Gdansk - Respekt vor den Niederlanden, Angst vor dem zweiten Gruppenspiel: Ausgerechnet im Prestigeduell gegen den Erzrivalen will die deutsche Fußball-Nationalmannschaft ihren Fluch besiegen, der sie bei großen Turnieren seit der WM 1998 verfolgt. Entsprechend warnt auch Bundestrainer Joachim Löw seine Spieler trotz des erfolgreichen EM-Auftakts gegen Portugal (1:0) vor allzu großer Selbstsicherheit gegen die ums Überleben kämpfenden Oranjes.

"Wir haben schon einige Male zu Beginn eines Turniers gewonnen, uns aber nach dem zweiten Spiel das Leben wieder unnötig schwer gemacht. Wir müssen versuchen zu vermeiden, dass wir wieder unter Druck geraten", sagte der Bundestrainer vor der Partie am Mittwoch (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker) in Charkiw zum DFB-Trauma: Bei den vergangenen sieben Turnieren konnte der dreimalige Welt- und Europameister das zweite Gruppenspiel nur 2006 (1:0 gegen Polen) gewinnen. Daneben gab es drei Niederlagen und drei Unentschieden. Bei den EM-Endrunden 2000 und 2004 war die die DFB-Auswahl in der Vorrunde gescheitert.

"Voll auf Sieg spielen"



Zu einer erneuten Zitterpartie und einem Gruppen-"Finale" gegen Dänemark am 17. Juni soll es diesmal nicht kommen. Möglichst schon gegen Holland "wollen wir alles klar machen", verdeutlichte Löw die Marschroute. Mats Hummels sprach von einer "Riesenmotivation, dass wir schon den Schritt ins Viertelfinale schaffen können. Wir werden voll auf Sieg spielen."

Immerhin habe der Erfolg gegen die Portugiesen ein "klein wenig Sicherheit" gegeben, ergänzte Löw, wie auch das glanzvolle 3:0 im November gegen die Niederlande - auch wenn er meint, dass dies "keine große Rolle spielt". Zumal auf beiden Seiten einige wichtige Spieler gefehlt hätten.

In Charkiw erwartet er im Gegensatz zum Spiel in Hamburg "ein Duell auf Augenhöhe. Beide Teams haben Weltklassepotenzial, die Holländer vor allem in der Offensive." Hummels sieht den Kontrahenten um die Stars Arjen Robben und Robin van Persie nach dem 0:1 gegen Dänemark "in der Bringschuld. Sie werden alles investieren. Für uns gilt es, noch mehr zu zeigen. Dann bin ich guter Dinge. Dass der Gegner nach dem völlig missratenen Start gehörig unter Druck steht und zum Siegen verdammt ist, interessiert Löw angeblich nicht: "Das hat keinen Einfluss. Ich werde das vor der Mannschaft nicht thematisieren. Wir müssen unser Spiel durchbringen, das ist das Entscheidende."

Noch nichts erreicht



Gegen Cristiano Ronaldo und Co. sah ein zufriedener Franz Beckenbauer immerhin "echten Männer-Fußball - mit Zweikämpfen, mit Leidenschaft und Kampfwillen. Das war immer die Basis aller EM- und WM-Titel für Deutschland. Sonst gewinnst du nix", schrieb der "Kaiser" in seiner "Bild-Kolumne".

Dennoch stellte der Bundestrainer noch einmal ausdrücklich fest: "Wir haben Steigerungspotenzial." Vor allem in der Offensive sei vieles noch nicht nach Wunsch verlaufen. Überhaupt habe man "noch keine großen Schritte gemacht. Wir haben erst ein kleines Etappenziel erreicht." Das Niveau sei eng, "wer einen groben Schnitzer macht, wird bestraft".

Beim Duell gegen die "Elftal" wird Löw, dem alle 23 Spieler zur Verfügung stehen, wohl erneut dem Team vertrauen, das schon gegen Portugal gewann - also wieder mit Mats Hummels und Mario Gomez anstelle von Per Mertesacker und Miroslav Klose. Auch wenn er in Bezug auf die Aufstellung meinte: "Vielleicht habe ich noch eine Eingebung."

Löw bleibt sich wohl treu



Dass so eine Eingebung Mario Gomez treffen könnte, ist nicht wahrscheinlich. Die erneute öffentliche Kritik am Stürmer von Bayern München nahm Löw zwar zur Kenntnis, er habe "ehrlich gesagt aber keine Energie, mich um das zu kümmern, was der eine oder andere sagt". Gomez sei durch die wiederholten Angriffe "in seiner Persönlichkeit gestählt". Der 26-Jährige selbst konterte die beißende Kritik von Mehmet Scholl diplomatisch. Ihm ist ein Sieg gegen die Niederlande wichtiger.

"Die Partie wird durch die Niederlage der Holländer noch brisanter", meinte Gomez, für den die klimatischen Verhältnisse in Charkiw, wo schwüles Wetter mit Temperaturen bis zu 30 Grad erwartet wird, ebenso keine Rolle spielen wie für Löw: "Das ist kein Thema. Beide Teams haben die gleichen Voraussetzungen."

Die voraussichtliche deutsche Mannschaftsaufstellung:
Neuer - Boateng, Hummels, Badstuber, Lahm - Schweinsteiger, Khedira - Müller, Özil, Podolski - Gomez.