Dortmund - Es war im Februar 2001, als Jürgen Klopp quasi über Nacht vom Spieler des 1. FSV Mainz 05 zum Trainer des Clubs wurde. Jürgen Kramny war als Mannschaftskollege und Freund hautnah dabei, als der heutige Meistertrainer seine ersten Schritte im neuen Job machte.

Im Gespräch mit bundesliga.de erinnert sich der heutige U-19-Trainer des VfB Stuttgart an die alten Zeiten mit Kumpel "Kloppo" und dessen Einstieg als Bundesligacoach. Jürgen Kramny erklärt, warum ihn die Berufung nicht überrascht hat, spricht über Besessenheit und Trainingsmethoden des Kulttrainers - und verrät, wann man wusste, dass der emotionale Trainervulkan kurz vor dem Ausbruch stand.

bundesliga.de: Jürgen Kramny, wie haben Sie damals den Moment erlebt, als Jürgen Klopp plötzlich in Mainz zum Trainer befördert worden ist?

Jürgen Kramny: Ich war damals tatsächlich hautnah dran, weil ich mit ihm auf einem Zimmer gelegen habe. Es gab einige Turbulenzen auch innerhalb der Mannschaft, wir hatten wieder verloren, Eckhard Krautzun stand als Trainer in der Kritik. "Kloppo" war damals verletzt - und plötzlich war er der Trainer. Dann haben wir uns über die Aufstellung Gedanken gemacht und über das nächste Training. Und dann haben wir die nächsten Spiele gewonnen.

bundesliga.de: Und aus der Übergangslösung Jürgen Klopp wurde eine Dauerlösung.

Kramny: Das stimmt, eigentlich war diese Trainerlösung mit "Kloppo" nur für zwei Spiele angedacht, mittwochs gegen Duisburg und am Wochenende gegen Chemnitz. Da war die Zeit zu kurz, extern einen anderen Trainer zu holen und "Kloppo" stand zur Verfügung, weil er ja verletzt war. Aber nach den Siegen hat der Verein entschieden, so weiterzumachen.

bundesliga.de: War die Berufung von Klopp für Sie eine Überraschung?

Kramny: Das ging Knall auf Fall, damit konnte niemand rechnen. Der Verein wollte in dieser Situation etwas versuchen und "Kloppo" hat sich bereit erklärt, das für eine kurze Zeit zu machen. Eigentlich wollte er damals noch weiter als Spieler aktiv sein. Aber das alles hat sich dann in eine andere Richtung entwickelt.

bundesliga.de: Was hat Jürgen Klopp damals prädestiniert, den Trainerjob zu übernehmen?

Kramny: Er hat schon als Spieler immer wie ein Trainer gedacht. Ich kann mich noch erinnern an die Zeit, als Wolfgang Frank als Trainer in Mainz tätig war, der viele Spieler sehr geprägt hat. Da gab es auch bei "Kloppo" schon immer mal Diskussionsbedarf und man hat gemerkt, dass er nicht nur seinen Job als Spieler machen wollte, sondern sich immer auch Gedanken gemacht hat, was man verändern und verbessern kann. Mir war damals schon klar, dass er mal einen Weg als Trainer einschlagen kann. Dass er so erfolgreich wird, das konnte man natürlich nicht planen.

bundesliga.de: Wie haben Sie ihn in seiner Anfangszeit als Trainer wahrgenommen?

Kramny: Für mich hat er sich nicht verändert. Natürlich war es eine andere Situation: Erst war er mein Zimmerkollege, plötzlich traf er die Entscheidungen - anfangs in extremer Nähe mit mir zusammen, später dann mit seinem Trainerteam. Man hat von Anfang an immer seine Besessenheit und seinen Erfolgshunger gespürt. Jahrelang ging es für Mainz immer gegen den Abstieg, aber unter "Kloppo" haben wir um den Aufstieg gespielt. Er ist in dieser Zeit immer voran gegangen und hat dafür gesorgt, dass wir die Dinge optimistisch angehen.

bundesliga.de: Extremer Ehrgeiz kann auch problematisch werden.

Kramny:(lacht) Wir wussten natürlich alle, wie emotional "Kloppo" ist. Und wir wussten auch, wenn der Fahrradschlauch an der Halsschlagader steht, dann kann's gefährlich werden. Aber er hat nie den Faden verloren, sondern immer versucht, die Jungs mitzureißen. Das ist ihm eigentlich immer gelungen. Die beiden Nichtaufstiege, als wir knapp gescheitert sind, haben zudem extrem verbunden. Wir hatten viele Spieler, die über Jahre hinweg zusammen waren. Da ist vieles zusammengewachsen und Vertrauen war ein wichtiges Kriterium.

bundesliga.de: Also war Jürgen Klopp tatsächlich der oft beschriebene Kumpeltyp?

Kramny: Das ergab sich damals schon allein aus der Konstellation, dass "Kloppo" vom Mitspieler zum Trainer wurde. Natürlich musste er dann auch Entscheidungen treffen, die weh getan haben. Aber er hat das immer auf eine Art gemacht, bei der sich niemand zurückgesetzt fühlte. Wir haben mit ihm noch den Klassenerhalt geschafft und ab dann um den Aufstieg gespielt. Es ist klar, dass eine Mannschaft dann auch dem Trainer vertraut. Und seinen Weg mitgeht.

bundesliga.de: Hat Klopp auch etwas getan, um in seiner neuen Rolle Distanz zu schaffen?

Kramny: Er hatte eine natürliche Autorität. Wir mussten nicht plötzlich "Sie" zu ihm sagen oder sonst irgendetwas. Er ist einfach authentisch geblieben und ist seinen Weg weiter gegangen. Natürlich hat er auch versucht, etwas mehr Abstand zur Mannschaft zu gewinnen. Aber letztlich ist "Kloppo" einer, der bei einem Sieg auch sofort wieder die Nähe sucht und die Jungs in den Arm nimmt. Er zeigt immer: Ich bin ein Teil von Euch und ich gehe den Weg mit Euch zusammen. "Kloppo" hat immer das Wir-Gefühl gestärkt. Und mit ihm konnte man über alles reden.

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