London - Im Fußball-Biotop England dauert es manchmal etwas länger, bis man sich von altgeliebten Klischees loslöst, aber der FC Bayern hat es nach langem Anlauf endlich geschafft: Er firmiert auf der Insel nicht mehr als "FC Hollywood", sondern ganz offiziell als "the European Champions", als Meister von Europa.

Die Geschichten, die Pep Guardiolas Team auf dem Platz schreibt, mögen im Anbetracht der Bundesliga-internen Dominanz zwar "etwas langweilig" erscheinen, wie Ex-Arsenal-Keeper Jens Lehmann dem "Guardian" am Wochenende erzählte. Doch die schiere Qualität der Darbietungen auf dem Rasen wird auch in Großbritannien allgemein gebührend gewürdigt. 

Lobeshymnen auf die Bayern

Geradezu begeistert fielen die Kritiken nach dem 3:1-Auswärtssieg der Münchner im Champions-League-Gruppenspiel bei Manchester City im vergangenen Oktober aus. "Die Bayern wurden ihrem Status als Titelverteidiger auf jeden Zentimeter gerecht", schrieb der Independent, "der Zwei-Tore-Vorsprung wurde ihrem  meisterlichen Umgang mit dem Ball nicht gerecht." "Sie haben früh gepresst und mit dem Ball waren sie fantastisch," befand "Sky"-Experte Graeme Souness nach dem Match. "Angsterregend" empfand der Schotte die Vorstellung der Gäste beim englischen Meister.

"Kroos, Schweinsteiger und Lahm waren eine Klasse für sich", pflichtete ihm im Fernsehstudio Kollege Jamie Redknapp (Ex-Liverpool) bei. Selbst die City-Fans hatten die Bayern im "Etihad Stadium" nach der "Lektion" (Telegraph) mit stehenden Ovationen verabschiedet. 

Talent und taktische Kreativität

Besonders die taktische Flexibilität von Guardiola hat es den Briten angetan. "Sie sind die Meister des Passes, aber sie können ständig variieren und auch körperlich spielen", schrieb der Mirror. "Guardiola verändert ständig Spieler und Formationen, um die Schwächen der Gegner auszunützen und auf die Spielsituationen zu reagieren", schwärmte der liberale Guardian. "Die zahlreichen Interventionen von der Seitenlinie unterbinden zwar manchmal den Spielfluss, aber sorgen dafür, dass am Ende regelmäßig der Erfolg steht."

Neben Talent und taktischer Kreativität ist auch harte Arbeit ein wichtiger Faktor, hat der Observer erkannt. Für das Sonntagsblatt verkörpert Franck Ribery "das Erfolgsgeheimnis" des Teams: "eine einzigartige Mischung aus Kunst, Maloche und defensiver Hingabe". 

Bayern ein Produkt von Visionären

Beim 2:0-Sieg gegen Arsenal im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales fehlte Ribery verletzt, dafür wurde Toni Kroos zum "Schlüsselspieler" (Daily Mail). Der 24-Jährige Torschütze des 1:0 war "der Chef im Mittelfeld" und erteilte den Gunners eine Unterrichtsstunde im Fach Ballbesitz, schrieb die zweitgrößte Zeitung des Landes. Viel Lob gab es ebenfalls für die Vereinsstrukturen der Münchner.

Die "Times" schickte einen Reporter zu einem Interview mit Hermann Gerland, der über die Nachwuchsförderung an der Säbener Strasse Auskunft gab. Bayerns Status als "Fußball-Aristokraten" sei kein Zufall, sondern das Produkt von "Visionären" in der Führungsriege, rühmte der seriöse "Telegraph", und die Entscheidung, die Karten für das Auswärtsspiel in London mit 45 Euro zu subventionieren sei "symptomatisch für einen Klub, der seine Anhänger ernst nimmt". 

Pep verdankt "Glück einem Erbe"

Natürlich gibt es auch abweichende Meinungen. Der "Sunday Mirror" bezeichnete Guardiola leicht sarkastisch als "Fußball-Monarch", der sein Glück einem "Erbe" verdanke: "Er ist nur der größte Trainer aller Zeiten, wenn man ausklammert, dass er sich seine Mannschaften nicht selbst aufbauen musste." 

Für Alan Hansen, den früheren Liverpool-Verteidiger sind die Bayern "noch nicht in einer Kategorie mit Barcelona", es sei "kein Schock", falls diese ihren Champions-League-Titel im Mai nicht verteidigen würden, schrieb der Schotte in einer Kolumne für den "Telegraph".

Angesichts der komfortablen Lage in der heimischen Liga bestünde die Gefahr, dass Guardiolas Elf in Europa "Nachlässigkeit und Arroganz" zum Opfer fallen könne, fügte Hansen, 58, vor dem Hinspiel im Emirates-Stadion hinzu. 

Wenger favorisiert Real Madrid

Für Arsene Wenger ist Real Madrid, nicht Bayern, der Top-Favorit auf den Titel. "Bayern hat dieses Jahr viel Ballbesitz, ist aber nicht so gefährlich (wie in der Vorsaison)", sagte der Arsenal-Coach vergangene Woche.

"Wir haben das im Spiel bei uns gesehen. Obwohl wir mit zehn Mann gespielt haben, haben sie nicht viele Chancen kreiert."

Wengers Vorgänger George Graham sieht das jedoch ganz anders. "Die zweite Hälfte (gegen Arsenal) war wie ein Trainingsspiel für Bayern", sagte der 69-Jährige der "BBC".

Aussichtslose Aufgabe für Arsenal

"Ich persönlich würde (am Dienstag) mit den Ersatzspielern antreten und mich auf die Liga konzentrieren", meinte Graham, "das Weiterkommen ist fast unmöglich."

Für ahnlich aussichtslos erachtet auch der "Mirror" das Unterfangen des Premier-League-Clubs am Dienstagabend (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker). "Bayern und Real Madrid sind die Favoriten auf den Titel, warum springen wir nicht gleich zum Endspiel?" fragte das Boulevard-Blatt. Wenger und seine Gunners haben die Hoffnung nicht aufgegeben, darauf eine gute Antwort präsentieren zu können. 

Raphael Honigstein

Raphael Honigstein ist ein deutscher Journalist, der seit 1993 in London lebt. Er ist Buchautor und schreibt unter anderem für den "Guardian". Honigstein ist zudem Korrespondent des englischen Fußballs für die "Süddeutsche Zeitung".