Jürgen Klopp landete mit dem BVB zum vierten Mal in Folge in den Top 2 der Bundesliga
Jürgen Klopp landete mit dem BVB zum vierten Mal in Folge in den Top 2 der Bundesliga
Bundesliga

Erster außerhalb des Bayern-Kosmos

Dortmund - Es fing an mit dem 4:2-Sieg im Supercup-Endspiel zum Saisonbeginn und es hörte auf mit dem nicht gegebenen Tor von Mats Hummels im DFB-Pokalfinale und der 0:2-Niederlage in Berlin. Zwei Spiele, die ironischerweise genau den Auftakt und den Schlussakkord der Saison markierten, beide Male gegen den FC Bayern München. Irgendwie hat sich der kleine Kosmos von Borussia Dortmund in dieser Saison vielleicht viel zu viel um Bayern München gedreht?

Vier Mal in Folge unter den Top 2

Beim BVB aus dem, im Vergleich zu Deutschlands Metropolen, kleinen, manchmal fast beschaulichen Dortmund, versuchen sie sich am Ende dieser viel zu langen Spielzeit dazu zu zwingen, auch die andere Perspektive zu sehen und sich nicht nur daran zu messen, dass der wirtschaftlich so viel stärkere FC Bayern aus dem wirtschaftlich soviel stärkeren München der Borussia die Meisterschaft und am Ende auch den Pokalsieg weggeschnappt hat.

Außerhalb Dortmunds und der Sphäre des BVB mag es wie eine Saison ohne Titel und wie ein Scheitern im etwas archaisch anmutenden Wagenrennen mit dem übermächtigen Rivalen aus Oberbayern wahrgenommen werden. In Dortmund aber, das spürte man auch bei der tapfer durchgezogenen Abschlussfeier nach dem Pokal-Endspiel, im Berliner "Kraftwerk", dessen rohe Wucht so gut zur Ruhrpott-Heimat des BVB zu passen schien (Frust im "Kraftwerk"), gelten andere Maßstäbe.

Denn die zweite Seite der beiden Vize-Meisterschaften von 2014 ist für Dortmund, dass die übrige deutsche Konkurrenz einmal mehr weit zurückgelassen wurde. Schalke, Leverkusen und Wolfsburg blieben am Ende deutlich zurück, von Großstadt-Giganten wie Hamburg oder Stuttgart ganz zu schweigen. Der BVB darf sich für den Augenblick an anderen Parametern messen als der FC Bayern. Vier Mal hintereinander ist Dortmund nun unter den ersten Zwei der Bundesliga gewesen, zweimal als Meister, zweimal als Vize, im gleichen Zeitraum war Dortmund zweimal im Pokalfinale und hat es einmal gewonnen.

Dazu hat sich der BVB in der Champions League mit einem grandiosen 2:0-Viertelfinale gegen Real Madrid verabschiedet - nach dem Finale von Wembley im vergangenen Jahr. Die Borussia wird international inzwischen in den Top Ten eingestuft, in der UEFA-Rangliste schnuppert der BVB deshalb inzwischen beinahe schon am obersten Lostopf für die kommende Champions League - je nachdem wie die Qualifikationsrunden für den FC Arsenal und den FC Porto ausgehen, die noch vor Dortmund rangieren, aber um ihre Startplätze kämpfen müssen.

Abgänge können kompensiert werden

Vor gut drei Jahren, als Dortmund 2011 die erste Deutsche Meisterschaft in der Trainer-Ära von Jürgen Klopp feierte, wäre an eine solche Stetigkeit nicht zu denken gewesen. Der Meister-Triumph von 2011 galt für den Augenblick als eine Laune des Fußball-Schicksals, ein bisschen so, wie der Titel, den der 1. FC Kaiserslautern gleich nach seinem Wiederaufstieg sensationell holte. Damals wurde das auch in Dortmund noch nicht so ganz anders eingestuft. Nuri Sahin, seit seinem 13. Lebensjahr beim BVB und frisch zum besten Spieler der Saison gewählt, verließ damals auf dem Höhepunkt des Triumphs den Club und wechselte zu Real Madrid. Selbst für den eigenen Nachwuchs-Mann Sahin galt damals der BVB noch nicht als Prophet im eigenen Lande - und der Erfolg galt irgendwie als Episode. 

In jedem Jahr seither hat Dortmund immer einen wichtigen Spieler verloren: Shinji Kagawa, Mario Götze und jetzt Robert Lewandowski. Und doch haben sich die Zeiten gewandelt. 2014 arbeitet der BVB zum Saisonende daran, einen wie den aktuellen Torschützenkönig von Italiens Serie A, Ciro Immobile aus Turin zu holen. Schon im letzten Jahr gelang so ein ungewöhnlicher Coup, als Henrikh Mkhitaryan von Schachtjor Donezk in den Ruhrpott geholt werden konnte.

Hätte im Laufe der Saison das Verletzungspech die Dortmunder nicht in dieser Saison so geprügelt, wie schon seit Jahrzehnten nicht, es wäre wahrscheinlich in der Meisterschaft viel enger geworden, als der riesige Punkterückstand es in der Abschlusstabelle der Bundesliga auszusagen scheint. Zu Saisonbeginn, bei jenem 4:2-Sieg gegen die Bayern, als Trainer Pep Guardiola ganz offensichtlich ins Staunen geriet über die Qualität des Ruhrpott-Rivalen, spielte sogar noch Ilkay Gündogan. Dortmunds genialer Spielmacher hat anschließend die ganze Saison verpasst, bis auf 58 Minuten im ersten Spiel in Augsburg.

Dortmund trotzt dem Verletzungspech

Lukasz Piszczek hatte sich schon vorher mit einer Hüftoperation abmelden müssen. Als nächstes kam ein Kreuzbandriss bei Neben Subotic dazu, Marcel Schmelzer laborierte an verschiedenen Verletzungen herum. Bis zum November konnte der BVB diese Ausfälle so weit kompensieren, dass Klopps Truppe zwar selten mit dem Glanz der letzten Spielzeit verzauberte, aber doch im Gleichschritt mit den Bayern an der Tabellenspitze blieb. Es kam aber noch schlimmer: Als Mats Hummels ausfiel und zugleich Schmelzer eine Auszeit nahm, kam der FC Bayern in den Signal-Iduna-Park. Selbst dieses Schlüsselspiel der Saison war eine ausgeglichene Partie. Bis zum ersten Dortmunder Abwehr-Faux-pas, den Mario Götze zum 1:0 nutzte. Bayern gewann dann noch mit 3:0 (Video), konnte sich aber auf den Sieg gegen die durch die vielen Verletzten angeknockte Mannschaft nicht viel darauf einbilden.

Gleichwohl entschied sich da die Meisterschaft. Während der BVB sich an Krücken durch das letzte Drittel der Hinrunde zu schleppen schien, holte die Konkurrenz auf: Leverkusen und Mönchengladbach zogen sogar vorbei. Als sich zu Beginn der Rückrunde auch noch Jakub Blaszczykowski mit einem Kreuzbandriss und Sven Bender mit einer hartnäckigen Schambeinentzündung abmelden mussten, unkte es schon, dass der Aufschwung des BVB damit gestoppt sei. Es würden härtere Zeiten beginnen, ohne Champions-League, die Rückkehr in einen alten Trott.

Dass es völlig anders kam, ist das eigentliche Saisonfazit für den BVB. Und der große Erfolg. In der knallharten Champions-League-Gruppe mit dem FC Arsenal und Neapel gelang Kevin Großkreutz erst wenige Minuten vor Abpfiff in Marseille das Tor, das zum Gruppensieg reichte. Und so rollte Dortmund auch international wieder bis ins späte Frühjahr weiter. In der Bundesliga blieb es zwar bis zuletzt bei der Verletzungsmisere, aber viele der nachgerückten jungen Spieler hatten sich inzwischen akklimatisiert.

Zweithöchster Umsatz der Bundesliga

Vor allem dank der Rückkehr von Hummels und Schmelzer und der bisher besten Serie von Marco Reus holte sich Dortmund immerhin den 2. Platz hinter den Bayern zurück. 2014 ist Borussia Dortmund im Normalfall nicht mehr der Club, den finanzstarke Clubs als Shopping-Mall behandeln können. Dass ein Spieler wie Liga-Torschützenkönig Lewandowski (Torjägerliste) zu den Bayern wechselt, werten sie bei der Borussia allmählich als einen Störfall, mit dem man leben kann. Dortmund steht inzwischen finanziell so seriös und schuldenfrei da, mit den mit Abstand zweithöchsten Umsätzen in der Liga, dass sich Gelassenheit einstellt.

Wer als Spieler nicht jeden zweiten Samstag in dieses unglaubliche Stadion mit stets 80.000 Zuschauern einlaufen will, ist vielleicht einfach selbst schuld. Und auch die Benimm-Lehrerin von Jürgen Klopp scheint sich rechtzeitig zum Saison-Endspurt wieder zurückgemeldet zu haben. Gemessen an seinem denkwürdigen Auftritt in Neapel, als er für verbale Attacken gegen die Unparteiischen sogar eine UEFA-Sperre einstecken musste, scheint sich beinahe wieder der alte, gewohnte Charme bei Klopp eingefunden zu haben.

Auch als Zweiter darf man sich schließlich wohl fühlen.

Freddie Röckenhaus