Belek - Zumindest öffentlich ist Thomas Kraft keiner, der für Heiterkeit oder Ausgelassenheit steht. Dafür steht der Torhüter von Hertha BSC für Konstanz, Druckresistenz und Konzentration. Woher kommt dieser Ruf? Ist er anstrengend? Und wie nimmt Kraft sich und seine Position wahr? Auf herthabsc.de stellt sich Thomas Kraft diesen und weiteren Fragen.

Frage: Herr Kraft, Peter Handke schlug in seiner Erzählung "Die Angst des Tormanns beim Elfmeter" vor, man solle den Blick während eines Fußballspiels mal nur auf den Torwart richten...

Thomas Kraft: Das wäre für viele mal interessant und wichtig. Aber viele Leute interessiert das eben nicht. Für die gibt es zwei Bewertungen: Hält er oder hält er nicht? Schmeißt der sich einen rein oder nicht?

Frage: Was sehen die, die nicht nur auf die Paraden schauen?

Kraft: Wie sich der Torwart über 90 Minuten bewegt, wie er sich präsentiert. Was er tut, wenn der Ball weg ist. Wie wichtig er für die Organisation der Mannschaft ist. Das Torwartspiel wirklich beurteilen können vielleicht 10 bis 15 Prozent derer, die es versuchen.

Frage: Nervt das?

Kraft: Ach. Überhaupt nicht. Die eine Woche wird so berichtet, die nächste so – was soll man sich darüber ärgern? Das macht keinen Sinn.

"Manuel hätte Weltfußballer werden müssen"

Frage: Ist die öffentliche Wahrnehmung und damit auch Wertschätzung mit der Nominierung Manuel Neuers für die Weltfußballerwahl gestiegen?

Kraft: Ich sage mal: Wenn die Wahrnehmung voll da wäre, hätte Manuel aus meiner Sicht Weltfußballer werden müssen. Trotzdem ist schon seine Nominierung ein Schritt nach vorn.

Frage: Warum spielen Sie eigentlich nicht auf einer wahrnehmungsstärkeren Position, im Sturm etwa?

Kraft: Ich wollte immer ins Tor. Diese Affinität war schon vorhanden als ich mit sieben Jahren mit dem Fußball begonnen habe. Nicht, dass ich der letzte gewesen wäre, der dann ins Tor musste. Ich wollte immer ins Tor.

Frage: Ein Torhüter bekommt die Bälle in den Bauch und ins Gesicht, er wirft sich mit dem Kopf voran ins Getümmel. Muss der Torwart ein Fanatiker, ein bisschen bekloppt sein?

Kraft: Verrückt will ich nicht sagen. Es gehört zum Job dazu. Aber man sieht eben auch, wie wenige Torhüter es im Vergleich zu Feldspielern gibt. (lacht)

"Diesen Ehrgeiz werde ich nie verlieren"

Frage: Ist man als Torwart deswegen ein Aussätziger?

Kraft: Wir empfinden uns nicht als anders oder außenstehend. Klar sind wir aufgrund der Trainingsinhalte oft vom Rest der Mannschaft getrennt, aber wir sind ein Team. Es gab immer ein gutes Miteinander. Zwischen Rune, den jungen Torhütern und mir, aber auch zwischen uns und den Feldspielern.

Frage: Kommen Sie als sehr ehrgeiziger Spieler irgendwann dazu, den Fußball weniger ernst zu nehmen?

Kraft: Diesen grundsätzlichen Ehrgeiz werde ich nie verlieren.

Frage: Aber?

Kraft: Wenn du 17 Jahre alt bist, ist Fußball alles für dich. Mit dem Älterwerden, der Entwicklung relativiert sich das aber. Wie bei mir jetzt, wenn dann eine Familie dazukommt. Ich kann Fußball und Privatleben zunehmend besser trennen, denke nicht mehr 20 Stunden am Tag über Fußball nach und merke auch, dass ich die Sommer- und Winterpausen einfach brauche, um mal komplett loszulassen.

"Alle sind gefordert und wichtig"

Frage: Sind Sie noch sie selbst, wenn Sie auf dem Rasen stehen?

Kraft: Was ich mache, ist immer bewusst getan. Klar versuche ich auf dem Platz mehr auszustrahlen und habe eine gewisse Emotionalität. Aber das ist immer Thomas Kraft.

Frage: Was denken Sie, wenn Sie einen Ball aus dem Netz holen?

Kraft: Unterschiedlich und schwer zu beschreiben. Ärger und in seltenen Fällen auch die Analyse: Was war da gerade los?

Frage: Gibt es in der Mannschaft jemanden, dessen Defensivarbeit unterschätzt wird?

Kraft: Da kann ich keinen herausheben, weil alle gefordert und wichtig sind. Eine Defensive besteht nie nur aus Torhütern und Innenverteidigung, sondern im Idealfall aus einem Defensivverbund. Das geht von der Sturmspitze über die Flügel bis zu mir.

"Fußball ist ein Spiel der Fehler"

Frage: Bei 35 Gegentoren in 17 Spielen kann das allerdings nicht konstant funktioniert haben...

Kraft: Jedem kann ein Fehler unterlaufen, Fußball ist ein Spiel der Fehler. Aber ganz klar: Wir haben in Hinrunde nicht abgerufen, was wir müssen. Und schon gar nicht, was wir können. Insbesondere die 35 Gegentore sind zu viel. Das müssen wir unbedingt abstellen! 

Frage: Sie scheinen daran zu glauben und haben bei Hertha verlängert.

Kraft: Weil mir überhaupt nicht Bange vor der Rückrunde ist. Zu zeigen, was wir als Mannschaft draufhaben – da liegt die Motivation. Dann wird die Rückrunde ganz automatisch besser.