Köln – Vor vier Jahren stand Friedhelm Funkel kurz vor der Sensation. Als Trainer scheiterte er mit dem VfL Bochum nur hauchdünn in der Relegation an Borussia Mönchengladbach. Der 61-Jährige kann sich also sehr gut in die Situation hineinversetzen, die aktuell auf Hamburger Seite Bruno Labbadia und in Karlsruhe Markus Kauczinski erleben. Im Interview mit bundesliga.de berichtet Funkel von seinen eigenen Erfahrungen in der Relegation und seine Erwartungen an die beiden Partien zwischen dem Hamburger SV und dem Karlsruher SC (ab 20:00 Uhr im Liveticker).

bundesliga.de: Herr Funkel, was ist für einen Trainer die größter Herausforderung bei der Relegation?

Friedhelm Funkel: Man darf bei der Vorbereitung auf diese Spiele nicht die Lockerheit verlieren. Die Anspannung und Konzentration kommen, je näher das Spiel heranrückt, sowieso. Man darf nicht verkrampfen und sollte zur Abwechslung auch ein paar andere Dinge unternehmen, die sich am Standort anbieten.

bundesliga.de: Was meinen Sie damit?

Funkel: Als ich mit Bochum vor vier Jahren in der Relegation gegen Mönchengladbach war, haben wir am Tag vor dem Spiel den Nachmittag auf der Tennisanlage des Düsseldorfer Rochusclub verbracht und haben beim World Team Cup drei Stunden Tennis angeschaut. Wir hatten bei schönem Wetter noch vormittags trainiert und sind dann nach Düsseldorf gefahren, um uns bei Kaffee und Kuchen gutes Tennis anzugucken. Dann sind die Gedanken auch mal woanders. Das war eine tolle Aktion, auch wenn Kritiker sich fragten, wie wir in der Situation so etwas machen könnten. Wir haben am nächsten Tag in Mönchengladbach ein Riesenspiel hingelegt und erst in der Nachspielzeit 0:1 verloren. Es ist wichtig, sich zwischendurch auch mit anderen Dingen zu beschäftigen.

"Ein schmaler Grat zwischen Lockerheit und Anspannung"

© gettyimages / Dennis Grombkowski/Bongarts

bundesliga.de: Und wie haben Sie sich auf das Rückspiel vorbereitet?

Funkel: Vor dem Rückspiel haben wir auch ganz normal trainiert und sind dann am Abend vor dem Spiel ins Kino gegangen. Es ist sicher ein schmaler Grat zwischen Lockerheit und Anspannung. Im Abstiegskampf der Bundesliga haben ja mit Hannover und Hamburg auch zwei Vereine Trainingslager bezogen. Der HSV ist vor dem Spiel gegen Karlsruhe nun auch wieder nach Malente gefahren. Das finde ich gut. Man ist raus aus der Normalität, kann aber auch trotzdem noch andere Sachen machen. Auch der HSV hat vor dem letzten Spieltag noch eine Bootstour unternommen. Das macht der Bruno Labbadia gut, ebenso Hannovers Trainer Michael Frontzeck mit dem Aufenthalt in der Klosterpforte. Es hat ja scheinbar geholfen.

bundesliga.de: Ist die Situation in der Relegation für den Zweitligisten ein bisschen einfacher, weil er mehr zu gewinnen hat als der Bundesligist?

Funkel: Es kommt immer auf die Situation an. Wenn ich den HSV des letzten Jahres mit dem aus dieser Saison vergleiche, würde ich zustimmen. Ich glaube, dass der HSV in diesem Jahr viel besser drauf ist. Sie haben aus den letzten fünf Spielen zehn Punkte geholt. Die Mannschaft geht jetzt mit breiter Brust in die Relegation. Im letzten Jahr hatten sie die letzten fünf Bundesliga-Spiele verloren, gegen Fürth schlecht gespielt und sich trotzdem mit sehr viel Glück durchgesetzt. Der Zweitligist, der Karlsruher SC, hat die letzten Spiele auch gewonnen, das letzte überzeugend. Beide Mannschaften sind in einer guten Verfassung. Aber Favorit ist ganz klar der HSV. Deshalb hat er ein Stück weit mehr zu verlieren als der Zweitligist.

"Van der Vaart ist ersetzbar"

bundesliga.de: Auf welche Spieler kommt es jetzt besonders an? Glauben Sie, dass ein Raphael van der Vaart noch einmal eine besondere Leistung bringen kann? Wie abhängig ist der KSC von den Toren von Rouwen Hennings?

Funkel: Hennings ist ein ganz wichtiger Spieler für Karlsruhe. Er hat die entscheidenden Tore geschossen. Ob van der Vaart der Mannschaft noch so helfen kann wie früher, wage ich zu bezweifeln. Sie haben jetzt auch ohne ihn gut gespielt. Er ist nach wie vor ein guter Spieler, aber nicht mehr der Raphael van der Vaart wie noch vor ein paar Jahren. Er ist ersetzbar.

bundesliga.de: Beim Hamburger SV drängt sich jetzt vielleicht abgesehen von Gojko Kacar kein Spieler als Hoffnungsträger so richtig auf. Sie hatten viele verschiedene Torschützen.

Funkel: Aber es ist ja nicht schlecht, wenn mehrere Spieler Tore erzielen können. Der HSV ist bei Standardsituationen immer durch seine beiden Innenverteidiger gefährlich. Die haben einige Spieler, die Tore machen können.

bundesliga.de: Seit der Wiedereinführung der Relegation hat sich in sechs Duellen vier Mal der Bundesligist durchgesetzt. Ist damit das Kräfteverhältnis richtig wiedergegeben?

Funkel: Ja, das würde ich schon sagen. Der Zweitligist ist der Außenseiter, der manchmal die Überraschung schafft. Im letzten Jahr hatte ich an Greuther Fürth geglaubt, das ganz kurz vor dem Aufstieg stand. In diesem Jahr glaube ich aufgrund der aktuellen Form und Stabilität, die der HSV mit Ausnahme des Spiels in Stuttgart gewonnen hat, dass der HSV sich durchsetzen wird.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski