Bremen - So hatten sich das alle Beteiligten des SV Werder Bremen vorgestellt. Am Ostersonntag gegen 17.20 Uhr feierte die Mannschaft vor der eigenen Nordkurve im Weserstadion mit den Fans. Auf einem Plakat, das die Spieler vor sich her trugen, stand es es grün auf schwarz geschrieben: DERBYSIEGER. Der 2:1-Erfolg gegen den Erzrivalen Hamburger SV ist das bisherige i-Tüpfelchen auf eine bärenstarke Rückrunde. Der Klassenerhalt der Bremer ist nur noch Formsache. Von mehr wollen die Bremer auch noch nichts wissen.

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Nach dem Schlusspfiff sangen die Werder-Fans in der Derbysieg-Euphorie schon vom "Europapokal". Übertrieben ist diese Erwartungshaltung der grün-weißen Anhänger nicht, denn die Werderaner haben einen unglaublichen Lauf. Seit neun Spielen ist das Team von Trainer Alexander Nouri ungeschlagen, sieben Partien davon gewannen die Bremer. Mit 23 Punkten ist Werder das zweitbeste Rückrunde-Team (zusammen mit Borussia Dortmund und der TSG 1899 Hoffenheim), nur der FC Bayern München hat mehr Zähler geholt (27). Mit Platz acht stehen die Hanseaten in der Tabelle so gut wie in der ganzen Saison noch nicht. Die Europa-League-Qualifikation "droht". "Die Fans dürfen gerne vom Europapokal singen, auch wir haben kurz mitgemacht. Man kann kurz mal ein, zwei Tage schielen, was da oben so los ist, aber wir bleiben vorsichtig. Unser Fokus liegt auf dem nächsten Spiel und der 40-Punkte-Marke", erklärte Offensivspieler Fin Bartels nach dem Spiel.

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Die ominöse 40-Punkte-Marke, die meistens zum Klassenerhalt reicht, hat der SVW noch nicht geschafft. Ein Punkt fehlt den Bremern. Deshalb sind die Grün-Weißen auch gewohnt zurückhaltend. "Die Fans dürfen den Tag genießen und träumen, wir behalten unsere Ziele im Auge. Wir haben weder die 40-Punkte-Marke geknackt, noch unser Saisonziel, den frühen Klassenerhalt, erreicht", hob Werders Sportchef Frank Baumann noch etwas beschwichtigend den Zeigefinger. Auch Stürmer Max Kruse, der derzeit in absoluter Top-Form spielt, wollte noch nicht in Euphorie verfallen. "Wir haben einen großen Schritt in Richtung Klassenerhalt gemacht, aber dieses Jahr wird man vermutlich so viele Punkte brauchen, wie nie zuvor. Wir konzentrieren uns als Mannschaft auf unsere Aufgaben, die Tabelle interessiert uns dabei nicht."

Demut statt großer Worte

Dass es von den Bremern trotz der langen Erfolgsserie keine markigen Sprüche gibt, kommt nicht von ungefähr. Denn die Grün-Weißen wissen, wie schnell es auch wieder in die andere Richtung gehen kann. Zu Jahresbeginn starteten die Bremer mit vier Niederlagen am Stück und blieben ruhig. "Schon die letzten Spiele vor der Winterpause waren gut. Auch bei den vier Niederlage zum Jahresbeginn war die Leistung okay, nur die Resultate stimmten nicht. Trotzdem war eine kontinuierliche Entwicklung zu erkennen", erklärte Baumann und hielt am Trainerteam fest. "Zu Beginn der Saison hatten wir Probleme, weil viele Spieler nicht auf einem guten Fitnesslevel waren und Zeit benötigt haben. Jetzt haben wir uns selbst dafür belohnt, dass wir Ruhe bewahrt haben", freute sich Baumann.

Video: Kruse auf dem Weg zu alter Stärke

Die Bremer können mittlerweile sogar personelle Ausfälle adäquat kompensieren. Egal, ob Leistungsträger wie Serge Gnabry oder Thomas Delaney fehlen, die Mannschaft fängt die Ausfälle auf. Ein positives Beispiel ist Siegtorschütze Florian Kainz, der als Einwechselspieler noch einmal für neuen Offensivschwung sorgte. "Ich kann es gar nicht oft genug betonen, dass der Zusammenhalt der Mannschaft einfach unglaublich ist. Und jetzt haben wir auch noch die individuelle Klasse auf der Bank", erläutert Kapitän Zlatko Junuzovic. Auch Bartels unterstreicht das tolle Zusammengehörigkeitsgefühl der Bremer. "Nach den letzten, positiven Resultaten können wir auch Rückstände wegstecken. Es war gegen den HSV eine geschlossene Mannschaftsleistung. Jeder trägt seinen Teil zum Erfolg bei. Das ganze Mannschaftgefüge passt, das macht uns so erfolgreich."

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Am kommenden Wochenende wollen die Bremer in Ingolstadt dann aber den Klassenerhalt endgültig unter Dach und Fach bringen. Trotz des Riesenlaufes bleiben die Spieler bescheiden. "Wir können mit breiter Brust nach Ingolstadt fahren, die noch einmal die letzte Chance haben, heranzurücken. Wir wissen, was auf uns zukommt und wollen den Klassenerhalt perfekt machen. Es hat in den letzten Wochen gut funktioniert, nur von Spiel zu Spiel zu denken. Wenn wir 40 Punkte haben, können wir über etwas anderes reden," so Kruse norddeutsch nüchtern. Zur Belohnung nach dem Derbysieg gab es vom Trainer übrigens zwei freie Tage. Erst am Mittwoch bittet Nouri seine Mannschaft wieder auf den Trainingsplatz.

Aus Bremen berichtet Alexander Barklage