Kinder an den Verein.

"Die Mitgliedergewinnung ist uns sehr wichtig, denn meistens entscheidet sich ein Kind nur einmal und dann endgültig für seinen Club", sagt Marc Jansen, Teamleiter Mitgliedschaften bei Bayer 04 Leverkusen. "Aber das steht bei uns nicht im Vordergrund. Viel wichtiger ist es uns, dass die Kinder soziale Kompetenz erwerben. Dass sie frühzeitig lernen, dass man auch mit dem größten sportlichen Rivalen friedlich umgehen kann. Das ist sozusagen Fanarbeit von der Pike auf."

Gemeinsames Fußballturnier

Wie diese Fanarbeit in der Praxis aussehen könnte, demonstrierten die Kids-Clubs von acht Westvereinen beim gemeinsamen Fußballturnier in Leverkusen. Beim Turnier, das den Abschluss der Aktionswoche "Kids-Clubs - grenzenlos aktiv" bildete, spielten die acht- bis zehnjährigen Mädchen und Jungen der Clubs von Alemannia Aachen, VfL Bochum 1848, Borussia Dortmund, Fortuna Düsseldorf, 1. FC Köln, SC Preußen Münster, FC Schalke 04 und Bayer 04 Leverkusen in bunt gemischten Mannschaften mit- und gegeneinander um den Turniersieg.

"Das ist die beste Voraussetzung dafür, dass sich die Fans später respektieren, und nicht nur die Kinder, sondern auch ihre Eltern", meint Michal Kadlec, Turnierpate und Profi von Bayer 04 Leverkusen.

Einzigartige Einrichtung im europäischen Fußball

Verantwortung zeigen, Werte vorleben - das sind auch klare Richtlinien für die pädagogischen Mitarbeiter der Clubs. "Wenn wir mit unseren Kids zu Auswärtsspielen fahren, geht es im Stadion darum, die eigene Mannschaft anzufeuern und nicht den Gegner oder die anderen Fans anzupöbeln", meint Jochen Langbein, verantwortlich für den HSV Kids-Club. "Fair Play, Teamgeist und respektvollen Umgang sollen und müssen unsere Betreuer vorleben."

Die Hamburger waren einer der ersten Bundesliga-Clubs, die einen Kids-Club gegründet haben. Pünktlich zum 40-jährigen Bestehen der Bundesliga wurde der Kinder-Club am 24. August 2003 beim Heimspiel gegen den FC Bayern München samt Maskottchen Dino "Hermann" vorgestellt. Die heute rund 9000 Mitglieder verdeutlichen, welch eine Erfolgsgeschichte hinter dieser im gesamten europäischen Fußball einzigartigen Einrichtung steht.

Kein Konkurrenzdenken

"Mit ihren Betreuungsangeboten auch außerhalb der Stadien und abseits der Spieltage leisten die Kids-Clubs wertvolle pädagogische Arbeit", sagt Marco Rühmann, DFL-Projektmanager Fanangelegenheiten. "Seit vier Jahren organisiert die DFL regelmäßig Veranstaltungen, um den Austausch unter den Kids-Clubs zu fördern, sie untereinander zu vernetzen und neue Ideen zu entwickeln."

Kein Wunder also, dass die Kinder-Clubs immer professioneller arbeiten, ihre Strukturen immer stärker vernetzt sind. Regelmäßig finden Treffen der Verantwortlichen statt, auf bundesweiter und regionaler Ebene. Konkurrenzdenken gibt es nicht. Ein nationaler Arbeitskreis vertritt die Interessen aller Kids-Clubs der Bundesliga und der 2. Bundesliga. Allen Kids-Clubs steht ein gemeinsames DFL-Extranet zur Verfügung: Jeder kann von jedem lernen, Ideen aufgreifen und umsetzen.

Voneinander profitieren

Ein Paradebeispiel dafür ist der Paderborner SCP Kids Club. Initialzündung für die Gründung des Clubs im Sommer 2009 war das zweitägige Kids-Club-Treffen "Bundesliga und Kinder", das die DFL in Zusammenarbeit mit den Schalker Gastgebern im April 2009 in der VELTINS-Arena veranstaltete. "Wir haben auf diesem Treff von so vielen Tipps, Kontakten und Ratschlägen profitiert, dass wir schon kurze Zeit später mit unserem SCP Kids Club starten konnten", sagt Paderborns Marketingreferent Benjamin Bruns.

Die Idee eines Kids-Clubs fand auch breite Unterstützung bei Paderborner Unternehmen, die sich sozialer Verantwortung verschreiben. Heute unterstützen neun Partner und acht Förderer die SCP-Kids. Auch deshalb kann der Jahresbeitrag von 35 Euro niedrig gehalten werden, zumal der Wert aller Leistungen pro Kind und pro Jahr laut Bruns bei etwa 220 Euro liegt.

"Kreativität gefragt"

Die Aktivitäten der Kinder-Clubs beschränken sich nicht allein auf das Geschehen rund um Heim- und Auswärtsspiele. Die Arbeit mit den Kindern findet genauso an normalen Wochentagen statt. "Wir wollen dafür sorgen, dass an 365 Tagen im Jahr etwas im FC-KidsClub passiert, da ist natürlich unsere Kreativität gefragt. Denn neben den Angeboten an Heimspieltagen wollen wir den Kindern auch im täglichen Leben etwas bieten." So drückt es Lars Nierfeld, Marketing-Leiter des 1. FC Köln, aus.

Vielfältige und aktuelle Themen aufgegriffen

Schaut man sich die Aktionen und Themen der verschiedenen Kids-Clubs an, so findet sich die von Nierfeld genannte Kreativität praktisch überall wieder. Beeindruckend, wie schnell aktuelle und öffentlich diskutierte Themen aufgegriffen wurden: Der Hertha BSC Kids-Club backte "Brote für Haiti", um mit dem Verkauf den Opfern im Erdbebengebiet zu helfen.

DSC Arminia Bielefeld setzte den Fair-Play-Gedanken auf einem selbst gestalteten Flyer um. Die Kids des VfB Fritzle-Clubs freuten sich über eine gesunde Koch-Aktion mit den beiden Stuttgarter Profis Arthur Boka und Sven Ulreich. Und Paderborn nahm sich des Themas Pyrotechnik im Stadion an.

Mitgliederzahlen steigen

Mit ihren Angeboten schauen die Verantwortlichen der Kids- Clubs auch über den Tellerrand des Fußballs hinaus. "Gesunde Ernährung und Nachhaltigkeit" bringt der Mainzer 05er-KidsClub seinen Teilnehmern näher. Borussia Mönchengladbach begeistert seine Kinder mit Hilfe von Maskottchen "Jünter" fürs Lesen; das Projekt "Bücher haben Gewicht" wurde 2009 sogar mit dem Deutschen Fußball-Bildungspreis ausgezeichnet.

Das durchweg positive Echo auf die Aktionswoche der Kids-Clubs dürfte sicherlich für viele weitere Anmeldungen in den Kinder-Clubs sorgen. Daneben wird auch der FC Bayern München die Gesamtzahl derjungen Mitglieder künftig in die Höhe schnellen lassen. Denn der deutsche Rekordmeister will noch 2010 mit einem eigenen Kids-Club beginnen.