Als Thomas Strunz von der Auslosung des Champions-League-Viertelfinales erfahren hat, da sprang das Kopfkino an. Erinnerungen an ein dunkles Kapital seiner Karriere wurden wach.

"Da kamen Erinnerungen ans Finale 1999 hoch", sagt Strunz, "an die Spieler die damals schon dabei waren wie Scholes oder Neville." Das 1:2 des FC Bayern gegen Manchester United im Champions-League-Finale ging als legendärstes Duell dieser Teams in die Geschichte ein.

Am Dienstagabend hat der FC Bayern die Chance, dieser Geschichte ein weiteres Kapitel hinzuzufügen - möglichst mit erfreulicherem Ausgang aus deutscher Sicht (ab 20:30 Uhr im Live-Ticker).

Bei bundesliga.de spricht der ehemalige Bayern-Profi über das anstehende Viertelfinale des FC Bayern gegen Manchester United, seine persönlichen Erinnerungen an Old Trafford und die Aussichten seines Ex-Clubs gegen die "Red Devils".

bundesliga.de: Herr Strunz, ist es ein Vor- oder ein Nachteil für die Bayern, zuerst zuhause anzutreten?

Strunz: Mir war es früher immer am liebsten, erst auswärts zu spielen. Dadurch weiß man, was man im Rückspiel mit den Heimfans im Rücken für ein Ergebnis braucht und kann sich taktisch darauf einstellen. Betrachtet man die vergangenen Spiele in dieser Saison, fällt auf, dass es auswärts und zuhause meist sehr eng zuging. Deshalb macht es heute wahrscheinlich keinen großen Unterschied mehr.

bundesliga.de: Manchester United gilt als ungeheuer heimstark. Was müssen die Bayern im Hinspiel vor eigenem Publikum erreichen, um in Old Trafford zu bestehen?

Strunz: Der FC Bayern muss das Hinspiel gewinnen. Dann hat Louis van Gaal im Rückspiel alle Optionen und kann mit den schnellen Offensivleuten wie Arjen Robben und Franck Ribery auf Konter spielen. Das kann dann eine echte Waffe sein.

bundesliga.de: Sie haben auch schon im Old Trafford gespielt, 1999 in der Zwischenrunde beim 1:1. Was ist das Besondere am "Theatre of Dreams"?

Strunz: Es ist eine ganz außergewöhnliche Atmosphäre, die beide Mannschaften beflügeln wird. Es ist ein typisch englisches Stadion mit rund 76.000 Zuschauern. Persönlich habe ich gute Erinnerungen an Old Trafford. Mit der Nationalmannschaft hatten wir bei der EM 96 viele Spiele dort: alle Vorrundenpartien und das Viertelfinale gegen Kroatien. Bis dato habe ich dort also nie verloren.

bundesliga.de: Beim Champions-League-Sieg 2001 haben Sie mit dem FC Bayern im Viertelfinale Manchester United, im Halbfinale Real Madrid und im Finale Valencia geschlagen. Was fehlt der aktuellen Bayern-Mannschaft im Vergleich zu 2001?

Strunz: Das ist so nicht vergleichbar. Auf diesem Niveau sind Kleinigkeiten entscheidend. Ich halte nichts davon, die Vergangenheit zu glorifizieren und die Gegenwart schlecht zu reden. Bayern hat auf jeden Fall eine Chance, insbesondere mit dieser Offensive, die durch ihre Qualität ein Spiel jederzeit drehen und entscheiden kann. Die Frage wird sein: Wie verhält sich die gesamte Mannschaft bei der Defensivarbeit?

bundesliga.de: Gerade dort haperte es ja zuletzt.

Strunz: In der Defensive sehe ich die Bayern - nicht zuletzt aufgrund der Verletzungsprobleme - nicht so stabil und gefestigt. Martin Demichelis' Ausfall in der Innenverteidigung spielt da mit rein, dann die Probleme auf der linken Verteidigerposition. Man muss abwarten, wie das funktioniert und wie gut die Offensivspieler auf diesem Niveau defensiv mitarbeiten. Man hat gegen Florenz gesehen wie eng es zugeht. Gegen Manchester United wird es Bayern nicht gelingen, so viele Tore zu erzielen.

bundesliga.de: Auf der linken Außenposition hat zuletzt der 17-jährige David Alaba gespielt. Gegen Florenz überzeugte er, in der Bundesliga musste er Kritik einstecken. Kommen so wichtige Spiel für so ein Talent zu früh?

Strunz: Alaba und Contento sind zweifellos große Talente. Klar ist, dass so junge Spieler gerade in diesen Spielen Führung von den Erfahrenen brauchen. Alaba hatte gegen Frankfurt vor sich Thomas Müller und neben sich Holger Badstuber, die beide auch ihr erstes Jahr spielen. Da kann es natürlich zu Fehlern kommen.

bundesliga.de: In der heutigen Zeit wissen die Verantwortlichen so gut wie alles über den Gegner. Kann man trotzdem noch mit taktischen oder personellen Manövern überraschen?

Strunz: Man kann trotzdem mit der Spielausrichtung überraschen. Es gibt taktische Feinheiten, die man da nutzen kann. Im Viertelfinale der Champions League stehen allerdings bei jedem Gegner Spieler auf dem Platz, die so etwas dann sehr schnell erkennen und darauf reagieren. Kurzfristig kann es funktionieren, aber über 90 Minuten gleicht sich das aus.

bundesliga.de: Wie weit geht die Reise des FCB in der "Königsklasse"?

Strunz: Sie sind nicht der Favorit. Das sind für mich Manchester United und der FC Barcelona. Wenn es gelingt, die Engländer auszuschalten, begegnen die Bayern Barca erst im Endspiel. In K.o.-Spielen ist immer alles möglich.

Das Gespräch führte Andreas Messmer