Köln - Zum 63. Mal stehen sich am Samstag Bayer 04 Leverkusen und Borussia Mönchengladbach im rheinischen Derby gegenüber (ab 15 Uhr im Live-Ticker). 22 Mal gewann bislang die "Werkself", 15 Mal der Gast vom Niederrhein. Jürgen Gelsdorf trainierte zwischen 1988 und 1993 beide Vereine. Mit Leverkusen packte er die Europacup-Qualifikation, mit der Borussia stand er im Pokalfinale.

Nach weiteren Trainerstationen u.a. beim VfL Bochum und Fortuna Düsseldorf kehrte Jürgen Gelsdorf, der auch knapp 300 Spiele für Bayer 04 bestritt, zurück nach Leverkusen. Seit Oktober 2005 ist er im Nachwuchsbereich des Vereins tätig, Gelsdorf ist Leiter des Leverkusener Leistungszentrums. Gelsdorf hat mit bundesliga.de über das Nachbarschaftsduell gesprochen.

bundesliga.de: Herr Gelsdorf, Sie haben beide Kontrahenten des rheinischen Derbys früher einmal trainiert. Welche Erinnerungen verbinden Sie mit dem Duell?

Jürgen Gelsdorf: Solche Spiele sind immer emotionsgeladen. Ich persönlich habe ein Spiel besonders in Erinnerung. Das war das Halbfinale im DFB-Pokal im Jahr 1992, als ich mit Gladbach gegen Leverkusen antreten musste. Nach unserem Sieg im Elfmeterschießen haben wir das Finale erreicht. Der jetzige Torwarttrainer der Borussia, Uwe Kamps, hat damals alle vier Elfmeter der Leverkusener gehalten. Das war ein ganz besonderes Spiel. Auch sonst waren die Spiele immer interessant, meistens sind auch viele Tore gefallen.

bundesliga.de: Welchen Stellenwert hat das Derby bei den beiden Vereinen? Ist es eher das "kleine" Derby, weil die Spiele gegen den 1. FC Köln einen höheren Stellenwert haben?

Gelsdorf: Ja, das denke ich schon. Auch bei den Fans der "Werkself" ist das Derby Nummer 1 wohl das gegen den FC. Dann kommen die Nummern 2 und 3 gegen Mönchengladbach und Düsseldorf. Das können die Fans zwar besser beurteilen, aber ich denke schon, dass die Reihenfolge so aussieht. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass das Spiel am Samstag für beide Seiten schon ein besonderes ist.

bundesliga.de: Leverkusen ist so etwas wie der Angstgegner der "Fohlenelf". In Mönchengladbach hat Bayer 04 seit über 20 Jahren nicht mehr verloren. Wie ist so etwas zu erklären?

Gelsdorf: Das ist in der Tat merkwürdig. Ich kenne das auch aus eigener Erfahrung. Als ich damals Trainer der Borussia war, sind wir in einer schlechten Phase nach Köln gefahren. Mein damaliger Co-Trainer Bernd Krauss hat nur zu mir gesagt: "Mach Dir keine Sorgen, da spielen wir immer gut." So ist es dann auch gekommen, obwohl die Kölner Mannschaft deutlich besser besetzt war als unsere. Das ist ja das Schöne am Fußball, dass man nicht alles erklären kann.

bundesliga.de: Wie schätzen Sie die aktuelle Lage ein? Ist es ein Duell auf Augenhöhe, oder ist Leverkusen einen Tick besser?

Gelsdorf: Ich hoffe, dass wir einen Tick besser sind. In der vergangenen Saison war es so, als wir sehr souverän hinter den beiden Champions-League-Finalisten eingelaufen sind. Das war eine außergewöhnliche Leistung. Die Borussia musste den Verlust von drei wichtigen Spielern verkraften und neue Spieler einbauen. Die kommen jetzt langsam. Es ist interessant zu sehen, wie gut sich unser Christoph Kramer (der von Leverkusen an die Borussia ausgeliehen ist, die Red.) dort macht. Das ist ganz toll, darüber freuen wir uns. Er sollte aber am Samstag nach Möglichkeit nur durchschnittlich spielen. (lacht)

bundesliga.de: Wie beurteilen Sie die bisher gezeigten Leistungen beider Teams in dieser Saison?

Gelsdorf: Unsere Mannschaft ist sehr kritisch mit dem Saisonstart umgegangen. Das fand ich wohltuend. Der erste Gegner Freiburg hatte schon seine Schwierigkeiten, und in Stuttgart waren wir nicht gut über die komplette Spielzeit. Wir sehen das schon realistisch. Aber wir haben jetzt sechs Punkte. Und Borussia Mönchengladbach hat auch das geschafft, was sie erreichen sollten. Sie hatten Pech, in der 1. Runde des Pokals im Elfmeterschießen auszuscheiden. Allerdings sind die drei Punkte nach zwei Spielen, die sie jetzt haben, sicherlich ihr Ziel gewesen. Man darf nicht vergessen - sie haben zum Saisonauftakt gegen die Bayern gespielt.

bundesliga.de: Im Leverkusener Angriff hat sich einiges getan. Andre Schürrle hat den Verein verlassen, Heung Min Son vom HSV kam dazu. Ist die Offensive jetzt schwerer auszurechnen? Ist sie mit Stefan Kießling, Sidney Sam und Son das Prunkstück der Mannschaft?

Gelsdorf: Unser Prunkstück war schon in der letzten Saison unsere 100-prozentige Disziplin und die Ordnung auf dem Platz. Dann sehen die Abwehrspieler besser aus, die Angreifer kommen besser in Abschlusssituationen. Über Stefan Kießling brauchen wir kein Wort mehr zu verlieren. Er ist das Gesicht der Mannschaft und ein großartiger Typ. Andre Schürrle wurde wohl aus gutem Grund von Chelsea geholt. Da haben wir schon an Qualität verloren. Aber die Ansätze, die Son gezeigt hat, lassen hoffen, dass er ihn ersetzen kann. Das wird man sehen. Man sollte den Jungen auch nicht verrückt machen und ihm die Gelegenheit geben, sich zurechtzufinden.

bundesliga.de: Und Sidney Sam?

Gelsdorf: Er hatte in der vergangenen Saison viel mit seiner Form zu kämpfen gehabt, auch wegen Verletzungen. Jetzt ist er Vater geworden. Er war in der Vorbereitung mit der beste Spieler. Das zeigt er auch. Er hat sicher auch einen Schub durch die Amerika-Reise mit der Nationalmannschaft bekommen.

bundesliga.de: Dort hat auch der Neu-Borusse Max Kruse auf sich aufmerksam gemacht.

Gelsdorf: Er ist auch ein sehr guter Spieler. Ich kann da meinem ehemaligen Spieler Max Eberl (dem heutigen Sportdirektor der Borussia, die Red.) nur gratulieren, mit welchem guten Auge er die Mannschaft wieder verstärkt hat.

bundesliga.de: Abschließende Frage: Was für ein Derby erwarten Sie am Samstag? Wird es wieder einen Tag der offenen Tür geben?

Gelsdorf: Ich bin davon überzeugt, dass Tore fallen werden. Ich hoffe auf eine tolle Stimmung im Stadion. Die Gladbacher Freunde mögen es mir verzeihen. Aber die Punkte sollten hier bleiben. In den letzten drei Heimspielen haben wir sie nicht mehr geschlagen. Es wird mal wieder Zeit. Ich tippe auf ein 2:1.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski