München - Elf Spieltage verbleiben in der Bundesliga, die Entscheidungen rücken näher. Während ein Quartett an der Spitze vorne weg marschiert, muss sich beinahe die halbe Liga mit dem Abstiegskampf auseinandersetzen.

Nach ihren Siegen können der 1. FC Nürnberg und der 1.FSV Mainz 05 erst einmal durchatmen, für Tabellenschlusslicht SC Freiburg, den 1. FC Kaiserslautern und die "Alte Dame" aus Berlin spitzt sich die Situation im Tabellenkeller langsam aber sicher zu.

Einer, der das Thema Abstiegskampf in der Bundesliga sehr gut kennt, ist Michael Frontzeck. Der 47-Jährige war selbst als Trainer von Borussia Mönchengladbach, Arminia Bielefeld und Alemannia Aachen mitten drin im Geschehen. Bei bundesliga.de spricht der gebürtige Gladbacher über Herthas neuen "König" Otto Rehhagel, die Belastung als Trainer eines Abstiegskandidaten und die Qualitäten, die man als Spieler mitbringen muss, um im Tabellenkeller zu bestehen.

bundesliga.de: Herr Frontzeck, was machen Sie gerade? Steigen Sie bald wieder ins Bundesliga-Trainergeschäft ein?

Michael Frontzeck: Ich bin viel unterwegs und schaue mir sehr viele Spiele an. Was die Bundesliga und die 2. Bundesliga angeht, bin ich auf dem Laufenden. Des Öfteren reise ich auch ins Ausland. Ich mache Dinge, für die ich in den letzten 30 Jahren keine Zeit hatte. Das tut mir gut. Ins Trainergeschäft hätte ich schon wieder einsteigen können, aber man muss auch mal warten, bis das richtige Angebot kommt. Ich werde sicherlich irgendwann wieder als Trainer mit Ihnen sprechen.

bundesliga.de: Sie haben sicher den aktuellen Spieltag verfolgt. Welche Mannschaft ist für Sie der Gewinner im Abstiegskampf, welche der Verlierer?

Frontzeck: Es gibt natürlich Erlebnisse, die viel Auftrieb geben. Gerade wenn man den FC Augsburg sieht, der einen direkten Mitkonkurrenten geschlagen hat. Trotzdem haben alle Mannschaften, die unten stehen, noch eine realistische Chance auf den Klassenerhalt. Es wird aber ein Hauen und Stechen geben, das ist keine Frage.

bundesliga.de: Hertha BSC hat alle sechs Spiele im neuen Jahr verloren, die Mannschaft ist verunsichert. Otto Rehhagels Einstand ist misslungen. Was kann ein Trainer mit seiner Erfahrung dort bewirken?

Frontzeck: In erster Linie ist Otto Rehhagel nicht verpflichtet worden, um das erste Spiel zu gewinnen, sondern um die Klasse zu halten. Die Mannschaft durchläuft im Moment ein Tief, unabhängig vom Trainer. Es ist wichtig, so viel wie möglich von den Spielern wegzuhalten. Und da ist ein Trainer wie Otto, der wirklich Außergewöhnliches geleistet hat, in einer Medienstadt wie Berlin zu diesem Zeitpunkt genau der richtige.

bundesliga.de: Halten Sie es für sinnvoll, kurz vor Saisonschluss den Trainer zu wechseln? Können die sogenannten Feuerwehrmänner überhaupt etwas bewirken?

Frontzeck: Das muss man von Fall zu Fall sehen. Ich maße mir nicht an, aus der Distanz irgendein Urteil über einen Club zu fällen. Das kann gut gehen, das kann auch in die Hose gehen. Grundsätzlich sind die Verantwortlichen bemüht, Kontinuität in die Vereine zu bringen. Es gibt aber auch Fälle, bei denen ein Club gezwungen ist, zu handeln.

bundesliga.de: Wie hoch ist die Belastung als Trainer eines abstiegsbedrohten Teams?

Frontzeck: Du musst dich reinbeißen und von der Kritik frei machen, die auf dich einprasselt. Einfach den Kopf immer oben halten und vorne weg gehen, auch wenn das sehr schwer ist. Ich kann mich in die Situation der Trainer hineinversetzen, die gerade um alles kämpfen, alles versuchen und jedes Spiel alle Kräfte mobilisieren.

bundesliga.de: Was muss ein Trainer mitbringen, um im Abstiegskampf erfolgreich zu sein?

Frontzeck: Erfahrung ist natürlich hilfreich. Hat man solche Situationen schon einmal durchlebt, kann man besser mit ihnen umgehen. Außerdem muss man Zugang zu den Spielern haben, so dass die Mannschaft dem Trainer folgt, egal was passiert.

bundesliga.de: Sie kennen beide Situationen. Mit Alemannia Aachen haben Sie den Klassenerhalt knapp verpasst (2007), mit Arminia Bielefeld am letzten Spieltag geschafft (2008). Wo liegen die Unterschiede? Warum klappt es das eine Mal und dann wieder nicht?

Frontzeck: Ganz entscheidend ist, dass man sich als Einheit präsentiert. Damit meine ich nicht nur die Mannschaft, sondern den ganzen Club zusammen mit den Zuschauern. Dann hat man eine große Chance, das Ziel zu erreichen.

bundesliga.de: Sind manche Spieler für den Abstiegskampf besser geeignet als andere? Welche Qualitäten sind entscheidend?

Frontzeck: Die Spieler müssen ihr Ego hinten anstellen und alles dafür tun, dass die Mannschaft funktioniert. Damit ist alles gesagt.

bundesliga.de: Wer steigt Ihrer Meinung nach direkt ab, wer landet auf dem Relegationsplatz?

Frontzeck: Da kann ich keine Prognose abgeben. Alle Mannschaften stehen sehr dicht beieinander. Ich wünsche keinem Club den Abstieg. Wenn ich alle Mannschaften durchgehe, bin ich mir sicher, dass Kleinigkeiten über den Ausgang entscheiden werden.

Das Gespräch führte David Schmidt