Ein Jahr lang reiste Hans Meyer durch die Weltgeschichte. Jetzt saß er wieder auf der Trainerbank. Wenn auch "nur" beim Abschiedsspiel von Bernd Schneider, bei dem er zusammen mit dem Leverkusener Co-Trainer Peter Hermann die "Schneider All Stars" betreute.

Danach erzählte er bundesliga.de im exklusiven Gespräch, was ihm an der abgelaufenen Bundesliga-Saison am besten gefallen hat, wie er seine Ex-Vereine einschätzt und wie seine weiteren Pläne aussehen.

bundesliga.de: Herr Meyer, ihr ehemaliger Arbeitgeber 1. FC Nürnberg hat beinahe noch die Kurve gekriegt. Jetzt geht es in die Relegation. Wie sehen Sie die Entwicklung vom "Club" und die Chancen gegen den FC Augsburg?

Meyer: Als ich dort Trainer war, haben wir mit dem Pokalsieg, dem anschließenden Europapokal und dem darauf folgenden Abstieg eine Entwicklung eingeleitet. Jetzt spielt eine Mannschaft, die mit der von vor zweieinhalb Jahren nicht vergleichbar ist. Dafür wiederum, dass man sich kaum verstärken konnte und dann auch noch das Pech hatte, dass mit Breno die einzige echte Verstärkung sich schwer verletzt, steht der Club nicht schlecht da. Andreas Ottl ist auch eine Verstärkung, aber dafür haben sie Peer Kluge abgegeben. Das hält sich pari. Nürnberg ist als Dritter aufgestiegen, dafür haben sie es doch im Frühjahr richtig gut gemacht. Sie haben 19 Punkte geholt. Wo sie jetzt stehen, ist absolut keine Katastrophe. Es wäre schön, wenn sie sich noch retten würden. Aber es wird gegen den FC Augsburg mit dem Trainer Jos Luhukay sehr, sehr schwer.

bundesliga.de: Wenn Sie Ihre Bilanz zu Ihren beiden anderen Ex-Vereinen in der Bundesliga aus: Mönchengladbach und Hertha?

Meyer: Die Mönchengladbacher haben in den letzten zehn Jahren ihr ganzes Gefüge neu aufgebaut, eine neue Struktur geschaffen. Und sie hatten immer Unsicherheiten mit der Mannschaft. Wenn ich überlege, wie wir letztes Jahr zu knaupen hatten, um drin zu bleiben, dann haben sie es in diesem Jahr so gemacht, dass ich hoffe, dass es eine richtig gute Basis ist für mehr. Da gibt es einige Spieler und es kommen ein paar neue dazu, von denen ich sage, da ist richtig Hoffnung für die große Anhängerschaft von Borussia Mönchengladbach, dass da einmal Stabilität einzieht und man nicht bei jedem kleinen Wind wieder umfällt. Es gab auch in diesem Jahr kaum die Chance, Treue zu beweisen. Michael Frontzeck hat es richtig gut gemacht, auch wenn er einmal fünf Spiele verloren hat. Da gab es auch dicke Luft, aber die ging nicht vom Vorstand aus.

bundesliga.de: Und die Hertha?

Meyer: Wenn man sie im Frühjahr unter Friedhelm Funkel hat spielen sehen, dann war das ganz anders als im Herbst. Trotzdem hat es nicht gereicht für eine Mannschaft, die eigentlich da ganz unten nicht zu stehen hat. Sie hat Qualität. Es ist schon bitter für alle Anhänger und die Verantwortlichen von Hertha. Aber ich bin nicht so tief drin, um die Ursachen dafür zu entdecken.

bundesliga.de: Wie haben Sie selbst das letzte Jahr der Bundesliga erlebt, indem Sie sich bequem zurücklehnen konnten?

Meyer: Ich habe es bewusst gesteuert. Ich habe gesagt, ich mache ein Reisejahr, in dem ich sehr viel unterwegs bin. Das habe ich durchgezogen. Ich war in der Antarktis, in Brasilien, Argentinien, Chile, auf Tahiti, auf der Osterinsel, in Australien. Ich habe richtig viel gesehen.

bundesliga.de: Und die Bundesliga haben Sie nicht vermisst?

Meyer: Da ich mit 67 Jahren ein richtiger Technikfuchs bin, habe ich überall alles im Internet verfolgen können. Ich war informiert.

bundesliga.de: Wie hat Ihnen die Saison generell gefallen?

Meyer: Es ist für mich viel zu wenig herausgekommen, dass es eine Saison mit zum Teil hervorragenden Trainerleistungen war. Das sage ich einmal mit Absicht. Das beginnt mit Louis van Gaal. Das setzt sich fort über Jupp Heynckes, der in Leverkusen zusammen mit Peter Hermann eine ausgezeichnete Arbeit gemacht hat. Jürgen Klopp macht seit geraumer Zeit richtig gute Aufbauarbeit. Der junge Mann in Mainz, Thomas Tuchel, ist richtig gut, Michael Frontzeck in Mönchengladbach. Die Nürnberger kämpfen gegen den Abstieg, aber Dieter Hecking hat mit einer Mannschaft, die Weihnachten nicht bundesliga-tauglich war, 19 Punkte geholt. Schalke mit Felix Magath war richtig gut. In anderen Jahren gab es das nicht so oft, dass die Clubs sagen können, dass die wichtigen Leute in der Mannschaft es richtig gut gemacht haben.

bundesliga.de: Fiebern Sie im Champions-League-Finale mit dem FC Bayern?

Meyer: Das ist doch logisch. Wer die Bayern in diesem Jahr hat spielen sehen, der muss in dem Fall, in dem nicht der eigenen Club beteiligt ist, für die Bayern sein.

bundesliga.de: Wie hat Ihnen die Atmosphäre beim Abschiedsspiel von Bernd Schneider gefallen?

Hans Meyer: Es ist immer wieder schön, was der Fußball so herausbringt. So etwas kommt nur zustande, wenn das Publikum zu einem Spieler so eine Beziehung aufbaut, ihm seine Treue zum Club, in dem Fall Bayer Leverkusen, so dankt. Das Stadion ist auch prädestiniert, um mit 20.000 Zuschauern so eine Atmosphäre zu erzeugen. Dann muss ich auch den Club loben. Sie haben es fantastisch für den Bernd und mit ihm zusammen organisiert. Das bringt der Fußball hervor. Und dann steht man da mit Gänsehaut. Es ist Bernd Schneider richtig zu gönnen, dass er so einen Abschied hat.

bundesliga.de: Wie haben Sie den jungen Bernd Schneider zu Beginn seiner Karriere erlebt?

Meyer: Ich habe ihn immer verfolgt. Wer den Fußball liebt, musste ihn immer gerne Fußball spielen sehen. Ich habe ihm als 22-Jährigen damals trotzdem gesagt: "Bernd, wenn Du Dich nicht athletisch verbesserst, wenn Du nicht laufschneller wirst und logomotorisch ein bisschen zulegst, dann wirst Du es nie schaffen." Damit meine ich nicht, die Bundesliga, sondern ein ganz Großer zu werden. Ich habe gesehen, dass er fußballerisch mehr drauf hatte, dass es für deutlich mehr reichen würde als 2. Bundesliga in Jena. Da habe ich mich richtig schön geirrt.

bundesliga.de: Denn er wurde ein ganz Großer.

Meyer: Darüber freue ich mich, weil er sechs Jahre nach dieser Aussage von mir, Vize-Weltmeister im fernen Osten wurde. Er hat richtig gute Leistungen gebracht. In Leverkusen haben sie das ja jetzt gewürdigt. Er war immer ein Mensch, der sehr bescheiden geblieben ist, der bei aller Anerkennung auf dem Teppich geblieben ist. Das zeigt auch, dass er dem Verein treu geblieben ist, obwohl Angebote da waren. Dass er jetzt wieder in die Heimat geht nach Jena, das spricht alles für ihn. Ich finde das schön, dass es solche Ausnahmen gibt. Ein Mensch, der eigentlich nicht 100-prozentig in diese verrückte Medien- und Glitzerwelt hineinpasst.

bundesliga.de: Wo gucken Sie sich die WM an? In der Antarktis?

Meyer: Nein, ich werde in Afrika sein. Ich werde privat hinreisen. Meine Enkelkinder kommen aus Brüssel. Ich werde eine Woche in Botswana sein, danach geht es nach Namibia. Dann ist das Jahr abgerundet. Danach habe ich wieder Kraft und werde dann wohl noch zehn Jahre bis ich 90 Jahre alt bin als Trainer arbeiten.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski