Mirko Slomka ist das "Nesthäkchen" in der Großfamilie der Bundesliga-Trainer. bundesliga.de stellt den Cheftrainer des FC Schalke 04 vor.

"Wenn Sie am Wochenende irgendwo auf einer Party waren und danach gefragt werden: Wie war's denn? und Sie sagen: Och, war ganz nett, dann ist das doch eigentlich kein Kompliment, oder?"

Überraschender Erbe

In Gedanken möchte man Mirko Slomka auf seine rhetorische Frage bestätigend zunicken. Nein, nette Partys bleiben nicht in Erinnerung. Auf netten Partys muss man die Schuhe ausziehen, sitzt dann nett zusammen, tauscht nette Belanglosigkeiten aus und um Punkt 22 Uhr gibt's kein Bier mehr.

Der mit 39 Jahren jüngste Trainer der Bundesliga konnte noch nie etwas anfangen mit der fragwürdigen Charakterisierung als "Der nette Herr Slomka".

Nach dem doch sehr überraschenden Antritt des Rangnick-Erbes im Januar 2006 wurde der beförderte Co-Trainer Slomka zunächst einmal milde von allen Seiten belächelt. Dass sein Familienname aus dem Polnischen frei übersetzt "kleiner Strohhalm" bedeutet, schien auch nicht den erwünschten Heilsbringer zu offenbaren.

Ein guter Wolf im Schafspelz

Schließlich erwarteten die Experten einen durchaus großen Strohhalm, an den sich der FC Schalke 04 mit all seinen bleischweren Hoffnungen und Visionen klammern können sollte.

Mirko Slomka, so schien es also, war zum einen zu nett und zum anderen der Aufgabe nicht gewachsen. Nur Manager Andreas Müller schien erkannt zu haben, dass kleine Strohhalme im starken Wind seltener einknicken als große.

Slomka präsentierte sich im positiven Sinn als Wolf im Schafspelz. Mit 20 Punkten aus acht Partien war er die Herausforderung in der Rückrunde der Saison 2005/2006 offensiv angegangen. Erst der FC Bayern beendete die Serie der "Knappen". Schalke wurde am Ende Vierter.

Kein Newcomer

Der oft zitierte "Richard Gere der Bundesliga" ist Mirko Slomka ohnehin nur auf den ersten Blick. Sein Team führte er in der abgelaufenen Saison eher mit der Akribie und Leidenschaft eines Robert de Niro durch den Titelkampf. Auch im Halbfinale des UEFA-Cups war erst in der Verlängerung gegen den FC Sevilla Drehschluss.

Man hatte den Mann aus der zweiten Reihe unterschätzt, obwohl es dafür bei genauerer Betrachtung eigentlich keinen Grund gegeben hätte. Schließlich hatte er zu Beginn seines Engagements als Cheftrainer bei S04 immer betont, "dass ich kein Newcomer bin. Ich arbeite seit 16 Jahren als Fußballtrainer."

Die Summe alles Positiven

In dieser Zeit ließ er sich unter anderem bei Arsenal London von Arsène Wenger beeinflussen. Derlei Hospitanzen sind mittlerweile zwar eher Regel als Ausnahme. Dennoch muss man für den eigenen Stil die Erfahrungswerte erst einmal zu nutzen wissen.

Mirko Slomka hat aus der jeweils komplexen Arbeitsweise verschiedener Trainertypen die für ihn relevante Essenz destilliert. Sogar sein Vorgänger Ralf Rangnick hat als "akribischer Analytiker" Spuren hinterlassen. Bei Arsène Wenger beeindrucken Slomka Kreativität und Spielfreude, von Claudio Prandelli lernte er indes Nutzen und Notwendigkeit einer "harten Hand". Von wegen nett!

Ein Mann für die Zukunft

Schalke 04 scheint mit Mirko Slomka sportliche und spielerische Perspektive gebündelt zu haben. Schließlich kann der 39-Jährige gut mit talentiertem Nachwuchs. Die Ablöse von Frank Rost durch Manuel Neuer im Tor der "Knappen" hat er wider aller Unkenrufer selbstbewusst vollzogen.

Und namhafte Profis wie Gerald Asamoah, Sebastian Kehl, Per Mertesacker oder Fabian Ernst gingen einst bei Hannover 96 in die Lehre eines Jugendtrainers namens Slomka.

Aus Fehlern lernen

Der knapp verpasste Meistertitel widerlegt nicht, dass der Schalker Trainer seine Kritiker am Ende der Saison Lügen gestraft hat, trotz unerfüllter Hybris einer "totalen Dominanz". Denn Mirko Slomka ist viel zu uneitel, um nicht auch aus Fehlern weitere Lehren ziehen zu können.

Michael Wollny