Mon dieu, "Les Bleus"! Die einst so stolze französische Nationalmannschaft gleicht zunehmend einem Käfig voller Narren.

Einen Tag nach dem Rauswurf von "Enfant terrible" Nicolas Anelka boykottierten die verbliebenen 22 Spieler der "Equipe Tricolore" ein öffentliches Training auf dem Platz nahe ihres Hotels in Knysna. Nach einer lautstarken Auseinandersetzung zwischen Mannschaftskapitän Patrice Evra und Fitness-Coach Robert Duverne bestieg die Mannschaft den Bus und verschwand.

Protest für Anelka

"Ich bin angewidert", sagte Delegations-Leiter Jean-Louis Valentin nach dem blamablen Vorfall und erklärte umgehend seinen Rücktritt. Evra und Duverne hatten sich vor Beginn des Trainings angebrüllt, Duverne warf daraufhin seine Stoppuhr quer über den Trainingsplatz. Der umstrittene Trainer Raymond Domenech, dessen Zwist mit Anelka am vergangenen Donnerstag die "Equipe Tricolore" endgültig in Aufruhr versetzt hatte, ging dazwischen, konnte oder wollte den Boykott aber nicht verhindern.

Als die Mannschaft verschwunden war, las Domenech in deren Namen sogar eine Stellungnahmne vor. "Alle Spieler, ohne Ausnahme, protestieren gegen die Entscheidung der FFF (französischer Verband, Anm. d. Red.), Nicolas Anelka zu suspendieren", zitierte der Coach. Die Weigerung des Verbandes, sich vor dem Rauswurf von Anelka mit diesem auszutauschen, habe zu dem Trainingsboykott geführt. Am Ende des Briefes hieß es: "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst. Wir werden alles geben, damit Frankreich seine Ehre wiederfindet."

Suche nach dem "Maulwurf"

Die Delegation des Vize-Weltmeisters, der am Dienstag gegen den WM-Gastgeber Südafrika (ab 15:45 Uhr im Live-Ticker) eigentlich seine letzte kleine Chance auf den Einzug in das Achtelfinale nutzen wollte, ist in heller Aufruhr. Ausgelöst hatte den jüngsten Skandal die Sporttageszeitung L'Equipe, die eine rüde Beleidung Anelkas gegenüber Domenech veröffentlicht hatte.

Diese Auseinandersetzung war während der Pause beim Spiel zwischen Frankreich und Mexiko (0:2) in der französischen Kabine ausgebrochen. Was die "Equipe Tricolore" fast rasend macht, ist die Tatsache, dass Streit und Obszönitäten nach draußen drangen. "Das Problem ist nicht Anelka, sondern der Verräter, der unter uns ist", betonte Kapitän Evra. "Wir bedauern, was passiert ist, aber noch mehr bedauern wir die Veröffentlichung des Streits." Derartige Vorfälle gehörten "zum Leben eines Weltklasse-Teams".

"Das kommt von jemandem, der ein Teil der Gruppe ist und dem französischen Team etwas Schlechtes will", erklärte Evra und betonte: "Wir können uns nichts vormachen, der Journalist hat die Geschichte nicht einfach so erfunden."

Domenech steht zu Anelkas Rauswurf

Ein diffuses Bild gibt wieder mal der französische Verband ab. "Die Kommentare von Nicolas Anelka sind inakzeptabel für die FFF und die Werte, für die wir stehen", begründeten die Funktionäre Anelkas Rauswurf, nachdem der Angreifer eine Entschuldigung abgelehnt hatte - die veröffentlichten Obszönitäten habe er so nie gesagt, betonte er. Am Ende klang es beinahe so, als entschuldige sich FFF-Präsident Jean-Pierre Escalettes bei Anelka: "Nach seinem Rauswurf hat er sich absolut würdevoll und nobel verhalten."

Der sehr lang- und wankelmütige Domenech hatte Anelka einst in die Nationalmannschaft zurückgeholt, nachdem der ehemalige Trainer Jacques Santini den Stürmer 2002 schon einmal aus dem Kader geworfen hatte. Nun aber reichte es auch Domenech. "Die Entscheidung, ihn zu entlassen, ist die richtige", sagte er.

Gemeinsames Versagen

Fast hätte der Trainer noch darüber hinweggesehen, was da am Donnerstag in der Kabine passiert war. Gut, Anelkas Reaktion sei "nicht die beste gewesen, aber ich hätte das intern geregelt", sagte Domenech. Durch die Veröffentlichung des Streits hätten sich die Dinge aber geändert, betonte er. Er hatte daher eine öffentliche Entschuldigung verlangt.

Für derartige Vorfälle, betonte Evra, sei aber nicht eine Person alleine verantwortlich - es seien "alle": "Der Trainerstab, der Verband, die Spieler. Wir sitzen alle im selben Boot. Wenn wir sinken, sinken wir gemeinsam." Am Kap der guten Hoffnung geht die "Equipe Tricolore" derzeit unter wie einst die Titanic.