Leverkusen - Am Samstag kann Vizemeister Bayer Leverkusen schon mit einem Unentschieden gegen Hannover 96 die Tickets für die Europa League buchen. Damit hätten die Rheinländer zumindest ihr Minimalziel erreicht. Vor dem vorentscheidenden Spiel spricht Bayer-Legende Bernd Schneider im exklusiven Interview mit bundesliga.de über erfüllte und enttäusche Erwartungen der "Werkself".

bundesliga.de: Herr Schneider, wie beurteilen Sie die bisherige Saison Ihres ehemaligen Vereins Bayer Leverkusen?

Bernd Schneider: Vor der Saison wurde eigentlich das Erreichen eines Champions-League-Platzes als Saisonziel ausgegeben. Das ist nicht gelungen, aber das Minimalziel Qualifikation für die Europa League hat Bayer fast geschafft. Ich hoffe, dass sie sich den 5. Platz sichern und damit keine Qualifikationsspiele mehr bestreiten müssen. Gegen Hannover 96 und in Nürnberg traue ich Bayer sechs Punkte zu. Das könnte reichen, um den VfB Stuttgart noch zu überholen, den noch ein schweres Spiel in München erwartet. In acht von zehn Fällen verliert Stuttgart dort.

bundesliga.de: Warum konnte Bayer Leverkusen in diesem Jahr nicht an die Leistungen der Vorsaison anknüpfen?

Schneider: Ich glaube, das hängt von mehreren Faktoren ab. Ungewohnt war in diesem Jahr die Zusatzbelastung durch die Champions League. Der Trainer war neu. Dann hat die Mannschaft nicht so funktioniert und harmoniert wie im Vorjahr. Viele wichtige Spieler standen nicht zur Verfügung oder waren teilweise außer Form. Stefan Kießling hatte Probleme, Michael Ballack war verletzt, Rene Adler fiel die ganze Saison aus, Tranquilo Barnetta, Sidney Sam oder Renato Augusto fehlten lange Zeit. Das darf man bei der Ursachenforschung nicht vergessen. Dennoch wäre sicher mehr für Bayer drin gewesen, auch der 3. oder 4. Platz.

bundesliga.de: Wäre die Qualifikation für die Europa League dann das Happy End einer mittelprächtigen Saison?

Schneider: Ich denke ja. Immerhin wird sich Bayer für den internationalen Wettbewerb qualifizieren. Noch vor vier Wochen drohte ja Platz 8. Diese Gefahr wurde abgewendet. Das wäre auch katastrophal gewesen und dem Anspruch des Vereins überhaupt nicht gerecht geworden. Aber die Bundesliga ist so ausgeglichen, dass immer sechs bis acht Vereine um die internationalen Plätze kämpfen und meistens noch ein Überraschungsteam dazu kommt. Das war in diesem Jahr Borussia Mönchengladbach, das absolut verdient unter die ersten Vier kommen wird.

bundesliga.de: Wie fällt ansonsten Ihr Saisonfazit aus? Welche Mannschaften haben Sie positiv wie negativ überrascht?

Schneider: Die Borussia hat mich wie auch der SC Freiburg oder der FC Augsburg positiv überrascht. Dagegen sind Vereine wie der Hamburger SV oder der VfL Wolfsburg sicherlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben.

bundesliga.de: Ein Wort zum Deutschen Meister Borussia Dortmund. Hatten Sie dem BVB wieder eine so starke Saison zugetraut?

Schneider: Das hat mich schon etwas überrascht. Aber der BVB hat nach den Anfangsproblemen wieder souverän und absolut verdient den Titel geholt. Ich kann mich an kaum ein Spiel erinnern, dass die Dortmunder glücklich gewonnen haben. Dazu haben sie die beiden direkten Duelle gegen Bayern und Schalke gewonnen und auch gegen Gladbach vier Punkte geholt.

bundesliga.de: Sind die Dortmunder schon auf Augenhöhe mit dem FC Bayern?

Schneider: Nicht ganz. Der BVB ist immer noch ein Stück weit weg von den Bayern entfernt. Deren Klasse hat man vor allem international gesehen. Da fehlte der Borussia noch die Erfahrung. Die Bayern haben sich voll auf die Champions League konzentriert, weil sie unbedingt im eigenen Stadion den Pokal hochhalten wollen. Und den Einzug ins Finale haben sie ja schon einmal geschafft.

Das Gespräch führte Tobias Gonscherowski