Dortmund - Zum Auftakt in der Champions League erlebte der BVB gegen Arsenal London beim 1:1 eine Gefühlsachterbahn: Tolles Spiel, Fehler zum Gegentor, später Ausgleich. Kapitän Sebastian Kehl, der den entscheidenden Fehlpass vor dem Gegentor spielte, zog nach der Partie trotzdem ein versöhnliches Fazit.

Frage: Herr Kehl, was überwiegt nach diesem Spiel? Der Ärger über den verpassten Sieg oder die Freude, sich spät noch mit einem Punkt belohnt zu haben?

Sebastian Kehl: Es ist eine Mischung aus beidem. Natürlich freuen wir uns über den Punkt, aber in der Mannschaft war auch eine gewisse Enttäuschung zu spüren. Wir wissen, dass wir in so einem Spiel gegen Arsenal die Chance hätten nutzen können, drei Punkte zu holen. Drin war ein Sieg auf jeden Fall. Wir hatten deutlich mehr Torchancen als der Gegner. Unverdient wäre ein Erfolg sicher nicht gewesen.

Frage: Für Sie persönlich war es sicher auch etwas Besonderes, die Mannschaft als Kapitän aufs Feld zu führen?

Kehl: Nach so vielen Jahren wieder Champions League zu spielen, da herrschte auch bei mir persönlich eine riesige Vorfreude. Ich hatte nach meiner langen Verletzungszeit in den letzten Spielen nur Kurzeinsätze. Dann in so einer Partie von Beginn an aufzulaufen, war für mich eine tolle Sache und auch eine Belohung für die harte Arbeit der letzten Monate. Wäre mir der Fehler nicht passiert und wir hätten das Spiel gewonnen, wäre es ein perfekter Tag gewesen.

Frage: Sie haben Ihren Fehlpass angesprochen, der zum Gegentor führte.

Kehl: Der Fehler war natürlich nicht so prickelnd. Das war ein wirklich blödes Ding! Dadurch in Rückstand zu geraten und so lange diesem Rückstand hinterher laufen zu müssen, war eine ärgerliche Situation. In der Halbzeit saß ich in der Kabine und hätte mir am liebsten selbst in den Hintern gebissen. Aber so ist das im Fußball. Wir hatten selbst viele, viele Möglichkeiten zur eigenen Führung, auch schon vor dieser Situation. Und wir haben in der zweiten Halbzeit sehr viel Druck aufgebaut und Arsenal kaum zur Entfaltung kommen lassen. Den Ausgleich machen wir zwar spät, aber es war trotzdem mehr drin als nur ein Punkt.

Frage: Werden Fehler auf diesem internationalen Top-Niveau gnadenlos bestraft?

Kehl: So ein Fehler wird von Arsenal natürlich eiskalt ausgenutzt. Arsenal hatte vorher eigentlich keine echte Möglichkeit, aber das Tor machen sie dann. So ein Fehler darf mir nicht passieren, das ist ganz klar. Ich bin froh, dass die Mannschaft wenigstens noch den Ausgleich erzielt hat.

Frage: Haben Sie bis zum Ende daran geglaubt, dass dem BVB noch ein Tor gelingt?

Kehl: Ganz ehrlich: Ich habe wirklich noch daran geglaubt! Wir hatten immer wieder gute Möglichkeiten und haben Arsenal bis zum Ende unter Druck gesetzt. Wir waren drückend überlegen, während Arsenal in der Abwehr allmählich ins Schwimmen geraten ist. An das Unentschieden habe ich immer geglaubt. Nach unserem Treffer habe ich dann sogar noch auf etwas mehr gehofft, aber am Ende müssen wir mit dem einen Zäher zufrieden sein.

Frage: Der Schuss von Ivan Perisic zum Ausgleich konnte sich sehen lassen. Ist er so auf dem Weg in die Startelf?

Kehl: Wir haben in diesem Jahr eine sehr, sehr starke Bank. Egal, wer letztlich eingewechselt wird - er sorgt mächtig für Belebung. Ivan hat das zuletzt schon öfter unter Beweis gestellt. Wir kennen ja seine Qualitäten und wissen nicht erst seit heute, dass er wahnsinnig gut im Abschluss ist. Aber wir haben auch andere Spiele, die sich aufdrängen, und das ist gut so. Der Trainer wird das entscheiden.

Frage: War die Leistung gegen Arsenal auch die passende Antwort auf die Heimniederlage in der Bundesliga gegen Hertha BSC?

Kehl: Man hat eine deutliche Reaktion der Mannschaft gesehen. Der Wille war absolut da. Wir haben wenig zugelassen, sehr aggressiv gespielt, mit hoher Laufbereitschaft. Das sah schon viel besser aus als zuletzt in der Bundesliga. Trotz allem müssen wir aber weiter an unserem Torabschluss arbeiten. Wir hatten auch gegen Arsenal viele gute Szenen, aber der letzte Pass hat nicht gestimmt oder wir waren nicht zielstrebig genug. Wenn wir das konsequenter ausspielen, hätten wir in Führung gehen können oder sogar müssen.

Frage: Im Vorfeld wurde oft über die mangelnde Europapokal-Erfahrung der jungen Mannschaft gesprochen. Ist das aus Ihrer Sicht noch ein Thema?

Kehl: Ich denke, dass wir mit unserer jugendlichen Frische auch weiter erfolgreich Fußball spielen können, wie wir es in den letzten Spielzeiten schon gezeigt haben. Wir haben zusätzlich unsere Lehren gezogen aus den letzten Jahren, auch aus der Europa League. (lacht) Da haben wir gegen Sevilla zuhause trotz Überlegenheit noch verloren, dieses Mal haben wir wenigstens einen Zähler. Da sind wir ja schon mal einen Schritt weitergekommen. Im Ernst: Wir hatten Arsenal defensiv weitgehend im Griff und haben uns offensiv zahlreiche Tormöglichkeiten erarbeitet. Da brauchen wir über Erfahrung nicht mehr viel zu sprechen.

Frage: Wie schätzen Sie nach dem 1:1-Remis die Situation in Ihrer Gruppe ein?

Kehl: Wir hatten im Vorfeld vermutet, dass die Gruppe sehr ausgeglichen ist, wobei Arsenal als Topfavorit gilt. Wir haben jetzt gezeigt, dass wir mehr als mithalten können. Das macht uns Hoffnung. Und wir sind in diesem Spiel zurückgekommen, was wichtig war für unsere Moral.

Frage: Also glauben Sie weiter daran, dass sich der BVB für die nächste Runde qualifizieren kann?

Kehl: Wir werden in den nächsten beiden Spiel auswärts sehen, wo wir wirklich stehen in dieser Gruppe und wo unsere Reise in der Champions League hingeht. Die Art, wie wir gespielt haben, macht viel Mut für die nächsten Aufgaben. Wir haben weiterhin die berechtigte Hoffnung, diese Gruppe zu überstehen. Aber zwei Punkte mehr zum Start wären natürlich deutlich besser gewesen.

Aufgezeichnet von Dietmar Nolte