Köln - Ewald Lienen gehört zu den wenigen Persönlichkeiten, die sowohl bei den Fans von Borussia Mönchengladbach als auch denen des 1. FC Köln beliebt sind. Am Sonntag (ab 17:00 Uhr im Liveticker) treffen die beiden rheinischen Rivalen in Köln im Derby aufeinander (Sonderseite: Derbys in der Bundesliga).

In Mönchengladbach verbrachte Ewald Lienen über acht Jahre in zwei Etappen seine erfolgreichste Zeit als Spieler. 1979 gewann er mit der Borussia den UEFA-Cup. In Köln war er der erste Trainer, der den FC 2000 wieder zurück in die Bundesliga führte und zwischenzeitlich zur Kultfigur avancierte. Im Interview mit bundesliga.de spricht der 60-Jährige derzeit vereinslose Trainer über die Besonderheiten des Derbys und die Stärken beider Mannschaften.



bundesliga.de: Herr Lienen, Sie haben bei beiden rheinischen Rivalen Ihre Spuren hinterlassen und als Spieler und Trainer Erfolge feiern können. Wie sind Ihre Sympathien beim Derby 2014 verteilt?

Ewald Lienen: Ich bin niemand, der sich zu einem Verein besonders hingezogen fühlt, sondern jemand, der den Fußball liebt. Ich beobachte den Fußball sehr ausführlich und intensiv und nehme Entwicklungen wahr. Ich liebe es, wenn Vereine einen guten Fußball spielen und eine gute Entwicklung passiert. Das ist für mich entscheidend. Natürlich war ich bei beiden Vereinen. Jetzt lebe ich seit zehn Jahren in Mönchengladbach, wenn ich nicht gerade im Ausland unterwegs bin. Deshalb ist die Nähe zu Mönchengladbach wesentlich größer, weil ich da oft im Stadion bin. Öfter als in Köln.

"Köln hat den Turnaround geschafft"

bundesliga.de: Wie bewerten Sie die Entwicklung der Fohlen?

Lienen: Mönchengladbach hat in den letzten Jahren eine sehr gute Entwicklung genommen. Sie sind in der Bundesliga-Spitze angekommen. Auch durch die Kontinuität im Verein, durch die Arbeit von Lucien Favre und allen Verantwortlichen im Club. Auch spielerisch sieht das sehr gut aus, was dort angeboten wird. Als die Borussia noch Spieler wie Dante, Reus oder Neustädter hatte, war sie sogar ganz oben mit dabei. Aber solche Spieler kann man schwer halten. Der Club ist auf einem sehr guten Weg, auch im Nachwuchsbereich.

bundesliga.de: Und der 1. FC Köln?

Lienen: In Köln ist jetzt auch Ruhe und Kontinuität eingezogen. Ich habe damals als TV-Experte hautnah erlebt, wie sie vor zwei Jahren abgestiegen sind. Was fußballerisch und sportlich damals in Köln geboten wurde, war sehr bescheiden. Das war für eine Stadt wie Köln, einen Verein wie den FC mit diesem Stadion und diesen Anhängern fatal. Ich glaube, dass sie jetzt den Turnaround geschafft haben. Sie sind aufgestiegen, sie haben mit Peter Stöger den richtigen Trainer geholt, der zum Verein passt und mit der Großstadtatmosphäre, den großen Erwartungen und den Anforderungen zurecht kommt. Folgerichtig sind sie auch aufgestiegen. Ich denke, dass die Kölner eine ordentliche Rolle spielen können. Natürlich müssen sich die Spieler erst einmal an die Bundesliga gewöhnen. Aber sie sind auf einem guten Weg. Es würde mich sehr freuen für den Club, die Stadt und die Fans, die danach lechzen in der Bundesliga zu bleiben, wenn in Köln auch guter Fußball geboten wird.

bundesliga.de: Am Sonntag werden auch die verschiedenen Systeme der Vereine aufeinander treffen. Auf der einen Seite die defensivstarken Kölner (Video: Hinten sicher, vorne eiskalt), auf der anderen die Borussia mit ihrer Offensiv-Wucht. Ist es schon ein Spiel auf Augenhöhe?

Lienen: Es gibt einige Gesetzmäßigkeiten in der Bundesliga, die über alle Zeiten hinweg gelten unabhängig von Aufstellungen oder personellen Zusammensetzungen. Eine davon ist, dass Borussia Mönchengladbach beim 1. FC Köln immer gut ausgesehen hat. Das war schon zu meinen Zeiten so. Es war immer in Köln eine komische Atmosphäre. Eigentlich hat in Köln in der Vergangenheit niemand so richtig daran geglaubt, dass gegen Gladbach etwas zu holen wäre. Das hat man gespürt, wenn man im Stadion saß. So eine negative Energie, die sich nicht abschütteln lässt. Es wird schwer.

"Gladbach muss aufpassen"

bundesliga.de: Wie sehen Sie die Voraussetzungen in diesem Jahr?

Lienen: Ich denke, dass Köln etwas gefestigter als in den letzten Jahren dasteht. Das war beim Auswärtssieg in Stuttgart zu sehen. Sie stehen sehr gut in der Defensive und sind konterstark. Ich weiß nicht, ob sie so auch zuhause gegen Gladbach spielen werden. Ich denke, dass Gladbach aufpassen muss, dass sie sich nicht die Zähne ausbeißen am Kölner Abwehrriegel. Sie müssen auch auf die Konter aufpassen.

bundesliga.de: Die Kölner haben in den ersten Spielen vor allem ihrer starken Defensive vertraut. Wird das auf Dauer reichen, um in der Bundesliga zu bestehen?

Lienen: Es ist folgerichtig und logisch, dass man als Aufsteiger erst einmal in der Bundesliga ankommen muss und nicht das Ziel hat, jedes Spiel zu dominieren. Sie wollen hinten gut stehen. Das ist der richtige Ansatz. Wenn ich kein Gegentor bekomme, habe ich schon einmal einen Punkt. Auch wenn 50.000 Zuschauer im Stadion lieber Offensivfußball sehen wollen, wäre mir das als Trainer erst einmal egal. Gladbach hat eine sehr hohe Offensivqualität. Wenn sie in Führung gehen, dann wird es für den FC sehr schwer, weil die Borussia dann mit seinen Spielern wie Hahn, Johnson, Herrmann und Kruse oder Hrgota kontern kann. Es wird ein spannendes Spiel unter leicht anderen Vorzeichen als in der Vergangenheit. Einen Tipp wage ich nicht abzugeben.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski