Dortmund - Dieser Deutsche Meister hat sich entwickelt. Seine Talente sind gereift und zu Stars geworden, die Spielweise ist abgeklärter. Doch die Titelverteidigung verdankt der BVB vor allem einer Tatsache, die sich im Vergleich zur Vorsaison nicht geändert hat - der großen Gier nach Erfolg. "Die Jungs haben nicht wie ein Titelverteidiger agiert, sondern wie ein Herausforderer", nennt Jürgen Klopp das Erfolgsgeheimnis von Borussia Dortmund.

Der Trainer lebt es vor und die Mannschaft folgt ihm willig. Noch drei Spieltage vor dem Saisonende, bei einem Vorsprung von acht Punkten, ließ Jürgen Klopp keine Zweifel aufkommen: "Wir wollen aus dieser Saison das Maximale herausquetschen und alles an Punkten sammeln, was möglich ist."

26 Spiele ohne Niederlage



Es ist die Weiterentwicklung des Kahn'schen Mottos "Weiter, immer weiter", die Borussia Dortmund auf westfälische Art mit Leben füllt. "Die Gier, mit der diese Mannschaft immer wieder nach drei Punkten lechzt, ist schon cool", kann auch Klopp nur staunen. Jeder Einzelne rennt und spielt und ackert, als hätte er in seiner Karriere noch nie etwas gewonnen. Jedes Spiel ist eine neue Herausforderung, jede Bestmarke ein Ziel. Davon hat der alte und neue Deutsche Mister in dieser Saison gleich einige pulverisiert. Allein 26 Spiele ohne Niederlage in einer Spielzeit hat es so zuvor noch nie gegeben.

Wie im Vorjahr sind es Leidenschaft, Willen und Adrenalin, die diese Mannschaft antreiben und so erfolgreich machen. Vollgasfußball bleibt ein fester Bestandteil der Marke BVB. Die beiden Siege gegen den HSV - 3:1 zum Saisonstart und - fallen in diese Kategorie, auch die beiden Kantersiege gegen Köln (5:0 und 6:1). Und manches Mal war es allein die mangelnde Chancenverwertung, die höhere Siege verhinderte.

Auch unspektakuläre Siege dabei



Aber die junge, freche Truppe, die noch vor einer Saison durch die Liga nagelte, als gebe es kein Morgen, kann auch anders. Sie hat gelernt, dass man Spiele nicht immer im Hurra-Stil gewinnen muss, sondern manchmal auch abgeklärt zum Erfolg kommen kann. Dann, wenn es mal nicht optimal läuft. Dann, wenn der Vollgasfußball ins Stottern gerät.

Dann schaffte es der BVB in dieser Saison auch, ein Spiel einfach mal unspektakulär und abgeklärt nach Hause zu bringen. So wie in Bremen: Die Gastgeber drückten und veranstalteten ein Powerplay, aber dem Meister genügten zwei geglückte Angriffsaktionen zum 2:0-Sieg. Oder der glanzlose 1:0-Erfolg bei Hertha BSC, als der BVB statt des gefürchteten Kurzpasspiels mit vielen Fehlern im Spielaufbau überraschte. Und auch der Derbysieg auf Schalke zeichnete sich zunächst nicht wirklich ab, nachdem man eine Halbzeit lang dem Gegner die Initiative überlassen musste.

Eines hatten diese Spiele alle gemeinsam - Borussia Dortmund ließ sich in ihnen und von ihnen nicht aus der Bahn bringen und hielt Kurs auf die Meisterschale. Der schwarz-gelbe Lauf war nicht zu stoppen, weil die Spieler gereift sind. Und weil aus dem vermeintlichen "Kindergarten" der Liga eine gefestigte Mannschaft geworden ist.

Spieler entwickeln sich weiter



Dabei hat auch jeder Einzelne einen wichtigen Schritt gemacht und sich weiterentwickelt - und das unter erschwerten Bedingungen. Nach dem Gewinn des ersten Meistertitels war die Bekanntheit und mediale Aufmerksamkeit parallel zum sportlichen Druck in einem jetzt erfolgsverwöhnten Umfeld enorm gestiegen. Vom locker aufspielenden und unbekümmerten Talent entwickelten sich Spieler wie Shinji Kagawa, Sven Bender, Marcel Schmelzer oder Mario Götze zu Stars unter Dauerbeobachtung.

Die Intensität nahm zudem nicht nur qualitativ im Spiel zu, in dem jeder dem Titelträger ein Bein stellen wollte. Sie stieg auch quantitativ: Englische Wochen durch vermehrte Berufungen in die Nationalelf und wenigstens eine zeitlang durch Einsätze in der Champions League erhöhten das Pensum deutlich.

Anfängliche Schwächephase überwunden



Aber der Meister setzte sich durch, steckte die anfängliche Schwächephase im ersten Saisondrittel weg und behielt sein laufintensives und taktisch diszipliniertes Spiel mit Zug zum Tor bei, das ihn so erfolgreich gemacht hat. Ausfälle wurden dabei souverän ausgeglichen, weil diese Mannschaft inzwischen auch in der Breite echte Qualität auf den Platz bringt. Wer den Abgang von Nuri Sahin kompensiert, wer quasi eine Halbserie ohne Mario Götze auskommt, der muss vieles richtig gemacht haben. Mal glänzte Kagawa, mal "Kuba", mal Gündogan, mal Kehl - die Vielseitigkeit gehört zu den neuen Stärken des alten Meisters.

Vor allem aber ist und bleibt es die große Gier, die neben Wucht und Spielstärke für den BVB steht. Und davor kann auch Jürgen Klopp immer wieder nur den Hut ziehen: "Das, was wir machen, machen wir immer mit Haut und Haaren!"

Dietmar Nolte