Dortmund - International ist Borussia Dortmund in dieser Saison auf Kurs. Und auch in der Bundesliga ist der BVB zurück in der Spur. Am Dienstag geht es auf der europäischen Bühne weiter - dann trifft das Team von Jürgen Klopp auf Juventus Turin. Die Neuauflage des Champions League Finales von 1997. Im ersten Teil des Interviews mit bundesliga.de spricht Martin Kree über Dortmunds Chancen gegen Juventus, entscheidende Personalien und die Dortmunder Defensive.

bundesliga.de: Juventus gegen den BVB - ist Marco Reus der Spieler, der den Unterschied für die Borussia ausmachen kann?

Kree: Von seinem Potenzial her auf jeden Fall. Marco Reus kann immer ein Tor machen oder einen genialen Pass schlagen wie zuletzt beim Spiel gegen Mainz. Er hat die Fähigkeiten, auch international den Unterschied auszumachen. Ich bin für ihn und die Borussia froh, dass mit seiner Vertragsverlängerung auch sein sportliches Können wieder im Mittelpunkt steht und keine anderen Geschichten mehr. Und es freut mich für den BVB, dass es Spieler gibt, die auch dann zum Verein stehen, wenn man gerade nicht die sportlich erfolgreichste Phase durchmacht.

"Ich sehe den BVB personell besser aufgestellt"

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die Chancen in diesem Achtelfinale ein? Ist es trotz der schwierigen Bundesliga-Saison für den BVB ein Duell auf Augenhöhe?

Kree: Wenn die Saison bei beiden Teams normal verlaufen wäre, hätte ich Dortmund im Vorteil gesehen. Ich sehe den BVB für die Art des modernen Fußballs personell besser aufgestellt. Aber wenn man jetzt auf die Tabellen schaut, spricht das eine andere Sprache. Juventus hat in dieser Saison erst eine von 24 Partien verloren und geht mit entsprechend großem Selbstvertrauen in diese Duelle. Das kann auch einiges anderes ausgleichen. Denn grundsätzlich hat Juventus einen Kader, der mit Leistungsträgern wie Pirlo oder Buffon überaltert ist. Aber das Selbstvertrauen wird beim BVB durch den Abstiegskampf eben nicht so ausgeprägt sein. Daher begegnen sich die Mannschaften wohl eher auf Augenhöhe.

bundesliga.de: Als ehemaliger Verteidiger haben Sie immer noch ein besonderes Auge für die Abwehrleistung einer Mannschaft. Haben Sie den Eindruck, dass die Defensive des BVB – trotz wiederholter Wechsel aufgrund von Verletzungen – inzwischen wieder gefestigt ist?

Kree: Wenn du in der Abwehr ständig zu Wechseln gezwungen bist, funktionieren die Automatismen nicht immer richtig. Und machst du auch nur einen entscheidenden Fehler, verlierst du vielleicht gleich das ganze Spiel mit 0:1. Das hast du als Abwehrspieler auch im Kopf. Aber Defensivarbeit fängt auch schon im Sturm an. Ich denke daher, dass all die vielen Wechsel, zu denen der BVB in dieser Saison gezwungen war, entscheidend mit dazu geführt haben, dass man jetzt dort unten in der Tabelle steht.

bundesliga.de: Wie wichtig ist gerade auch auf internationaler Bühne Mats Hummels für den BVB?

Kree: Ein Mats Hummels in Topform ist für jede Mannschaft der Welt eine Bereicherung. Er bringt Qualität mit, gibt der Mannschaft Halt, hat Ausstrahlung. Sokratis halte ich auch für einen sehr guten Spieler – weniger im Aufbau, aber in der Verteidigung. Ein Abwehrduo Sokratis/Subotic kann aus meiner Sicht aber nicht die Qualität haben, die es mit Hummels hätte. Turin wird zuhause sicher versuchen, frühzeitig ein Tor zu erzielen. Da musst du hinten gut stehen. Es wird ein heißer Fight werden, das steht schon fest. Und da kann der BVB Hummels gut gebrauchen.

"Jetzt ist die Situation eher eine Belastung"

bundesliga.de: Der BVB hat bisher trotz der schwierigen Bundesliga-Saison in der Champions League weitgehend überzeugen können. Auch die Mannschaft von 1997 hat beim Gewinn der Champions League in der Bundesliga nicht um den Titel mitgespielt. Lässt sich so etwas erklären?

Kree: Damals konnte man es schon erklären. Wir hatten nach über 30 Jahren 1995 wieder die Meisterschaft nach Dortmund geholt und haben den Titel 1996 verteidigt. Wenn du das nicht gewohnt bist wie zum Beispiel die Bayern, dann fokussierst du dich fast automatisch irgendwann mehr auf einen anderen Wettbewerb. Allerdings haben wir damals in der Bundesliga ja nicht gegen den Abstieg gespielt, sondern standen immer im oberen Drittel.

Da musstest du keine Angst haben, abzustürzen und konntest dich auch komplett auf die Champions League konzentrieren. Vielleicht konnte auch die heutige Mannschaft der Dortmunder zu Saisonbeginn die Wettbewerbe vom Kopf her noch trennen. Daher die starken Auftritt in der Königsklasse. Jetzt ist die Situation eher eine Belastung, jetzt spürst du in der Bundesliga den Druck. Wäre die Champions League erst im Januar gestartet, wäre der BVB nicht so souverän durch die Gruppenphase marschiert.

bundesliga.de: Wagen Sie einen Tipp, wie die beiden Achtelfinalspiele zwischen dem BVB und Juventus enden werden?

Kree: Ganz klassisch könnte ich sagen, der BVB spielt in Turin unentschieden und macht dann im Rückspiel mit einem Sieg alles klar und zieht ins Viertelfinale ein. Aber ich glaube sogar daran, dass die Borussia in Turin knapp gewinnen wird. Und das lässt man sich dann im Rückspiel nicht mehr nehmen.

Das Gespräch führte Dietmar Nolte

Hier geht es zum 2. Teil des Interviews