Für vier Bundesliga-Vereine hat er 436 Spiele absolviert, drei Clubs der Eliteliga hat er trainiert. Michael Frontzeck kennt sich bestens aus in der Bundesliga. Im exklusiven Interview mit bundesliga.de spricht der 47-jährige ehemalige Coach von Borussia Mönchengladbach über seine Prognosen für die kommende Spielzeit.

bundesliga.de: Herr Frontzeck, der Start in die 49. Bundesliga-Saison steht unmittelbar bevor. Worauf sind Sie besonders gespannt?

Michael Frontzeck: Wie alle Fußballfreunde in diesem Land freue auch ich mich darauf, dass die Pause nun zu Ende geht und die Bundesliga wieder los geht. Ich hoffe, es wird eine spannende Saison. Die letzte Saison war ja sehr turbulent, es hat sich innerhalb der Liga sehr viel verschoben. Mannschaften, die sonst in der unteren Tabellenhälfte angesiedelt waren, haben eine überragende Saison gespielt. Ich denke da an Hannover 96, Mainz 05, den 1. FC Nürnberg, Kaiserslautern oder den SC Freiburg. Das sind fünf Überraschungsteams in der oberen Tabellenhälfte. Auf der anderen Seite sind einige Spitzenmannschaften unten reingerutscht. Ich bin gespannt, ob sich das in der neuen Saison wieder relativieren wird.

bundesliga.de: Borussia Dortmund wurde souverän Deutscher Meister. Kann der Verein diesen Coup wiederholen?

Frontzeck: Der BVB hat ja nicht nur in der letzten Saison hervorragend gearbeitet. Da bilden Joachim Watzke, Michael Zorc und Jürgen Klopp zusammen mit der Mannschaft und dem fantastischen Publikum seit einigen Jahren eine wirkliche Einheit. Da hat sich etwas entwickelt. Die Deutsche Meisterschaft kam zwar überraschend, war aber völlig verdient. Jetzt wird man sehen, wie die Truppe mit der Doppelbelastung umgeht. Aber die Mannschaft hat in der vergangenen Saison viele Erfahrungen gesammelt und ist insgesamt ein Jahr weiter. Ich bin überzeugt davon, dass die Borussia eine gute Rolle spielen wird.

bundesliga.de: Auch Bayer Leverkusen wird hoch gehandelt, hat sich aber bereits im Pokal gegen einen Zweitligisten aus dem Wettbewerb verabschiedet. Wird Bayer überschätzt?

Frontzeck: Nein, auch Bayer Leverkusen zählt für mich zu den Favoriten. So bitter das Pokal-Aus auch ist, man sollte das nicht überbewerten. Das ist nicht wegweisend. Leverkusen verfügt über eine hervorragend besetzte Mannschaft, die schon im letzten Jahr Zweiter geworden ist und eine große fußballerische Qualität besitzt. Und mit Robin Dutt hat sie einen Trainer bekommen, der in Freiburg nach der langen Finke-Ära über viele Jahre einen tollen Job gemacht hat.

bundesliga.de: Eine unglückliche Figur gab Michael Ballack in Dresden ab, der beim Stand von 3:0 für Bayer eingewechselt wird. Bayer verlor 3:4. Können Sie die Kritik nachvollziehen?

Frontzeck: Nein, ich verstehe die Diskussionen um Michael Ballack nicht. Da werden sich die handelnden Personen auch nicht von außen beeinflussen lassen. Wenn er fit ist, ist er ein sehr guter Spieler.

bundesliga.de: Vor zwei Jahren waren Sie in ähnlichen Situation, als Sie einen verdienten Spieler wie Oliver Neuville ausgemustert haben. Lässt sich das mit der Situation von Ballack vergleichen?

Frontzeck: Nein. Ballacks Situation ist nicht vergleichbar mit der von Oliver Neuville vor knapp zwei Jahren. Ich habe mich damals mit ihm zusammengesetzt und ihm meinen Standpunkt erklärt. Er hat gut reagiert, im Training immer mitgezogen und dann auch einen wunderbaren Abschied im letzten Spiel gegen Leverkusen bekommen.

bundesliga.de: Die Borussia muss zum Saisonstart nun nach München. Ein ziemlicher Brocken auf Auftakt.

Frontzeck: Das ist kein einfaches Spiel. Aber sicherlich ist es jetzt günstiger in München zu spielen, als wenn die Bayern-Truppe einmal ins Laufen gekommen ist. Trotzdem bleibt der FC Bayern der große Favorit, selbst in ihren "Wundertagen" hat die Borussia in München nicht viel geholt. Aber die Borussia ist vor einem Jahr Zwölfter geworden, hat in der vergangenen Rückrunde 26 Punkte geholt. Das spricht für die Qualität der Mannschaft, die selbstbewusst auftreten kann.

bundesliga.de: Sind die Bayern der große Titelfavorit?

Frontzeck: In den letzten 30 Jahren waren die Bayern doch fast immer der Titelfavorit Nummer 1, abgesehen vielleicht von kurzen Phasen, in denen auch Köln oder Mönchengladbach in den siebziger Jahren, der HSV in den Achtzigern oder Borussia Dortmund in den Neunzigern mithalten konnten. Sie haben sich wieder personell sehr gut verstärkt. Sie haben mit Jupp Heynckes einen Trainer verpflichtet, der die Bundesliga aus dem Effeff kennt und zuletzt in Leverkusen einen fantastischen Job erledigt hat. Es wird schwer werden, die Bayern zu bremsen. Aber auch Borussia Dortmund wird sich nicht auf den Rücken legen und den Titel kampflos hergeben. Auch Leverkusen gehört zu den Titelfavoriten, und dazu kommt sicherlich wieder eine Überraschungsmannschaft.

bundesliga.de: Wer könnte in diesem Jahr überraschen?

Frontzeck: Das weiß ich nicht. Aber ich bin gespannt auf Werder Bremen, darauf, wie die Mannschaft das schlechte Jahr wegsteckt. Auch ein Verein wie Werder Bremen konnte es nicht verkraften, dass ein Naldo das ganze Jahr ausfiel und ein Pizarro oft fehlte.

bundesliga.de: Der 1. FC Köln hat mit Stale Solbakken einen norwegischen Trainer verpflichtet. Wie bewerten Sie das?

Frontzeck: In Kopenhagen hat er erfolgreich gearbeitet. Und Volker Finke und der 1. FC Köln werden sich bei seiner Verpflichtung etwas gedacht haben. In Köln findet er aber kein einfaches Umfeld vor. Seine Entscheidung, Lukas Podolski als Kapitän abzusetzen, finde ich übrigens grundsätzlich nicht verkehrt. Ich kenne Lukas nicht persönlich, aber aus der Distanz heraus betrachtet finde ich auch, dass er zu viel an Last auf seinen Schultern zu tragen hat. Wenn er das alles etwas sacken lässt, ist es eher ein Vorteil für ihn, wenn der Fokus nicht allein auf ihn gerichtet ist.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski