Darmstadt - Sandro Wagner spielt die Saison seines Lebens im Trikot des SV Darmstadt 98. Sollte der Aufsteiger am Saisonende die Klasse halten, dann hat der Angreifer einen großen Anteil daran. Mit seinen Leistungen in dieser Spielzeit hat Wagner viele Kritiker eindrucksvoll gekontert.

Als Deutschlands U21-Nationalmannschaft im Sommer 2009 Europameister wurde, schoss Sandro Wagner im Endspiel gegen England die Tore zum 3:0 und zum 4:0-Endstand. In der Erfolgself standen in Manuel Neuer, Benedikt Höwedes, Jerome Boateng, Mats Hummels, Sami Khedira und Mesut Özil sechs Spieler, die 2014 mit der A-Nationalelf in Brasilien Weltmeister wurden. Von Sandro Wagner aber hat man sechs Jahre lang keine Erfolgsgeschichten mehr gehört, er galt als gescheitertes Talent, das sich weder in Bremen, noch in Kaiserslautern oder in Berlin durchsetzen konnte. Nun aber startet der mittlerweile 28 Jahre alte Mittelstürmer noch einmal so richtig durch: Mit 13 Toren und drei Vorlagen ist der 1, 94 Meter große Angreifer längst das Sinnbild für die Widerborstigkeit und Widerstandsfähigkeit des SV Darmstadt 98.

Später Karrieresprung

Viele Experten haben ja beiden nichts zugetraut, dem Underdog und Aufsteiger aus Darmstadt ebenso nicht wie dessen neuem Mittelstürmer, der zuletzt bei Hertha BSC ausgemustert wurde und alleine Bälle auf ein leeres Tor treten musste. Aber Darmstadt und Wagner - das ist eine Erfolgsstory, die womöglich für den Club ein Happy End im Klassenerhalt findet und für Wagner doch noch einen späten Karrieresprung bereithält. Wagner hat sich nicht nur seiner Tore wegen den Respekt der Konkurrenz verdient. Seine Spielweise, die weder ihn noch den Gegner schont, reißt an den besten Tagen auch die Mitspieler und ein ganzes Stadion mit. Mit Gesten fordert Wagner immer wieder das Publikum im heimischen Stadion am Böllenfalltor, das alle liebevoll "Bölle" nennen, auf, die Mannschaft noch mehr zu unterstützen. In Darmstadt bilden Fans und Mannschaft eine Symbiose, ihr Ziel, es dem Establishment zu zeigen, vereint beide in bedingungslosem Einsatz. Und Wagner ist der erste Mitreißer.

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Geradlinig und unangepasst

Mit seiner körperbetonten Spielweise ist Wagner nicht beliebt bei Gegenspielern und bei gegnerischen Fans. Wagner ist der Spieler der Liga, der mit am meisten Foulspiele begeht, aber auch der, an dem mit am meisten Fouls begangen werden. "Mit den Pfiffen gegen mich", so erzählte er während seiner wohl besten Bundesligasaison einmal, "macht es mir noch mehr Spaß." Wagner hat schon zu viel erlebt, um nicht zu sagen, was er denkt. Geradlinig und unangepasst sind wohl die beiden richtigen Adjektive, um diesen Spieler zu beschreiben, sie passen zu seinen Rollen auf und neben dem Platz. Der ehrliche Weg sei für ihn der einzig Gangbare, sagt der in München geborene, zweifache Familienvater, der einst beim FC Bayern ausgebildet wurde  und vier Mal für den Rekordmeister in der Bundesliga auflief, bevor er in zwei Jahren beim Zweitligisten MSV Duisburg zwölf Treffer in 36 Spielen erzielte.

In Darmstadt passt er mit seiner Spielweise als unnachgiebiger erster Verteidiger zum ausgerufenen Konterfußball. Auch als vorderste Anspielstation verteidigt der 90- Kilo-Mann erfolgreich den Ball und ist so oft auch Initiator der Angriffe, an deren Ende er nicht selten als wuchtiger Verwerter jubeln darf. Darmstadt 98 ist im Übrigen die effizienteste Mannschaft der Bundesliga, über 70 Prozent ihrer Großchancen verwerten die Lilien-Profis. Auch Wagner nutzt fast jede Gelegenheit, die sich ihm bietet.

Viele schauen neidisch nach Darmstadt

Zudem hat Wagner gelernt, mit Misserfolgen umzugehen. Als er in der Vorrunde gegen Mainz in der Nachspielzeit einen Elfmeter in den Nachthimmel über dem "Bölle" trat und somit den möglichen 3:3-Ausgleich spektakulär versemmelte, gab das weder ihm noch der Mannschaft einen Leistungsknick. Darmstadt hatte einige kleinere Schwächephasen in dieser Runde. Die Mannschaft um  ihren ersten Antreiber und Trainer Dirk Schuster kam aber immer gestärkt aus diesen Phasen heraus.

Derzeit deutet nichts darauf hin, dass Darmstadt im Saisonfinale mit den Spielen in Köln, dem Derby gegen Frankfurt, in Berlin und gegen Gladbach noch verheerend einbrechen könnte. Ein Typ wie Sandro Wagner verkörpert nicht nur die Standhaftigkeit eines Abgeschriebenen. Er hat sich auch noch so verbessert, dass viele Klubs neidisch nach Darmstadt schauen, wenn sie diesen Mittelstürmer dort spielen sehen. Ein größeres Kompliment gibt es für einen anderswo Gescheiterten wohl nicht.

Tobias Schächter

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