Gelsenkirchen - Der FC Schalke 04 liegt voll auf Champions League-Kurs. Mit viel Leidenschaft ackern und rackern sich die Königsblauen näher an dieses Ziel heran. Einer, der Woche für Woche besonders hart malocht, ist Franco Di Santo.

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Im Exklusiv-Interview mit bundesliga.de spricht der Stürmer über die Bundesliga im Vergleich zur Premier League und über die Sehnsucht der aktuellen argentinischen Kicker-Generation nach einem großen Final-Sieg.

bundesliga.de: Herr Di Santo, Schalke 04 ist aktuell Tabellenzweiter und auf Champions League-Kurs. Wird die Freude noch dadurch gesteigert, dass man vor dem Ruhrpott-Rivalen Borussia Dortmund liegt?

Franco Di Santo: Wir machen uns keine Gedanken darüber, wer vor oder hinter uns in der Tabelle steht. Es ist wichtig, dass wir jede Woche alles versuchen, um einen guten Job abzuliefern. Das funktioniert aber nur, wenn man von Spiel zu Spiel und nicht daran denkt, was in drei, vier, fünf Wochen sein könnte. Also zählt jetzt nur Wolfsburg.

"Einer allein wird nie etwas erreichen können im Fußball, der Schlüssel zum Erfolg wird immer das Teamwork sein"

bundesliga.de: Diese Saison könnte mit der Champions League-Qualifikation und dem Pokal-Gewinn zum Triumph in Königsblau werden, ein wenig Träumen wäre da doch nur menschlich...

Di Santo: Kann schon sein. Aber dafür ist es einfach noch viel zu früh. Wir haben überhaupt noch nichts erreicht, außer dass wir ein paar Spiele gewonnen haben. Auf uns warten in der Bundesliga aber noch acht Begegnungen und damit acht schwierige Aufgaben, in denen noch 24 Punkte zu gewinnen – oder zu verlieren sind. Dabei liegen zwischen uns und dem Sechsten gerade einmal sechs Punkte. Schon deshalb verbietet sich jede Träumerei.

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bundesliga.de: Nach der enttäuschenden vergangenen Saison sollte die aktuelle ein Neuanfang werden, nicht zuletzt mit einem neuen Trainer, Domenico Tedesco. Wann hatten Sie das erste Mal das Gefühl, dass es etwas werden könnte mit diesem Neustart?

Di Santo: Wir alle gemeinsam haben schon sehr früh gespürt, dass der Neuanfang mehr sein würde als nur ein Schlagwort, das sich gut in der Presse liest. Ich erinnere mich jedenfalls daran, dass ich bereits nach den ersten paar Spielen gedacht habe "diese Truppe kann etwas bewegen, wir können Großes erreichen in dieser Saison".

Video: Franco di Santo im Fragenhagel

bundesliga.de: Ihr Sturmpartner, Guido Burgstaller, hat gesagt, dass jeder sehr schnell die Philosophie des Trainers verinnerlicht habe. Lässt sich diese Philosophie in ein, zwei Sätzen zusammenfassen?

Di Santo: Ich kann das sogar in nur zwei Worten zusammenfassen, mit "Teamwork" und mit "Gewinnermentalität". Jeder hat begriffen, dass wir nur erfolgreich sein können, wenn jeder bereit ist für die Mannschaft zu arbeiten. Einer allein wird nie etwas erreichen können im Fußball, der Schlüssel zum Erfolg wird immer das Teamwork sein. Und wenn das gegeben ist, wächst die Gewinnermentalität automatisch.

bundesliga.de: Sie haben in der Premier League und für Wigan, Blackburn und Chelsea gespielt. Würde der aktuelle Spiel-Stil des FC Schalke dem typischen britischen Fan gefallen?

Di Santo: Das kann ich mir gut vorstellen. Wenn Du dem englischen Fan zeigst, dass du in jeder Sekunde bereit bist, dich für dein Team zu zerreißen, dann wird der fast verrückt vor Freude. (lacht) Doch, das könnte passen.

bundesliga.de: Schalke steht defensiv sehr sicher und hat nur drei Gegentreffer in sechs Spielen kassiert. Offensiv ist das System aber nicht so stürmerfreundlich, wie sich ein Stürmer das vielleicht wünschen würde. Wie definieren Sie also Ihre Rolle als Angreifer?

Di Santo: Natürlich möchte ein Stürmer in jedem Spiel treffen, am liebsten gleich drei-, viermal. Aber die Bundesliga ist eine Top-Liga, da schießt keine Mannschaft eine Million Tore. (lacht) Und ganz ehrlich, wenn wir drei Punkte holen, ist es mir relativ egal, ob ich selbst getroffen habe oder einer meiner Kollegen. Wichtig ist mir zu spüren, dass der Trainer mir das Vertrauen schenkt.

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bundesliga.de: Im Gegensatz zur Vorsaison, haben Sie diesmal nahezu alle Spiele bestritten.

Di Santo: Stimmt. Und das gibt mir das Gefühl, dass ich mit meiner Arbeit auch dann wichtig für die Mannschaft bin, wenn ich selbst nicht treffe.

"Viele sagen, dass die Premier League die beste Liga der Welt sei. Aber ich sehe kaum Unterschiede oder gar Vorteile gegenüber der Bundesliga."

bundesliga.de: Neben Ihnen überzeugt in dieser Saison mit Leverkusens Lucas Alario ein zweiter Argentinier in einer deutschen Spitzenmannschaft. Nimmt der argentinische Nationaltrainer, Jorge Sampaoli, diese Leistungen wahr?

Di Santo: Ich möchte das auf jeden Fall glauben. (lacht). Im Ernst, es wäre wirklich schön, wenn man zuhause zur Kenntnis nehmen würde, dass wir beide in einer sehr starken Liga und in sehr guten Vereinen gute Leistungen zeigen. (Di Santo strahlt plötzlich über das ganze Gesicht, als aus dem Funktionsraum der Mannschaft eine hymnische Musik herüberschallt). Das ist die argentinische Nationalhymne! Nicht zu fassen. Was für ein Timing! Wo war ich stehen geblieben?

bundesliga.de: Bei der Stärke der Bundesliga.

Di Santo: Die Bundesliga ist eine Top-Liga, ein sehr harter Wettbewerb. Viele sagen, dass die Premier League die beste Liga der Welt sei. Aber ich sehe kaum Unterschiede oder gar Vorteile gegenüber der Bundesliga. Im Gegenteil: In der Bundesliga ist der Kampf um die Champions League-Plätze deutlich härter als in England, weil viel mehr Vereine um diese Plätze kämpfen. In der Premier League liegen zwischen dem Zweiten, Manchester, und dem Sechsten Arsenal, bereits 17 Punkte. In der Bundesliga haben wir auf den Siebten, Hoffenheim, gerade einmal acht Punkte Vorsprung.

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bundesliga.de: In Argentinien weiß man leidvoll um die Stärke der Bundesliga. Ist die Albiceleste, die argentinische Nationalmannschaft, trotz der schwachen Qualifikation gerüstet für die WM und für ein mögliches Wiedersehen mit Deutschland?

Di Santo: Ich denke schon. Und ich hoffe es auch. Hinter dieser Mannschaft liegen zwar harte Zeiten – das verlorene WM-Finale gegen Deutschland, das verlorene Copa América-Finale gegen Chile – aber die Generation dieser Spieler hat mehr verdient als nur Finalniederlagen und zweite Plätze. Deshalb ist es mein großer Wunsch als Argentinier, als Fan und als Fußballer, dass diese Generation noch einmal eine Chance bekommt. Vielleicht sogar gegen Deutschland im Finale. Solltet ihr dann aber erneut gewinnen, verlasse ich Deutschland für immer. (lacht)

Das Gespräch führte Andreas Kötter