Hamburg - Wie jeder Fußballfan auch fiebert Uwe Seeler dem Saisonstart der Fußball-Bundesliga entgegen. Die HSV-Legende will sich noch auf alle Fälle das Topspiel des HSV gegen Schalke 04 anschauen, bevor er sich nach seinem Autounfall im Juli in die Reha und den Urlaub verabschiedet.

bundesliga.de erwischte den vielbeschäftigten 73-jährigen Ehrenspielführer der deutschen Nationalmannschaft zum Exklusiv-Interview in seinem Büro in Hamburg.

bundesliga.de: Mit dem Spiel Bayern München gegen den VfL Wolfsburg wird am Freitag die neue Bundesliga-Saison eröffnet. Am Samstag geht es mit dem Kracher HSV gegen Schalke weiter. Wie sehr fiebern Sie der neuen Spielzeit entgegen?

Uwe Seeler: Ich freue mich sehr auf den Start und glaube, dass es in diesem Jahr besonders interessant wird. Die Sommerpause geht immer schnell vorbei. Und wir wurden ja auch durch die WM sehr verwöhnt. Ich erwarte eine spannende Saison mit vielen in etwa gleich starken Mannschaften oben wie unten. Ich freue mich auf das erste Spiel des HSV gleich gegen einen so starken Gegner wie Schalke 04 und werde es mir wohl auch im Stadion anschauen. Ich freue mich auch auf das Duell der Torjäger van Nistelrooy und Raul.

bundesliga.de: Was erwarten Sie vom Duell HSV gegen Schalke?

Seeler: Ich bin gespannt darauf zu sehen, wie weit die Mannschaften nach der Pause schon sind. Ich vermute, dass sie es erst einmal kontrolliert angehen lassen werden. Im ersten Spiel will sich keiner überraschen lassen. Felix Magath (der Trainer von Schalke, die Red.) wird erst einmal darauf setzen, dass die "Null" steht. Es wird für den HSV sicher schwer, gegen Schalke immer auf Angriff zu spielen. Auf der anderen Seite spielt der HSV im eigenen Stadion, da muss er die Musik vorgeben. Abwartend sollte er nicht spielen.

bundesliga.de: Wie stark schätzen Sie "Ihren" HSV in diesem Jahr ein?

Seeler: Das Potenzial des HSV ist sicher nicht gering, das war es aber auch schon in der vergangenen Saison. Es ist gut genug, um in der Spitze mitzuspielen. Es wird wichtig sein, dass der HSV eine geschlossene Mannschaftsleistung abrufen kann.

bundesliga.de: Gegen Schalke kommt es auch zu einem Wiedersehen mit dem ehemaligen HSV-Coach Felix Magath, der jetzt die "Knappen" trainiert.

Seeler: Der HSV wollte ihn ja auch schon einmal wieder zurückholen. Ich weiß nicht, warum das nicht geklappt hat. Wahrscheinlich lag es daran, dass er sich nicht gerne in die Arbeit reinreden lässt. Beim HSV wäre er nicht der Alleinherrscher gewesen. Aber es ist ja noch Zeit. Vielleicht kommt er irgendwann einmal wieder zum HSV zurück. Felix ist ein Fuchs.

bundesliga.de: Den Sie aber vor 13 Jahren als damaliger HSV-Präsident entlassen mussten. Warum ist er damals in Hamburg gescheitert?

Seeler: Das ist doch eine uralte Geschichte, Lavendel. Felix Magath war schon immer ein guter Trainer. Aber am Anfang hat er noch nicht die richtige Mischung aus Zuckerbrot und Peitsche gefunden. Da hatte er auch bei anderen Vereinen wie etwa in seiner Zeit bei Werder Bremen Probleme. Erst in Stuttgart ist sein Stern richtig aufgegangen. Da hat er erkannt, dass die Spieler eine unterschiedliche Ansprache brauchen. Die einen muss man hart kritisieren, die anderen brauchen Streicheleinheiten. Aber ein guter Trainer war er wie gesagt schon immer.

bundesliga.de: Viele Experten befürchten einen Durchmarsch des FC Bayern. Sie auch?

Seeler: Ich glaube nicht an einen Durchmarsch der Bayern. Zumindest hoffe ich das nicht. Sie sind sicher der Favorit, weil sie den besten Kader haben. Ich hoffe aber, dass ihnen einige Mannschaften das Leben schwer machen. Man muss aber die ersten drei, vier Spiele abwarten, um da genauere Prognosen abgeben zu können. Ich rechne mit Teams wie Bremen, Wolfsburg, dem HSV, Schalke, Dortmund und Leverkusen. Das sind auch ernst zu nehmende Gegner für die Bayern. Gleich beim ersten Spiel gegen Wolfsburg wird es schwer für sie. Der VfL hat sich gut verstärkt.

bundesliga.de: In Hamburg bekommt der HSV in diesem Jahr wieder einmal Konkurrenz aus der eigenen Stadt. Was trauen Sie dem FC St. Pauli zu?

Seeler: Das Ziel von St. Pauli kann ja nur sein, in der Bundesliga zu bleiben. Das wird schwer genug. Obwohl sie immer Rivalen meines HSV waren, erkenne ich die Leistung an. Sie sind verdient aufgestiegen und haben in der 2. Liga einen guten und erfrischenden Fußball gespielt. Aber in der Bundesliga wird es viel schwerer. Im eigenen Stadion werden sie es aber sicher jedem Gegner schwer machen.

bundesliga.de: Im vergangenen Jahr avancierte der Aufsteiger Mainz 05 zur Überraschungsmannschaft. Welcher Club könnte in dieser Saison diese Rolle übernehmen?

Seeler: Wenn ich das wüsste. Im Moment fällt mir da kein Team ein. Da muss man die ersten Spiele abwarten. Für ein paar Spieltage kommen viele Teams als Überraschungsmannschaften in Frage. Aber eine Saison ist lang. Besonders in der Rückrunde muss man noch genügend Restreserven haben. Mainz hat es im vergangenen Jahr gut durchgehalten. Aber auch Mainz wird es in dieser Saison schwerer haben.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski