Leverkusen - Während alle Scheinwerfer und Mikrofone auf die Torschützen Kyriakos Papadopoulos und Heung-Min Son gerichtet waren, konnte Gonzalo Castro am vergangenen Sonntag nahezu unbemerkt in die Kabine gehen.

Dabei hätte der Mittelfeldspieler von Bayer 04 Leverkusen schon etwas mehr Beachtung verdient gehabt. Schließlich war er es, der das 3:0 (0:0) beim SC Paderborn nach 72 zähen Minuten auf den Weg gebracht hatte. Castro bereitete die ersten beiden Treffer mustergültig vor. Das 1:0 mit einem präzise geschlagenen Freistoß, das 2:0 durch einen überlegten Querpass. "Ich versuche immer zu helfen", sagte Castro.

"Ich muss nicht in der Zeitung stehen"

In Abwesenheit des wegen Kniebeschwerden im 36. Leverkusener Pflichtspiel dieser Saison erstmals nicht aufgebotenen Hakan Calhanoglu schwang sich Castro zum Regisseur auf. Doch bescheiden wie der 27-Jährige seit Jahren daher kommt, ist ihm der Begriff des "Matchwinners" zuwider. "Ich bin nicht der Typ, der seinen Namen in der Zeitung lesen muss, und eigentlich sollte ja auch Heung-Min Son den Freistoß treten. Er stand aber zu weit weg, also habe ich es gemacht", sagte Castro. Gleichwohl ist er sich der Bedeutung des daraus resultierenden Treffers bewusst. "Klar war das wichtig, denn diese Szene ist der Türöffner für unseren Sieg gewesen."

Seit 1999 trägt Gonzalo Castro das Leverkusener Trikot. Da waren seine aktuellen Mannschaftskameraden Tin Jedvaj und Julian Brandt gerade mal zarte drei Jahre alt. "Die Spieler heutzutage werden eben immer früher reif. Da fühlt man sich dann schon mit 27 ein wenig wie ein Fußball-Opa", sagt Castro im Gespräch mit bundesliga.de lachend.

"Atletico hat uns einen Schub gegeben"

Mit seiner Erfahrung aber ist der U21-Europameister von 2009 ein tragendes Gerüstteil im System von Trainer Roger Schmidt. Und nach mageren Wochen besteht unter dem Bayer-Kreuz nun plötzlich wieder die berechtigte Hoffnung, beim Tanz auf drei Hochzeiten eine recht flotte Sohle aufs Parkett legen zu können. "Nach dem 4:5 gegen Wolfsburg und dem 2:2 in Augsburg hatten doch alle geglaubt, dass wir wieder mal zusammenfallen. Doch wir haben uns nicht erschüttern lassen. Das Spiel gegen Atletico Madrid hat uns dann einen Schub gegeben. Wir konnten zeigen, dass wir mit einem internationalen Klasseteam mithalten können", sagt Castro.

Nun ist die Werkself natürlich heiß, am nächsten Dienstag im Estadio Vicente Calderon den amtierenden spanischen Meister auszuschalten und erstmals seit 2002 wieder ins Viertelfinale der Königsklasse einzuziehen. "Wir dürfen uns nur nicht von der hitzigen Atmosphäre provozieren lassen. Wenn wir unsere Leistung aus dem Hinspiel bestätigen, dann können wir weiter kommen", sagt Castro.

"Fatal, jetzt schon an Atletico zu denken"

Für den Deutsch-Spanier wird es natürlich ein besonderes Spiel, doch vor der Kür steht die Pflicht. In der Bundesliga gastiert am Freitag der VfB Stuttgart in der BayArena (ab 20 Uhr im Liveticker). Die liegt an der Autobahn und bildet rein optisch die passende Vorbereitung auf Atletico, wo eine große Stadtstraße direkt unter der Haupttribüne entlang führt. Sportlich jedoch scheint die Begegnung mit dem Tabellen-Schlusslicht deutlich lösbarer, aber da warnt Castro.

"Es wäre fatal, jetzt schon an Atletico zu denken. Wir wollen zunächst drei Punkte gegen den VfB. Dann sind wir dritter und können entspannt zuschauen, was die Konkurrenz macht", sagt Castro und fügt an: "Aber die Stuttgarter brauchen im Abstiegskampf jeden Punkt. Daher wird uns ein ähnliches Spiel erwarten wie in Paderborn. Wir müssen also erneut geduldig bleiben sowie Ball und Gegner laufen lassen. Dann bricht auch der VfB vielleicht irgendwann ein."

"Nationalelf ist noch nicht abgehakt"

Gonzalo Castro wirkt mit seiner Art wie eine Beruhigungspille für das Leverkusener Spiel. In seiner Geburtsstadt Wuppertal "schweben" die Menschen zwar regelmäßig über den Dingen, Castro aber ist geerdet. Warum aber ist er mit einem derartigen Stellenwert schon lange kein Thema mehr für Jogi Löw? "Daran trage in erster Linie ich die Schuld. Ich habe nicht immer meine Leistung gebracht. Inzwischen spiele ich jedoch konstant und deshalb habe ich die Nationalmannschaft auch noch nicht abgehakt. Ich bin mit 27 Jahren jung genug und würde mich über eine Berufung natürlich freuen", sagte Castro. Allerdings hätte er dann auch zwei Probleme. Es wären Scheinwerfer sowie Mikrofone auf ihn gerichtet und sein Name stünde in der Zeitung.

Thomas Schulz