Köln - Die Spitze rückt noch dichter zusammen. Jürgen Klopp rotiert den BVB zu den ersten Punktverlusten der Saison, die Bayern bügeln Schalke platt und ziehen gleich. Und die "Werkself" verhagelt mit einem satten Viererpack das schöne 25-jährige Dienstjubiläum des Mainzer Präsidenten Harald Strutz. Derweil schafft Werder mit einem Derbyerfolg in Hamburg die Trendwende, während es beim HSV immer düsterer wird.

Harald Strutz ist ein volksnaher Typ. Seit 25 Jahren ist er Präsident des 1. FSV Mainz 05. So war es für ihn auch klar, dass er sein Jubiläum nicht auf der Ehrentribüne feierte, sondern im Fanblock der 05er. Froh gestimmt mischte er sich unter die treuen Anhänger. Doch dann vergingen ihm Hören und Sehen. Nach einer desolaten Vorstellung lagen die Rheinhessen zur Pause mit zurück. "Wir haben uns die Tore selbst reingelegt und müssen in der Defensive wieder stabiler werden", resümierte der Präsident nach der Pleite.

"Werkself" mit Vereinsrekord



Thomas Tuchel, dem sonst äußerst redegewandten Coach der Mainzer, verschlug es fast die Sprache. "Der Glaube, das Spiel noch drehen zu können, war in der Pause nicht so ausgeprägt bei uns", gestand der 40-Jährige. "Da konnte ich auch nicht mehr schauspielern. Ich war eher entsetzt über unsere Zweikampfwerte und darüber, dass wir wieder keine einzige Torchance vor der Pause hatten."

Ganz anders Bayer 04. Leverkusen feierte den fünften Sieg im sechsten Spiel. Robbie Kruse, den Bayer-Trainer Sami Hyypiä überraschend aus dem Hut zauberte und in die Startelf stellte, traf vor der Pause zwei Mal und war auch per Vorlage auf den wieder genesenen Lars Bender bei dessen historischem Tor entscheidend beteiligt (Splitter zum Spieltag). Der Australier war damit der "Man of the Match" und konnte sich außerdem über eine 100-prozentige Torschussquote freuen. Zwei Schüsse, zwei Tore, alles super. Nach der Pause gelang auch Toptorjäger Stefan Kießling sein obligatorischer Treffer. Nun steht er schon bei fünf Saisonbuden.

Für die "Werkskicker" bedeuten 15 Punkte nach sechs Spielen einen neuen Vereinsrekord. Kein Wunder, dass Lars Bender anschließend von "einem rundum gelungenen Tag" sprach. Leverkusen reiht sich damit hinter Borussia Dortmund und Bayern München weiterhin auf Platz 3 ein.

Klopps unglückliche Rotation



Die Dortmunder mussten sich nach der 1:2-Niederlage in der Champions League in Neapel beim Auswärtsspiel in Nürnberg erst einmal neu sortieren. Jürgen Klopp hatte seine Elf munter durcheinander gewirbelt und mehrere Stars (u.a. Robert Lewandowski, Henrykh Mkhitaryan und Nuri Sahin) auf die Bank gesetzt. Dort nahm er selbst auch Platz und blieb über die 90 Minuten auch weitgehend ruhig. Nach seinem Ausraster mit folgender Verbannung auf die Tribüne am Stiefel in Italien verhielt sich Klopp diesmal vorbildlich.

Seine Mannschaft, in der mit Erik Durm und Marvin Duksch zwei Youngster ihr Startelfdebüt gaben, holte beim "Club" nur . "Es ist kein Kindergeburtstag, so oft umstellen zu müssen", klagte Klopp nach der Partie, in der auch die angeschlagenen Marcel Schmelzer (Verhärtung am Oberschenkel) und Marco Reus (Pferdekuss) auswechseln musste. "Wir hätten gewinnen können. Aber wenn Alexander Esswein in der Nachspielzeit für Nürnberg trifft, verlieren wir. Der Punkt ist am Ende okay."

Der 1. FC Nürnberg bleibt zwar weiterhin sieglos, verließ aber die Abstiegsränge. Bester Mann auf dem Platz war Niklas Stark, der seinem Nachnamen alle Ehre machte.

"Das war unser bestes Spiel in der Bundesliga"



Den halben Dortmunder Ausrutscher nutzten die Bayern eiskalt. Nur um ein Tor schrammten sie nach der 4:0-Lehrstunde auf Schalke an der Tabellenspitze vorbei. Der Doppelschlag von Bastian Schweinsteiger und Mario Mandzukic nach 22 Minuten brach den Schalkern das Genick. Danach spulten die Bayern souverän ihr Programm runter und legten nach der Pause durch lässige Tore von Franck Ribery und Claudio Pizarro sogar noch nach.

"Das war unser bestes Spiel in der Bundesliga", war Bayern-Trainer Pep Guardila hochzufrieden (alle Trainerstimmen zum Spieltag). "Wir haben 90 Minuten gegen eine Champions-League-Mannschaft komplett dominiert." Die Zahlen untermauern das: Bayern hatte in einem schweren Auswärtsspiel 68,9 Prozent Ballbesitz gewann fast 55 Prozent der zweikämpfe und spielte 733:310-Pässe.

"Wir sind seriös aufgetreten, die Mentalität hat gestimmt. Wir haben sehr gut und variabel gespielt", sagte Bastian Schweinsteiger staatsmännisch. Schalkes Kapitän Benedikt Höwedes konstatierte ab der 30. Minute einen Klassenunterschied. "Wir haben wieder bei Standards gepennt, die Zuordnung fehlte", ärgerte sich der Innenverteidiger.

Clubs aus Niedersachsen trumpfen auf



Ihre Ambitionen auf die internationalen Plätze untermauerten die Topvereine aus Niedersachen: Hannover und der VfL Wolfsburg behielten daheim ihre weiße Weste. Hannover 96 musste allerdings bis in die Schlussphase zittern. Erst in der 89. Minute verwandelte Szabolcs Huszti einen Handelfmeter zum 2:1-Erfolg gegen die diszipliniert agierenden Gäste aus Augsburg, deren Siegesserie nach drei Erfolgen am Stück an der Leine riss.

Es war überhaupt ein kurioses Spiel, das mitunter viele Elemente einer anderen Sportart besaß. Zeitweilig konnte man glauben, ein Handballspiel zu verfolgen. Immerhin gab es drei knifflige Situationen in den Strafräumen beider Teams zu bestaunen. Drei Mal gab es Handspiele, zwei Mal folgte der fällige Elfmeterpfiff. Schiedsrichter Christian Dingert lag bei allen Entscheidungen richtig, die Spieler haderten natürlich dennoch.

"Keiner weiß mehr, was was ist. Wir haben auf dem Platz gerätselt, auch mit dem Gegner", sagte Augsburgs Daniel Baier nach dem Spiel. Hannovers Trainer Mirko Slomka fand alleine die Tatsache bedenklich, dass es so viele strittige Entscheidungen an den sechs Spieltagen gab. Am Ende freute er sich über den vierten Heimsieg und Platz 4 in der Tabelle.

Petersen: "Ich bin stolz auf die Mannschaft



In Wolfsburg feierten sie ihren ältesten Feldspieler. Ivica Olic erlebt seinen x-ten Frühling und beweist, dass Alter nicht vor Toren schützt. Mit seinen Saisontreffern drei und vier schoss der 34-jährige Kroate zum 2:1-Heimsieg gegen 1899 Hoffenheim und auf Platz 6 im Klassement. "Ich hoffe, dass wir jetzt von Spiel zu Spiel besser werden", sagte der Torjäger, wohlwissend, dass die nächste Bundesliga-Dienstreise nach München führt.

Von Rang 6 trennt Werder Bremen nach dem 2:0-Derbysieg beim Hamburger SV nur noch das schlechtere Torverhältnis. Mit nun neun Punkten auf dem Konto hat sich Werder ein stattliches und erst einmal beruhigendes 5-Punkte-Polster auf die Abstiegsränge erwirtschaftet. Die Negativserie wurde nach zuletzt drei Pleiten eindrucksvoll gestoppt.

"Ich bin stolz auf die Mannschaft. Unsere erste Halbzeit war die beste seit langem und richtig gut. Jeder gibt Gas und auf einmal lief auch wieder der Ball", frohlockte Doppeltorschütze Nils Petersen, der zuvor saisonübergreifend seit 16 Spielen nicht mehr getroffen hatte. Die Bremer schossen insgesamt 16 Mal aufs HSV-Tor . Ein ansehnliches Debüt gab dabei der erst 19-jährige Martin Kobylanski, der auch für den Trend an diesem Spieltag stand, noch mehr auf die Jugend zu setzen.

Während Werder die Talfahrt gestoppt hat, herrscht beim HSV weiterhin Tristesse vor. Auch der Trainerwechsel verpuffte, die Vorstellung im 99. Nordderby der Bundesliga war insgesamt eher dürftig. Daher verwundert es nicht, dass sich HSV-Kapitän Rafael van der Vaart "einen neuen Trainer mit neuen Ideen" wünscht, der "neuen Elan" in die Bude bringt. "Dann kriegen wir auch die Wende hin", ist der Niederländer überzeugt. Der Name des neuen Coaches gehört allerdings zu den am besten gehüteten Geheimnissen in der Hansestadt. Sofern er denn überhaupt schon feststeht.

Tobias Gonscherowski