Frankfurt - "Es ist manchmal Wahnsinn im Fußball. Erklären kann man das nicht richtig." Tony Jantschke steht offenbar genauso vor einem Rätsel wie ganz Fußballdeutschland.

Jantschke ist Verteidiger bei Borussia Mönchengladbach, am Samstag wurde er in der 66. Minute eingewechselt für Julian Korb. Da stand es 3:1 für die Borussia bei der Frankfurter Eintracht, am Ende gewann der VfL durch zwei weitere Tore des ebenfalls eingewechselten Andre Hahn (82. Elfmeter, 90.) mit 5:1.

Es war wohl ein Orkan

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Aber wie soll man auch erklären, dass eine Mannschaft mit dem Trainer Lucien Favre, mit dem sie in der vergangenen Runde in die Champions League eingezogen war, die ersten fünf Spiele der neuen Saison verloren hat? Und wie soll man dann erklären, dass nach dem überraschenden Rücktritt von Favre mit dem neuen Trainer Andre Schubert nun schon das vierte Ligaspiel hintereinander gewonnen wurde? Vielleicht, vermutet Jantschke, sei ja ein Ruck durch die Mannschaft gegangen nach Schuberts Amtsübernahme. Es war wohl eher ein Orkan. In Frankfurt jedenfalls spielten die Borussen wie zu besten Zeiten der vergangenen Runde: Schnell nach vorne, passsicher und effizient.

Es gibt so viele Erweckungsgeschichten in dieser Mannschaft, wo soll man anfangen? Beim überragenden 19 Jahre jungen Mahmoud Dahoud im Mittelfeld, der mit fünf Torschussvorlagen glänzte und das 2:1 erzielte (51.)? Bei Lars Stindl, der nach seinem Wechsel aus Hannover zunächst nicht zurechtkam, in Frankfurt aber als ideale Ergänzung zum unwiderstehlichen Raffael glänzte? Bei Granit Xhaka, der als Verteiler in der Zentrale die Fäden zog, obwohl ihn ein Außenbandriss im Sprunggelenk behinderte? Oder eben doch bei Raffael, der im Kalenderjahr 2015 in Frankfurt schon seinen vierten Doppelpack erzielte (16., 57.)?

Sportler nennen es einen Lauf

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Insgesamt war es schon der fünfte Doppelpack im 74. Einsatz im Gladbacher Trikot für den Edeltechniker, der mit seinen schnellen Drehungen und seiner Wendigkeit von den Frankfurter Abwehrspielern nicht zu bändigen war. Und abgesehen vom Gegentor - einem verwandelten Elfmeter von Alexander Meier zum zwischenzeitlichen 1:1 (29.), den Innenverteidiger Alvaro Dominguez mit einem zu kurzen Rückpass auf Torwart Yann Sommer verschuldete (Sommer rannte dann Eintracht-Stürmer Luc Castaignos um) - war auch die Abwehrarbeit der gesamten Mannschaft stark. Das sah auch Trainer Andre Schubert so: "Wir haben es defensiv gemacht, waren gut organisiert. Wir haben die Konter im Keim erstickt. Und dass wir vorne Qualitäten haben, wissen wir."

Die Gladbacher erleben unter diesem Trainer gerade das, was Sportler einen Lauf nennen. Diesen von Außen zu unterbrechen, wäre ziemlich unklug. Manager Max Eberl hatte Schubert ja als Interimstrainer von der U23 zum Chefcoach auf Zeit befördert. Aber Schubert hat mittlerweile Lust auf mehr, er sagt: "Ich genieße das im Moment, es macht Spaß, mit den Jungs zu arbeiten. Ich habe nie gesagt, dass ich nicht im Profibereich arbeiten möchte. Ich habe nur gesagt, dass ich es nicht zwingend brauche. Es macht aber wahnsinnig viel Spaß, ich schließe es nicht aus, ob hier oder woanders."

Moment so lange wie möglich genießen 

Max Eberl weiß, wie sensibel die Situation ist. Er sagt, er habe noch nicht mit anderen Trainern konkret verhandelt. Man führe Gespräche, man orientiere sich und man hole Informationen ein. Und dann sagte Eberl auch: "Aber Andre macht seinen Job auch herausragend." Andre Schubert will diesen Moment so lange wie möglich genießen. Am Mittwoch steht schon der nächste Höhepunkt für den 44-Jährigen an. Das Auswärtsspiel in der Champions League bei Juventus Turin. Nach zwei Niederlagen in Europas Königsklasse wollen die Gladbacher mit viel Selbstvertrauen aus der Liga nun auch Italiens Meister herausfordern. Und die Siegesserie in der Bundesliga soll am besten nächste Woche im Heimspiel gegen den FC Schalke 04 anhalten.

Aus Frankfurt berichtet Tobias Schächter