München - Ob er noch Restalkohol von der Meisterfeier habe? Ein schelmisches Grinsen. Ob er Angst vor einer erneuten Finalniederlage habe? Ein cooles Nein. Eine Frage brachte Bastian Schweinsteiger dann aber doch ein bisschen in Verlegenheit. Nämlich die nach dem großen Lob seines Trainers.

"Ich weiß Jupp Heynckes' Meinung sehr zu schätzen, das ist natürlich schön", antwortete der 28-Jährige schließlich nach etwas Bedenkzeit beim Medientag des FC Bayern im Vorfeld des Champions-League-Endspiels.

Xavi und Iniesta überholt



Wenige Minuten vorher hatte Heynckes seinen Profi als "im Moment besten Mittelfeldspieler der Welt" bezeichnet. Das habe dieser in den letzten Wochen und Monaten unter Beweis gestellt. "Er ist ein echter Stratege, das Hirn der Mannschaft. Er bestimmt den Rhythmus in unserem Spiel", sagte der Coach.

Auch wenn Schweinsteiger diese besondere Wertschätzung etwas unwohl war, gerade seine jüngsten Auftritte bestätigen Heynckes' Worte. Vor dem Halbfinale der "Königsklasse" gegen Barcelona hatte der Trainer ihn noch auf Augenhöhe mit Xavi und Iniesta gesehen. Nachdem Schweinsteiger bei den beiden beeindruckenden Siegen gegen die Katalanen so glänzend Regie geführt hatte, ist er nun vorbeigezogen an den spanischen Superstars (Einzelkritik: Schweinsteiger sticht Xavi aus).

Und auch die nackten Zahlen sprechen für ihn: In der von Rekorden gespickten Meister-Saison der Bayern stellte auch der Mittelfeldmann mit sieben Bundesliga-Toren (Video: Hackentor zum Blitz-Titel) auf dem Weg zum Titel einen persönlichen Bestwert auf. In der Champions League stehen bislang zwei Treffer und vier Vorlagen zu Buche.

"Ich bin nicht verletzt gewesen - das ist mein Vorteil"



Den Hauptgrund für seine bärenstarke Saison sieht Schweinsteiger selbst ganz profan in seiner Fitness. "Ich bin nicht verletzt gewesen, bin gesund durch die Saison gekommen - das ist mein Vorteil", sagte er. "Dann weiß ich, dass es bei mir selbst funktioniert und versuche, mich in die Mannschaft einzubinden und sie nach vorne zu bringen."

Da werden natürlich Gedanken ans Vorjahr wach, als er sich körperlich angeschlagen tapfer bis zum Höhepunkt - dem "Finale dahoam" - durchgekämpft hatte. Am Ende kauerte er als tragische Figur auf dem Rasen der Allianz Arena. "Das sind Situationen, mit denen ein Spieler fertig werden muss, die muss er verdauen. Wir haben viel gesprochen, und er hat sich aus dem Tief herausgearbeitet", lobte Heynckes: "Er ist so stabil wie selten, psychisch und physisch."

Heynckes: "Er hat den Hunger und die Gier"



Schweinsteiger bestätigte, dass ihn dieser Misserfolg in der laufenden Spielzeit immer wieder "sehr motiviert" habe. Und auch zum Elfmeter, den er gegen Chelsea noch an den Pfosten gesetzt hatte, würde er wieder antreten: "Wenn der Trainer möchte, dann schieße ich einen." Laut eigener Aussage ist er also bereits hinweg über das Trauma. Zur Sicherheit wäre aber wohl der Gewinn des Henkelpotts am 25. Mai nicht verkehrt.

"Ich lebe nicht länger, wenn ich die Champions League gewinne", war sein lapidarer Kommentar. Doch dieser internationale Titel würde ihn, der seit 2002 Profi in München ist und den die Fans des Rekordmeisters schon jetzt als "Fußballgott" verehren, zur unumstrittenen Legende machen. Denn die sechs nationalen Meisterschaften und fünf Pokalsiege sind für einen so langjährigen Bayern-Akteur fast planmäßiges Beiwerk.

Für Heynckes käme die Krönung von Schweinsteigers Karriere auf keinen Fall überraschend: "Er hat den Hunger und die Gier, jetzt das Pünktchen aufs i zu setzen, nämlich die Champions League zu gewinnen."

Aus München berichtet Tim Tonner