München - Er ist die Stimme des Heimerfolgs: Wenn Borussia Dortmund zuhause Tore schießt, peitscht Stadionsprecher Norbert Dickel die Fans nach vorne. Wenn einer weiß, warum der BVB derzeit so erfolgreich ist, dann er.

Im Interview mit bundesliga.de spricht Dickel, der Ende der 80er selbst für den BVB kickte, über das Erfolgsgeheimnis, den Vergleich mit der Meistersaison 2002 - und verrät, was er mit Lucas Barrios gemeinsam hat.

bundesliga.de: Herr Dickel, wenn eine Mannschaft die ersten sieben Spiele gewann, ist bisher immer der BVB Meister geworden...

Norbert Dickel: Davon habe ich gehört, ja.

bundesliga.de: Haben Sie den Sekt schon kalt gestellt?

Dickel: Ich bleibe Realist. Wir haben inzwischen so viele Statistiken, da kommt ja jeder um die Ecke und sagt: Hör mal, hast Du schon gehört, wenn wir da sieben Mal oder acht Mal in Pflichtspielen gewonnen haben, dann sind wir am Saisonende immer… nee, darauf sollten wir uns nicht einlassen. Wir müssen unser Spiel durchziehen - und dann schauen wir einfach mal weiter, was am Saisonende herauskommt.

bundesliga.de: Im Ernst: Was ist das Dortmunder Erfolgsgeheimnis?

Dickel: Jürgen Klopp hat es geschafft, aus einer Mannschaft Freunde zu machen, die füreinander alles tun. Wir haben ein Gemeinschaftsgefühl, wie ich es noch nie vorher erlebt habe. Außer natürlich 1989, als ich noch gespielt habe…

bundesliga.de: Der alte Spruch stimmt also? Elf Freunde müsst ihr sein?

Dickel: In dem Falle würde ich das wirklich sagen, weil in unserer Mannschaft jeder mit jedem kann, jeder für jeden rennt. Und dann hast Du natürlich einen Häuptling mit Jürgen Klopp, der es wie kein anderer versteht, diese jungen Burschen zu einem Team zu verschweißen. Das ist schon beachtlich, was wir da im Moment auf dem Fußballplatz sehen.

bundesliga.de: Als der BVB 2002 letztmals Meister wurde, gab es erfahrene Leader im Team: Jens Lehmann, Christian Wörns, Jürgen Kohler. Heute sind Spieler wie Nuri Sahin, Shinji Kagawa oder Mario Götze in aller Munde. Inwiefern kann man die derzeitige Situation trotzdem mit der Meistersaison vergleichen?

Dickel: Das würde ich nicht vergleichen. Wir sind Realisten. Und wir haben alle gesagt: Es ist toll, was wir bis jetzt gesehen haben, aber wir müssen jetzt das nächste Spiel in Köln gewinnen. Und wir müssen auch schauen, dass wir im Europapokal erfolgreich sind. Wir wollen möglichst lange in der Bundesliga oben bleiben und dabei von Spiel zu Spiel denken. Wenn wir irgendwann den 30. Spieltag haben, können wir uns über alles unterhalten - aber vorher auf keinen Fall.

bundesliga.de: Auch um diese junge Mannschaft nicht unter Druck zu setzen?

Dickel: Ganz genau. Denn diese junge Mannschaft wird irgendwann auch einen Einbruch haben, und den muss man überstehen. Da ist dann der Trainer wieder gefragt. Und da sind wir bestens besetzt.

bundesliga.de: Inwieweit kann man Trainer Jürgen Klopp mit Meistercoach Matthias Sammer vergleichen, der 2002 noch sehr jung war?

Dickel: Das sind völlig unterschiedliche Charaktere. Matthias Sammer ist ein Fußball-Besessener, ein nach seiner Strategie konsequent vorgehender Fußballlehrer. Jürgen Klopp verbindet seine strategischen Fähigkeiten und Vorstellungen auch mit einer angemessenen Fröhlichkeit, mit Spaß und Ernsthaftigkeit. So, dass am Samstag alle Spieler mental und körperlich fit sind. Das können so nicht viele Trainer in Deutschland, eigentlich kenne ich da nur Jürgen Klopp.

bundesliga.de: Wie äußert sich das auf dem Platz?

Dickel: Da ist Freude und Spaß am Fußball. Und das musst Du einer Mannschaft vermitteln können. Es gibt andere Methoden, um zu Erfolg zu kommen. Felix Magath hat das ja in den letzten Jahren gezeigt. Du kannst auch mit Medizinbällen zum Erfolg kommen.

bundesliga.de: Momentan wünschen Sie sich diesen Erfolg für Magath wohl eher nicht, oder?

Dickel: Es ist nicht so, dass ich zuhause eine Flasche Sekt köpfe, wenn Schalke verliert. Ich bin seit rund 25 Jahren beim BVB. Dass ich kein Schalke-Sympathisant bin, weiß jeder. Das heißt nicht, dass ich Schalke den Abstieg gönne. Der Club soll einfach nur hinter uns stehen. Das reicht.

bundesliga.de: Ein Torjäger ist dabei hilfreich. 2002 holte Marcio Amoroso die Torjägerkanone. Was glauben Sie, schießt Lucas Barrios als erster Borusse seit dann neun Jahren die meisten Tore?

Dickel: Er ist ein Killer. Der macht aus keiner Chance ein Tor. Wenn es einer schaffen kann, dann Lucas Barrios. Es ist schon toll, so einen Spieler in seinen Reihen zu haben. Den siehst du 89 Minuten nicht und denkst: Nimm den raus, und dann irgendwann knallt's, und dann gewinnst Du ein Spiel. Aber das hat immer alle großen Torjäger ausgemacht. Das waren alles Jungs, die nicht ständig am Spiel teilgenommen haben - wobei er auch schon einmal in einem Spiel vier Tore vorbereitet hat.

bundesliga.de: Ganz ehrlich: Hatten Sie das erwartet?

Dickel: Ja. Ich habe ihn mir im Training angeschaut und danach stand für mich fest: Der wird Tore schießen, ganz sicher.

bundesliga.de: Wieso?

Dickel: Er handelt so ähnlich wie ich: Mir ist egal, wer die Tore schießt, Hauptsache ich bin dabei. Der steht morgens auf und will ein Tor machen. Davon gibt's nicht mehr viele. Natürlich bereitet Lucas Barrios jetzt auch welche vor, aber vor allem will er Tore schießen, und das zeichnet einen Vollblutstürmer aus. Der muss auch egoistisch sein, da können die Mitspieler auch mal sauer werden.

bundesliga.de: Braucht man solch einen Spieler, um ganz oben mitzuspielen?

Dickel: Du brauchst einen Lucas Barrios, du brauchst einen Shinji Kagawa, den überhaupt keiner auf der Rechnung hatte, du brauchst Sven Bender, der mit seinen langen Trommelstöcken immer und überall dazwischen geht und das Spiel zerstört, und du brauchst einen Dirigenten wie Nuri Sahin, der für mich die Saison seines Lebens spielt.

bundesliga.de: Dieses Team hat Dortmund bundesweit viele Sympathien eingebracht.

Dickel: Jeder, der sich ein bisschen mit Fußball beschäftigt und das sieht, der hat Spaß an unserem Fußball. Diesen Fußball möchten viele spielen .

bundesliga.de: Im Vorjahr konnte sich das Team ganz auf die Liga konzentrieren. Diese Saison spielt der BVB noch in der Europa League. Ein Nachteil im Hinblick auf die lange Saison?

Dickel: Es gibt für einen Fußballer nichts Schöneres, als möglichst oft Fußball zu spielen. Ich sehe unsere Teilnahme an der Europa League überhaupt nicht als Nachteil, sondern als eher als Vorteil. Jürgen Klopp und sein Team werden das schon dosieren. Ich würde das nie als Grund angeben, wenn wir mal nicht so gut spielen.

bundesliga.de: Also ist die viel beschworene Doppelbelastung eher eine Ausrede?

Dickel: Genau. Geiler geht's doch nicht: Mittwoch-Samstag-Mittwoch-Samstag. Regenieren, dosiert trainieren, spielen, regenerieren. Perfekt.

bundesliga.de: Die Saison ist noch lang, aber: Was trauen sie dem BVB zu? Wo wird die Mannschaft am Ende landen?

Dickel: Ich traue der Mannschaft natürlich das Erreichen eines internationalen Wettbewerbs zu und wünsche mir, dass wir es vielleicht wirklich schaffen, die Champions League oder die Champions-League-Quali zu schaffen. Die Mannschaft hat das Zeug dazu.

Das Gespräch führte Peter Seiffert