Am 15. August fällt der Startschuss zur neuen Bundesliga-Saison. Für die Clubs geht es darum, möglichst schnell in Form zu kommen und die Weichen für eine erfolgreiche Saison zu stellen.

Im Interview mit bundesliga.de spricht der ehemalige Bundesligaprofi und Trainer Jürgen Röber darüber, wie wichtig ein guter Saisonbeginn ist und welche Aussichten seine Ex-Clubs Hertha BSC und Borussia Dortmund haben.

bundesliga: Wie wichtig ist es denn für einen Club, erfolgreich in die Saison zu starten?

Jürgen Röber: Gerade für die Mannschaften, die eventuell gegen den Abstieg spielen werden, ist es sehr wichtig, dass sie punktetechnisch gut anfangen. Bei einem Saisonziel zwischen 35 und 40 Punkten, um nicht abzusteigen, ist jedes Spiel von hoher Wichtigkeit. Wenn ein vermeintlicher Abstiegskandidat in den ersten fünf Spielen nur zwei Punkte holt, kommt schnell Kritik auf und dem Trainer weht gleich zu Beginn ein scharfer Wind entgegen. Entscheidend ist für solche Teams, gut in die Saison reinzukommen und gerade in der Anfangsphase einer Saison Punkte zu machen. Zumal die anderen Mannschaften auch ihre Zeit brauchen, um in Tritt zu kommen. Gerade in diesem Sommer muss man die Situationen der einzelnen Clubs individuell betrachten. Bei manchen Vereinen sind Leistungsträger aufgrund der EURO erst spät in die Vorbereitung eingestiegen, andere Clubs müssen wichtige Spieler für Olympia abstellen. Grundsätzlich ist es für alle Teams wichtig, zunächst ein Mal Sicherheit zu gewinnen.

bundesliga: Als langjähriger Trainer von Hertha BSC Berlin verfolgen Sie sicherlich noch genau das Geschehen beim Hauptstadtclub. Wie sehen Sie die Entwicklung der Hertha unter Trainer Lucien Favre?

Röber: Die vergangene Saison ist für die Berliner schlecht gelaufen. Da hatten sie vor der Spielzeit zahlreiche Zu- und Abgänge zu verzeichnen und fast eine komplette Mannschaft ausgetauscht. Teilweise konnten die Neuen die an sie geknüpften Erwartungen nicht erfüllen. Im zweiten Jahr ist nun das Ziel, die internationalen Plätze anzugreifen und daran werden sie gemessen. Dementsprechend wurde in die Mannschaft investiert. In der kommenden Spielzeit werden sich die Berliner nicht damit zufrieden geben, Zehnter oder Elfter werden zu wollen. Da herrscht in der Hauptstadt ein höheres Anspruchsdenken vor.

bundesliga.de: Steht Favre nach der durchwachsenen ersten Saison nun also unter Zugzwang?

Röber: Ganz klar. Und das weiß Favre auch. Das ist in Berlin einfach so. Wir haben es damals in die Champions League geschafft und sollten anschließend Meister werden (Saison 1998/99, Anm. d. Red.). Das war ganz weit hergeholt und geht in Berlin sehr schnell.

bundesliga.de: Was ist für die Hertha in der anstehenden Saison in der Bundesliga drin?

Röber: Wenn Berlin gut in die Saison startet, können sie durchaus weiter oben angreifen. Sie haben neben dem Brasilianer Kaka für die Defensive einige gute Leute verpflichtet und nun einen guten Stamm. In der vergangenen Saison haben sie mit Gilberto, Gimenez, den Boateng-Brüdern und Dejagah einfach zu viel Qualität abgegeben und zu wenig gute, neue Spieler geholt. Dieser Aderlass machte sich logischerweise bemerkbar. Dieses Jahr muss da schon etwas mehr kommen.

bundesliga.de: Mit welchen Clubs befinden sich die Berliner in der kommenden Spielzeit denn auf Augenhöhe?

Röber: Frankfurt könnte ein solcher Kandidat sein. Sie haben eine ordentliche Mannschaft und werden mit den Berlinern um die Plätze konkurrieren. Auch Dortmund und Hannover werden versuchen, sich weiter nach vorne schieben. Ebenso wird Wolfsburg wieder versuchen, oben anzugreifen. Mal sehen, wie sich Aufsteiger Hoffenheim in der Bundesliga zurecht finden wird und seine Möglichkeiten ausschöpft. Der Abstand zu den UI-Cup-Plätzen ist ähnlich klein wie nach unten. Das wird ziemlich eng für alle Teams in dieser Tabellenregion.

bundesliga.de: Hat Berlin auch schon die Qualität international für Furore zu sorgen?

Röber: Das muss man abwarten. Im UEFA-Cup ist die Konkurrenz sehr groß und es gibt viele Clubs, die sich auf Augenhöhe mit der Hertha befinden. Entscheidend wird sein, wie Favre mit seiner Philosophie in Berlin zurecht kommen wird.

bundesliga.de: Ein anderer Ex-Club von Ihnen befindet sich derzeit auch im Umbruch. In Dortmund hat sich mit Jürgen Klopp einiges getan. Wie bewerten Sie die Veränderungen beim BVB?

Röber: Ich hoffe für die Fans und auch für die Verantwortlichen des BVB, dass jetzt eine Mannschaft entsteht, die Feuer besitzt. Während meiner Zeit als Trainer in Dortmund war die Personaldecke einfach zu dünn. Auch mein Nachfolger Thomas Doll hatte mit diesem Problem zu kämpfen. Die damalige Mannschaft hatte einfach keine Qualität. Unter "Kloppo" sieht das schon anders aus. Mit Tamas Hajnal haben sie einen Super-Fußballer geholt. Petric kann hoffentlich an die Leistungen der vergangenen Spielzeit anknüpfen. "Kuba" kann über die rechte Seite viel Dampf machen. Wenn dann noch Dede aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, ist er einer der besten Linksverteidiger der Bundesliga. Mit Kovac haben sie einen erfahrenen Spieler im Defensivbereich. Wenn dann noch die Abstimmung mit Kehl und Tinga vor der Abwehr klappt, haben sie eine gute Truppe. Für Dortmund wäre es nach den vergangenen beiden Spielzeiten sehr gut, wenn sie positiv in die Saison starten. Bei einem guten Start kann sich schnell eine Eigendynamik entwickeln. Nach den Investitionen in diesem Sommer kann der BVB dann auch wieder in Richtung einstelliger Tabellenplatz schielen und vielleicht sogar die internationalen Ränge anvisieren.

bundesliga.de: In Ihrer Zeit beim BVB trainierten Sie unter anderem ja auch Sebastian Kehl, den neuen Kapitän der Borussia. Wie sehen Sie seine Entwicklung, schafft er es wieder in die DFB-Elf?

Röber: Wenn er wieder in die überragende Form kommt, die er bei der WM 2002 hatte, ist Kehl einer der stärksten Spieler auf seiner Position. Das wünsche ich ihm und dem Verein. Er ist ein ordentlicher Fußballer und hat ein gutes Kopfballspiel. Wenn er gesund ist, dann ist er sehr wichtig für die Mannschaft.

bundesliga.de Kann der BVB in absehbarer Zeit wieder ein Wörtchen mitreden bei der Titelvergabe?

Röber: Auf keinen Fall! Davon ist Dortmund weit entfernt. Sie konsolidieren sich allmählich und sind auf dem Weg der Besserung. Um dahin zu kommen, wo sich die Vereine mit Titelambitionen befinden, ist es noch ein ganz weiter Schritt. Wenn die Borussia wieder an das internationale Geschäft herankommt - so wie jetzt durch den 2. Platz im DFB-Pokal der Fall ist - und diese Leistungen auch im anstehenden Jahr bestätigen kann, dann ist man in Dortmund auch wieder zufrieden.

Das Gespräch führte Florian Bruchhäuser