Dortmund - Berührungsängste? Fehlanzeige! Barrieren im Kopf? Nicht spürbar! Leichter gesagt als getan, möchte man meinen. Aber nicht an diesem Dienstag in Dortmund, als die Bundesliga-Stiftung und die Aktion Mensch das erfolgreiche Projekt Lernort Stadion erstmals für Jugendliche mit Behinderung öffneten.

Ob im Rahmen eines "Zivilcourage"-Workshops in den Räumlichkeiten unterhalb der faszinierenden Südtribüne, beim leichten Training mit BVB-Torwartlegende Teddy de Beer oder beim gemeinsamen Jubel vor den Ersatzbänken - gelebte Inklusion im Signal Iduna Park.

Kiefer: "Die Kombination hat eine große Zukunft"

Etwa 30 teilweise hörgeschädigte Schülerinnen und Schüler der Gesamtschule Berger Feld und der Glückauf-Förderschule nahmen an der Auftaktveranstaltung der umfassenden Kooperation zwischen Aktion Mensch und Bundesliga-Stiftung teil. Das BVB-Lernzentrum ist der erste der insgesamt zwölf Standorte von Lernort Stadion, in dem ab sofort auch der inklusive Ansatz praktiziert wird.

"Die Kombination aus dem Leuchtturmprojekt Lernort Stadion und der Fördersäule Inklusion ist spannend und hat eine große Zukunft", sagte Stefan Kiefer, Vorstandsvorsitzender der Bundesliga-Stiftung. Die Stiftung werde ihre besondere Verantwortung gewissenhaft wahrnehmen und das Thema Inklusion bewusst in die Gesellschaft transportieren. Kiefer nannte beispielhaft für das weitreichende Engagement in diesem Bereich den Reiseführer "Barrierefrei ins Stadion" für Menschen mit Behinderung sowie den Einsatz von Blindenreportern während der Live-Spiele der Bundesliga und 2. Bundesliga. Auch der Supercup 2014 stand ganz im Zeichen von Inklusion.

Auch Armin von Buttlar, Vorstand der Aktion Mensch, schwärmte von der Zusammenarbeit der beiden Partner, die unter dem Motto "Gemeinsam für Inklusion" fortan verschiedene Projekte im Umfeld des Profifußballs unterstützen.

"Durch seine besondere Emotionalität transportiert der Fußball das Thema Inklusion quasi nebenbei", sagte von Buttlar: "Junge Sportler oder Fans haben keine Berührungsängste, im ungezwungenen persönlichen Kontakt treten Behinderungen in den Hintergrund."

Es kommt auf die "richtige Einstellung" an

Diese Erfahrung hat auch Teddy de Beer während seiner Karriere gemacht. Der frühere Bundesliga-Torhüter und heutige Torwarttrainer von Borussia Dortmund kickte schon als kleiner Junge mit einem gehörlosen Freund "als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt". Über die Jahre habe er viele behinderte BVB-Fans kennengelernt und suche selbst während der stressigen Bundesliga-Partien immer wieder Kontakt zu den leidenschaftlichen Anhängern auf den Rollstuhlfahrerplätzen. "Bei uns in Dortmund hat sich in den letzten Jahren einiges in Richtung Barrierefreiheit getan", so der 51-Jährige. "Wir bleiben am Ball, dass es weitergeht."

Auf einem Rundgang über die Südtribüne in den Innenraum des Stadions begeisterte der sympathische Ur-Borusse die 12- bis 14-Jährigen mit seiner lockeren Art und flotten Sprüchen. Genau auf so eine "richtige Einstellung" kommt es laut Johannes Böing, dem Leiter des BVB-Lernzentrums, bei der praxisnahen Umsetzung in den Workshops von Lernort Stadion an. Der Diplom-Pädagoge hatte am Vormittag mit den Schülerinnen und Schülern die inklusive Bildungseinheit zum Thema Zivilcourage absolviert. Unterstützt wurde er dabei von Florian Hansing, 2. Vorsitzender des Gehörlosen Fanclubs "Deaf BVB Fanclub", der die Einheit simultan in Gebärdensprache übersetzte.

Nach Dortmund sind Bremen und Berlin die nächsten Lernzentren, die das Thema Inklusion aufnehmen werden.

Aus Dortmund berichtet Tim Tonner