Christian Gross hat den deutschen Clubfußball bereits in helle Aufregung versetzt, da trennten ihn noch Jahre von seinem ersten Engagement in der Bundesliga.

Bei jedem deutschen Topclub, bei dem in den vergangenen Jahren eine Trainerstelle vakant war, wurde der Schweizer gehandelt. Und überall wo ein Trainerstuhl auch nur zu wackeln begann, schwebte der Name Gross wie ein Damoklesschwert über dem jeweiligen Übungsleiter. Hamburg, Dortmund, Schalke - überall galt der damalige Erfolgstrainer des FC Basel als "heißer Kandidat", doch nirgendwo wurde er anschließend gesehen.

VfB unter Gross noch ungeschlagen

Als die ersten schon an seiner Existenz zu zweifeln begannen, übernahm Gross im Dezember 2009 den stark schwächelnden VfB Stuttgart als Nachfolger von Markus Babbel.

Kaum war er da, versetzte er die Trainer der Bundesligaclubs erneut in helle Aufregung: Seit er bei den Schwaben an der Seitenlinie steht, ist nämlich für gegnerische Clubs nur noch wenig bis nichts zu holen gegen den VfB. Zuletzt stellte das Borussia Dortmund beim 1:4 am 20. Spieltag fest. "Insgesamt konnten wir heute dem VfB nicht genug entgegen setzen", konstatierte BVB-Abwehrspieler Patrick Owomoyela. "Die Stuttgarter waren von Anfang an aggressiver, sind besser in die Zweikämpfe gekommen und haben mehr zweite Bälle gewonnen."

Es war der vierte Sieg in Folge für Gross. Der 54-Jährige ist mit dem VfB in Pflichtspielen ungeschlagen und holte in seinen fünf Bundesligapartien schon mehr Punkte (13) als Babbel in den fünfzehn Spielen zuvor (12).

"Der Trainer zeigt uns unsere Stärken auf"

Babbel sagte bei seinem Abschied in Richtung VfB-Verantwortliche: "Ich hoffe, dass sie den Knopf finden und drücken, damit die Mannschaft wieder funktioniert." Die Resultate in der Liga und der Champions League sprechen dafür, das Gross den richtigen Hebel auf Anhieb gefunden hat.

Wo in der Hinrunde noch elf zweifellos talentierte Einzelspieler verunsichert ihrer Arbeit nachgingen, steht in der Rückrunde eine verschworene Gemeinschaft auf dem Platz. "Der Trainer zeigt uns unsere Stärken auf", sagt Serdar Tasci, "das hilft uns sehr." Und Sami Khedira betont: "Jeder ist für den anderen da."

Abgeschriebene Spieler drehen auf

Gut zu beobachten war das insbesondere an zwei Angreifern. Ciprian Marica, der 2007 als verheißungsvolles Talent von Schachtjor Donezk an den Neckar kam, aber nie den Durchbruch schaffte, blüht unter Gross auf und traf in sechs Pflichtspielen unter dem Schweizer schon genau so oft wie in 35 Spielen unter Babbel.

Der Rumäne, von Medien und Fans bisweilen schon als "Fehleinkauf" apostrophiert, rackert, kämpft und trifft, wie es weder unter Armin Veh noch unter Babbel der Fall war. In Pavel Pogrebnyak hat er derzeit einen Sturmkollegen, der sich ebenfalls im Aufwind befindet. Der Russe hat seinen Torinstinkt wieder entdeckt hat und glänzt als Vorbereiter. Sein Arbeitszeugnis in den fünf Spielen unter Gross: zwei Tore, zwei Vorlagen.

"Wie damals bei Babbel"

Angesichts dieser Quoten ist das Duo die Stammbesetzung im Angriff. Die zweifelsohne gut gemeinte Rotation Babbels gehört der Vergangenheit an. Der Lohn: Stuttgart schießt mit Gross drei Mal so viele Tore wie unter dessen Vorgänger.

Von Platz 16 auf 10 kletterte der ständig mahnende Schweizer mit dem VfB. "So lange wir mathematisch nicht gesichert sind, bleibt die Zielsetzung dieselbe", sagt der Coach.

Torhüter Jens Lehmann sieht hingegen schon Parallelen zur Vorsaison, als der VfB nach einer furiosen Rückrunde noch auf Platz 3 landete: "Wie damals bei Babbel", so der ehemalige Nationalkeeper, "geht es jetzt wieder hoch."

Andreas Messmer