München - Sechs Spieltage sind erst vorüber, doch in der Bundesliga geht es schon wieder hoch her. Der FC Bayern München steht an erster Stelle, Meister Borussia Dortmund schwächelt und der Hamburger SV hat Trainer Michael Oenning bereits entlassen.

Im exklusiven Interview mit bundesliga.de bewertet Thomas Berthold, Weltmeister von 1990, die Lage der Bundesliga.

bundesliga.de: Herr Berthold, der FC Bayern thront nach sechs Spieltagen an der Tabellenspitze. Hätten Sie das nach dem etwas holprigen Saisonstart mit der überraschenden 0:1-Auftaktniederlage gegen Borussia Mönchengladbach erwartet?

Thomas Berthold: Vor Saisonbeginn hatte ich erwartet, dass Bayern und Borussia Dortmund sich auf jeden Fall an der Spitze tummeln. Dass die beiden nach dem sechsten Spieltag nun schon acht Punkte auseinanderliegen, hätte ich, ganz ehrlich, nicht gedacht. Mir war auch klar, dass die Bayern unter Jupp Heynckes kompakter stehen und das Hauptaugenmerk, gerade bei Ballverlust, auf die Defensive legen werden. Das machen sie auch. Selbst ein Franck Ribery läuft bei einem Ballverlust nun mit zurück.

bundesliga.de: Befürchten sie einen Alleingang der Heynckes-Elf?

Berthold: Ich dachte, Dortmund wäre in dieser Saison der Hauptkonkurrent Nummer eins für den FC Bayern. Doch die müssen nun aufpassen, dass sich der Abstand zur Spitze nicht weiter vergrößert. Und Leverkusen, dase ich auch noch im Hinterkopf für die Deutsche Meisterschaft hatte, scheint überraschenderweise ebenfalls größere Probleme zu haben. Für mich ist es auch eine Überraschung, dass Werder Bremen einen so guten Saisonstart erwischt hat. Allerdings glaube ich nicht, dass Bremen den Bayern auf lange Sicht Paroli bieten kann. Es kann wirklich passieren, dass die Münchner frühzeitig auf und davon ziehen. Wenn sie weiter so kompakt stehen und weiter nur so wenige Torchancen zulassen, dann wird es schwer, sie zu stoppen.

bundesliga.de: Sie sagten es bereits, der BVB liegt schon acht Punkte hinter den Bayern. Was sind Ihrer Ansicht nach die Gründe für den schwachen Saisonstart?

Berthold: Ein Grund ist mit Sicherheit, dass ein Schlüsselspieler wie Lucas Barrios verletzungsbedingt bisher noch gar nicht spielen konnte. Auch Neven Subotic ist zwischenzeitlich ausgefallen. In der Breite des Kaders ist die Qualität nicht so vorhanden wie bei Bayern München. Zudem spielt der BVB in dieser Saison in der Champions League, die auch in den Köpfen eine Rolle spielt. Mir ist zudem aufgefallen, dass das Defensivverhalten nicht so konsequent ist wie noch in der vergangenen Spielzeit.

bundesliga.de: Inwiefern?

Berthold: Nun, in der vergangenen Spielzeit hat man gesehen, wie bei einem eigenem Ballverlust aktiv der Gegenspieler bearbeitet worden ist. Jetzt hat die Mannschaft eher die Tendenz, sich fallen zu lassen, die Abstände werden größer und die Konzentration lässt auch teilweise nach wie zum Beispiel bei den Gegentoren gegen Hertha BSC und zuletzt gegen Hannover 96, die beide nach Eckbällen fielen. Das summiert sich dann - da etwas weniger und dort etwas weniger. Die Dortmunder müssen wissen, dass sie an ihre Grenzen gehen müssen. Wenn ein paar Prozent fehlen, dann können sie die Leistungen aus dem Vorjahr, an denen wir uns alle erfreut haben, nicht in der Form abrufen. Und dann werden sie auch in der Bundesliga Probleme kriegen.

bundesliga.de: Sie haben schon lobend die Defensivarbeit der Bayern erwähnt. Das hörte sich bei Ihnen vor einigen Wochen noch ganz anders an. Da kritisierten Sie die Einkaufspolitik des Rekordmeisters und vor allem die Verteidiger Rafinha und Jerome Boateng. Sie sagten, in der Mitte sei Bayern angreifbar. Bisher kassierten die Münchner aber erst ein einziges Gegentor, in den letzten achten Pflichtspielen stand hinten sogar immer die Null - das ist ein neuer Vereinsrekord. Müssen sie ihre Meinung diesbezüglich also ändern?

Berthold: Der Anspruch des FC Bayern, das habe ich ich dem Uli Hoeneß bei einem Treffen letztens auch gesagt, kann doch nicht sein, dass man sagt: "Was wollt ihr denn ihr ganzen Kritiker, wir werden doch laufend Deutscher Meister!" Der Anspruch muss doch sein, den Abstand zu den internationalen Top-Vereinen wie Barcelona und Real Madrid zu verringern. Und da stehe ich auch weiterhin zu meiner Meinung und das wird sich noch in der Champions League zeigen, wenn da andere Kaliber kommen. Man hat mit Jerome Boateng einen Spieler geholt, der über einen längeren Zeitraum noch nicht nachgewiesen hat, dass er ein Innenverteidiger auf Champions-League-Niveau ist. Und Rafinha hat seine Stärken nicht in der Defensive, sondern eindeutig in der Offensive. Das hat er bei Schalke und in Italien beim FC Genua unter Beweis gestellt. Wenn man eine Mannschaft mit so stark offensiv ausgerichteten Außen wie Franck Ribery und Arjen Robben hat, dann braucht man einen Außenverteidiger, der seine Stärken in der Defensive hat. Wenn gute Mannschaften kommen, die das ausnutzen, dann kann man Bayern durchaus vor erheblichen Problemen stellen.

bundesliga.de: Sie sagten auch, bei Boateng werde sich zeigen, ob er als Typ und von seiner Struktur als Innenverteidiger geeignet sei. Ist er es?

Berthold: Ich habe ihn letztes Jahr bei der Weltmeisterschaft in Südafrika gesehen. Da hat er gegen Serbien auf der linken Außenbahn und seine Probleme gehabt. In Eins-gegen-Eins-Situationen gegen schnelle, wendige Stürmer hat er aufgrund seines Körperbaus seine Probleme. Ich weiß daher nicht, ob die Innenverteidiger-Position die richtige für ihn ist. Wenn der Stürmer dann an ihm vorbei geht, steht er zumeist alleine vor dem Tor. Vielleicht ist er vom Typ her doch eher ein "Sechser", weil er groß, kopfball- und laufstark ist. So einer wie einst Patrick Viera. Wenn im defensiven Mittelfeld dort mal einer an ihm vorbeikommt, ist es auch nicht ganz so schlimm.

bundesliga.de: Ihr zweiter Ex-Verein, VfB Suttgart, ist nach der schwachen vergangenen Saison dagegen gut aus den Startlöchern gekommen, hat bereits zehn Zähler auf dem Konto. Was ist anders als in der vergangenen Saison?

Berthold: Ich denke, dass da viele Faktoren zusammen kommen wie Verletzungspech, Formschwankungen, etc. In einer Saison, in der es nicht so gut läuft, nimmt man natürlich bewusst mehr negative Dinge wahr, als wenn es gut läuft. Diese versucht man natürlich in der neuen Spielzeit zu vermeiden, weil man nicht wieder eine so schlechte Saison spielen will. Die Mannschaft ist nun viel engagierter, bei eigenem Ballverlust zurückzulaufen und offensiv zu verteidigen. Das haben sie bisher gut gemacht und deshalb stehen sie momentan so gut da.

bundesliga.de: Wo werden die Schwaben Ihrer Meinung nach am Saisonende landen?

Berthold: Ich weiß nicht, ob es reicht für die ersten fünf, sechs Plätze. Ich sehe sie im oberen Mittelfeld. Ein Vorteil könnte allerdings sein, dass sie international nicht ran müssen. Nur wenn wirklich alles passt, dann ist die Europa League drin.

bundesliga.de: Am kommenden Freitag empfangen die Stuttgarter den Hamburger SV. Der Bundesliga-Dino ziert momentan das Tabellen-Ende und hat sich unter der Woche von Trainer Michael Oenning getrennt. War es die richtige Entscheidung?

Berthold: Ich glaube schon. Wenn man saisonübergreifend 13 Spiele in Folge nicht gewinnt und einen solchen Negativ-Lauf hat, dann setzt sich das im Unterbewusstsein der Spieler einfach fest. Das ist im Sport so. Vielleicht hat Sportdirektor Frank Arnesen die Situation auch ein bisschen unterschätzt.

bundesliga.de: Wie meinen Sie das?

Berthold: Nun, er hat viele junge Spieler vom FC Chelsea geholt, die aber nicht in der Premier League zum Einsatz kamen. Da weiß man nicht, ob die schon soweit sind, um in der Bundesliga zu bestehen. Die zweiten Mannschaften der englischen Premier League spiele eine eigene Reserverunde, doch ob sie da jetzt gewinnen oder verlieren ist dort ja jetzt nicht so ein großes Druck-Thema wie bei einem Bundesligisten, der jede Woche unter Druck steht, ein gutes Ergebnis zu erzielen.

bundesliga.de: Kommt der HSV da unten noch raus?

Berthold: Eines ist ganz klar - für den HSV geht es in diesem Jahr nur um den Klassenerhalt. Die entscheidende Frage ist nun, wer der neue Trainer wird und wie schnell dieser dann einen Draht zu der Mannschaft sowie eine taktische Lösung findet. Die Mannschaft bekommt viel zu viele Gegentore, da muss eine gewisse Kompaktheit rein. Und im Spiel nach vorne fehlt einfach die Kreativität und Inspiration. Mladen Petric ist ein typischer Strafraumstürmer, der die Bälle braucht, um seine Stärken auszuspielen. Wenn er die nicht kriegt, dann verhungert der da vorne drin. Das Gute für den HSV ist, dass noch 28 Spiele zu gehen sind und noch viele Punkte zu vergeben sind.

Das Gespräch führte Robin Schmidt