München - Jeder Fußballer möchte Geschichte schreiben - aber sicher nicht auf die Art und Weise, wie es Borussia Mönchengladbach in Stuttgart tat.

0:7 verloren die "Fohlen" beim VfB. Zuhause hat es dieses Ergebnis schon einmal gegeben. Am 30. April 1966 verlor die Borussia gegen Werder Bremen, in einer Zeit also, als die Bundesliga noch in den Kinderschuhen steckte. Auswärts aber ist dieses Ergebnis einmalig. Die Mannschaft der Saison 2010/11 wird damit leben müssen, die höchste Auswärtsniederlage in Borussias ruhmreicher Geschichte verursacht zu haben - egal, wie diese Spielzeit ausgeht.

15 Gegentore zum Auftakt - auch das ist Rekord

Schon das rauschhafte 6:3 bei Bayer Leverkusen am 2. Spieltag verdeckte nur wegen der eigenen Offensivstärke die Defensivschwäche. Nach mittlerweile vier Spieltagen musste Torwart Logan Bailly bereits 15 Mal hinter sich greifen. Auch das ist Borussen-Rekord. Bisher lag der Negativwert bei elf Gegentreffern nach vier Auftaktspielen.

Zudem stellte die Mannschaft den Bundesliga-Rekord ein: Nur die Gegner von Hannover 96 in der Saison 1985/86 netzten ebenfalls 15 Mal in den ersten vier Partien ein. Hannover kassierte in der gesamten Spielzeit 92 Gegentore - und stieg als Schlusslicht ab.

Schon vergangene Saison gab's 60 Stück

Und Gladbach? Schon in der vergangenen Saison stellte die Borussia mit 60 Gegentoren die drittschwächste Abwehr der Bundesliga. Obwohl mit Bamba Anderson einer der besten Defensivspieler der 2. Bundesliga verpflichtet wurde, vertraute Trainer Michael Frontzeck auf die eingespielte Innenverteidigung mit Dante und Roel Brouwers - vielleicht, weil der Niederländer in der vergangenen Saison gleich acht Tore erzielte. Fast ein Fünftel aller Borussia-Tore.

Als Anderson in Stuttgart eingewechselt wurde, konnte er das Debakel auch nicht mehr verhindern. Er wird vielleicht schnell eine neue Chance erhalten, denn Abwehrchef Dante droht für das nächste Spiel gegen St. Pauli auszufallen - er hat sich eine schwere Fußprellung zugezogen.

Positive Zweikampfbilanz - in allen Spielen

Dennoch müssen die Borussen nicht Trübsal blasen. Noch lässt sich das laut Frontzeck "peinliche" 0:7 als Ausrutscher bei einem Gegner abhaken, der sich den Frust von der Seele schießen wollte. Und das 0:4 gegen Frankfurt am vorherigen Spieltag hätte mit ein bisschen Glück ganz anders ausgehen können - zum Beispiel, wenn das vermeintliche 1:1 durch Mohamadou Idrissou nicht als regelwidrig abgepfiffen worden wäre.

An mangelnder Zweikampfstärke lässt sich die Gegentor-Flut auch nicht festmachen. Sowohl gegen die Eintracht gewann das Team die Mehrzahl der Duelle (52,3 Prozent) als auch gegen den VfB (51,4 Prozent). Gegen Nürnberg am 1. Spieltag (56,5 Prozent) und in Leverkusen (56 Prozent) sah es sogar noch besser aus. Und mit Idrissou und Reus verfügt Mönchengladbach über ein Offensiv-Duo, das immer für mindestens ein eigenes Tor gut ist.

Freiburg machte ganz ähliche Erfahrungen

Frontzeck forderte seine Spieler nach dem Spiel jedenfalls auf, erstmal zu den "Basics" zurückzukommen: "So eine Niederlage bekommst du in so kurzer Zeit nicht aus den Köpfen raus, da gilt es sich jetzt reinzubeißen und die Automatismen wieder zu finden, die uns zuletzt stark gemacht haben." Mittelfeldspieler Thorben Marx setzt auf das Kollektiv. "Wenn wir dann wieder als eine Mannschaft auftreten, wird das auch wieder ganz anders aussehen", sagte er vor dem Spiel gegen St. Pauli.

Hoffnung, dass es bald auch wieder bergauf geht, macht der Blick auf einen Ligakonkurrenten: Der SC Freiburg verlor am 3. Spieltag der vergangenen Saison 0:5 gegen Leverkusen - und gewann eine Woche später mit 1:0 auf Schalke. Dann verlor Freiburg am 13. Spieltag mit 0:6 gegen Bremen - und gewann wieder eine Woche später mit 1:0, diesmal in Nürnberg. Das machte zwar eine Tordifferenz von 2:11 aus diesen vier Spielen - aber unterm Strich auch sechs Punkte.

Peter Seiffert