Wenn die Fans eine Mannschaft feiern, die gerade zum zweiten Mal in Folge ihr Heimspiel nicht gewinnen konnte, dann muss sie etwas Außergewöhnliches geleistet haben. Die Anhänger in Dortmund bewiesen feines Gespür, als sie die Elf nach dem 1:1 gegen Wolfsburg minutenlang hoch leben ließen.

Dass diese junge Mannschaft in der neuen Saison wieder in Europa mitmischt, verdient Anerkennung.

Seit sieben Jahren wieder in Europa

Auch die Spieler realisieren langsam, was sie geleistet haben. Unmittelbar nach dem Schlusspfiff hatten sie noch auf dem Rasen gelegen und sich über den verpassten Sieg und den geplatzten Traum von der Champions League geärgert. "Aber dann kam minütlich mehr Stolz hinzu", beschreibt Mats Hummels die Stimmung.

Lange zu hadern gibt es auch keinen Grund. Erstmals seit sieben Jahren hat sich der BVB wieder über die Bundesliga für den internationalen Fußball qualifiziert und gehört wieder zu den fünf besten Clubs in Deutschland.

"Im Vergleich eigentlich eine Waisentruppe"

Dabei ist man bei der Borussia besonders stolz, vor Teams wie Wolfsburg, Hamburg, Stuttgart oder Hoffenheim zu rangieren, deren Etatansatz parallel zur individuellen Klasse der Spieler um einiges höher liegt als in Dortmund. "Im Vergleich zu diesen Teams haben wir eigentlich eine Waisentruppe", meint Roman Weidenfeller, "aber bei uns hat immer jeder für jeden gekämpft. Wir haben die bessere Mannschaft."

Eine Mannschaft, die mit zu den jüngsten der Liga zählt. Und in der sich unter Jürgen Klopp eine ganze Reihe junger Spieler in den Vordergrund gespielt und fest in der Bundesliga etabliert hat. Kicker wie Marcel Schmelzer oder Kevin Großkreutz hatte vor der Saison niemand auf dem Zettel - jetzt sind sie Stammspieler.

Andere wie Mats Hummels, Neven Subotic oder Nuri Sahin, die das Gerüst der erfolgreichen Mannschaft bilden, sind auch erst Jahrgang 1988. Dass gegen Wolfsburg ein 19-Jähriger aus Borussias A-Jugend mit Namen Marco Stiepermann das Tor erzielte, passt ins Bild.

Kampf, Wille, Laufbereitschaft

Das Erfolgsgeheimnis dieser Mannschaft und dieser Saison hat der Trainer immer wieder auch öffentlich vorgebetet: "Wir müssen mehr investieren als der Gegner! Wir müssen alles raushauen, was wir haben!" Vollgasfußball, nie aufgeben, bedingungsloses Engagement, absoluter Wille, hoher läuferischer Einsatz. Fehler darf jeder machen, aber er muss für die Mannschaft alles geben.

Das erfordert Kraft und Konzentration - und die sind auch bei einer hungrigen Mannschaft irgendwann erschöpft. "Wenn ich sehe, was Bremen und Leverkusen an individueller Klasse zu bieten haben und was bei uns immer alles über totales Engagement geht, dann merkst du, dass wir momentan bei dieser Altersstruktur an unsere Grenzen gestoßen sind", glaubt Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke den Grund zu kennen, warum es in diesem Jahr noch nicht zur Champions League gereicht hat.

Kräfteverschleiß und Unerfahrenheit

Weidenfeller, der selbst als fehlerfreier und sicherer Rückhalt großen Anteil am Dortmunder Erfolg hat, pflichtet ihm bei: "Die Kraft lässt irgendwann mal nach. Und wir sind als Team nicht erfahren mit richtigen Drucksituationen." Vielleicht auch deshalb ist es dem BVB in dieser Spielzeit nie gelungen, einen 0:1-Rückstand noch zu drehen und in einen Sieg zu verwandeln. Aber, so Weidenfeller: "Wir haben nicht die Champions League verspielt, sondern die Europa League gewonnen!"

Und die Perspektiven dieser Mannschaft könnten besser kaum sein: Eine junge hungrige Elf mit einem Toptorjäger Lucas Barrios, die jetzt gemeinsam die Europa League erobern will. Gedanken über die verpasste Champions League mag sich da auch Sportdirektor Michael Zorc keine mehr machen: "Die Bühne, die du erreicht hast, ist die richtige für dich!"

Aus Dortmund berichtet Dietmar Nolte